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Hallo zusammen,
ich bin schon seit einiger Zeit hier im Forum angemeldet und lese oft still mit. Nun dachte ich, schreibe ich auch mal was und stelle mich vor. Wohl auch deswegen, um mir selbst vor Augen zu führen, dass Alkohol noch immer ein Thema ist und wohl auch bleiben wird, egal wie lange ich schon nüchtern bin. Ich bin 38 Jahre alt und war sicher die letzten 15 Jahre abhängig. Ich trinke nicht mehr seit dem 25.8.23, davor habe ich täglich acht bis zehn Bier getrunken. Und keiner hat es gemerkt. Meine Frau war sehr überrascht, als ich ihr sagte, dass ich ein Problem habe. Ich konnte gut verstecken, wie viel ich trank. Und meistens merkte man es mir nicht mal an.
Wenn ich jetzt so auf die ganzen Alkoholjahre zurückblicke, kommt mir das alles so absurd vor. Ich wollte eigentlich nie Alkohol trinken, da ich schon recht früh wusste, was es mit dem Körper und Kopf macht. Nur war ich schon immer ein Außenseiter, der komische Typ, der in der Schule gemobbt wurde, mit familiären Problemen. Und was soll ich sagen - wenn man auf dem Gymnasium mit den coolen Kids in der Mittagspause ein Bier stürzen geht, hat man irgendwie das Gefühl dazuzugehören. Ich merkte, dass der Alkohol mich sozial kompatibler macht und meine Ängste schrumpfen lässt. So habe ich während des Studiums angefangen, regelmäßig zu trinken - mit Freunden, auf Studentenpartys oder einfach so, weil Mittwoch war. Haben ja alle gemacht. Mit den Jahren wurde das Bier zum täglichen Begleiter und wie ich jetzt weiß, habe ich versucht, mich damit selbst zu medikamentieren. Ich wurde 2015 mit Depression und Sozialphobie diagnostiziert, vermute ADHS bei mir (warte derzeit auf einen Platz in der Diagnostik) habe Antidepressiva genommen (bis vor kurzem) - aber den Alkohol hatte ich nie erwähnt, nicht beim Psychiater, nicht bei der Psychotherapie. Im Innersten wusste ich, dass er ein großer Teil des Problems war, aber ich hatte so sehr Angst davor, dass mir meine "Medizin" weggenommen werden würde. Und ich habe mich geschämt. Und das obwohl ich mir jeden Tag eingeredet hatte, dass es nicht so schlimm wäre, ich trinke eben meine "paar" Bier, aber ich habe ja alles im Griff und ich kann ja auch mal ein zwei Tage ohne, ich trinke ja nicht schon morgens und ich zittere ja nicht und und und (ihr kennt das). Ich habe es gewusst, aber verdrängt. Morgen. Morgen trinke ich mal nichts.
Jedenfalls bin ich damit lange "gut" gefahren, bis ich 2019 einen psychischen Zusammenbruch hatte. Es folgte ein Jahr Krankschreibung wegen Depression, Sozialphobie, Panikattacken. Während dieser Zeit wurde mein Sohn geboren und trotz allem war es eine schöne Zeit. Ich konnte bei meiner Frau und meinem Sohn sein. Aber ich trank. Und ich wollte daran nichts ändern. Bis ich dann auf Drängen meines Psychiaters für drei Monate in eine Tagesklinik ging, um die Depression und Ängste in den Griff zu bekommen und wieder für den Arbeitsmarkt verfügbar zu sein. Da war Alkohol tabu. Wer trank, flog raus.
Ich hatte meinen Konsum natürlich verschwiegen, ihn aber schon davor reduziert, um dann während der drei Monate nichts mehr zu trinken. Heraus kam es dann erst beim obligatorischen Blutbild. Die Leberwerte waren eine Katastrophe. Aber da ich mich während der Zeit an die Abstinenz hielt, waren sie nach der Zeit schon wieder fast im Normalbereich. Man attestierte mir (noch) keine Sucht, da ich ja "ohne Probleme" aufhören konnte zu trinken. Schädlicher Gebrauch stand dann auf dem Befund und man empfahl eine Suchtberatung. Was hat mein Trinkerhirn also daraus gemacht? "Siehst du, alles halb so schlimm. Blutwerte sind gut, du kommst ein paar Wochen ohne Alk aus und ab jetzt passen wir auf. Nicht mehr so viel. Bist ja nicht süchtig. Die Beratung kannst du ja trotzdem vielleicht irgendwann mal machen" (is klar ...). Die ersten Wochen danach trank ich so gut wie nichts. Dann mal ein, zwei Bier in der Woche. Aber es wurde wieder mehr. Und dann schleichend mehr als zuvor. Aus ehemals fünf Bier am Abend wurden acht bis zehn. Die meisten Morgen begannen mit Scham vor mir selbst, weil ich es wieder nicht geschafft hatte. Und dem leeren Versprechen "heute nicht".
So ging das noch weitere drei Jahre. Ich hatte nach der Tagesklinik eine tiefenpsychologische Gruppentherapie angefangen (und durchgezogen). Auch da ließ ich den Alkohol lange Zeit außen vor, obwohl es in der Gruppe immer mal wieder Thema war und ein trockener Alkoholiker dazugehörte. Aber je länger ich mich mit mir selbst beschäftigte und je besser es mir psychisch ging, umso mehr stellte ich den Alkohol infrage. Ich kam zu der Erkenntnis, dass ich "meine Medizin" nicht mehr brauchte, dass ich stark genug war, ohne auszukommen. Ich begriff, dass der Alkohol ein großer Teil des Problems war. Er ist ein Depressivum und kann über die Zeit Ängste verstärken.
Ach, und ich hatte Angst. Angst vor den gesundheitlichen Konsequenzen. Und davor, dass ich es bald nicht mehr von selbst schaffen würde, aufzuhören. Also trank ich am 24.8.23 meine letzten Biere. Ich weihte meine Frau an dem Abend ein (dabei war ich betrunken). Ich war mir noch nicht sicher, wie ich es schaffen sollte, aber der Entschluss war gefasst und ich meinte es ernst. Ich kaufte mir das Buch "Alkohol adé", buchte den Kurs von Nathalie Stüben. Und beides hat mir so sehr geholfen. Ich weiß nicht, ob ich die ersten Wochen ohne die NEMs geschafft hätte - ich bin davon überzeugt, dass die viel abgefedert haben. Ich outete mich auch in der Gruppe und die Reaktionen waren ausschließlich positiv und bestärkend. Die ersten zwei Wochen der Abstinenz waren hart und voller Cravings. Überall gab es Trigger. Und ich hatte wohl Glück, dass der körperliche Entzug nicht über nächtliches Schwitzen hinaus ging. Aber heute bin ich bei Tag 262. Es ist nicht immer leicht, aber ich gehe voran, Tag für Tag.
Ich werde sicher noch mehr hier im Forum schreiben. Mir fehlt es, mich mit anderen über das Thema auszutauschen.
Jedenfalls danke fürs "zuhören" und liebe Grüße
Robby
@dewfred Ganz ehrlich: Nein, kein Gedanke, zu keiner Zeit, seit über 3 Jahren. Ich denke das hat auch mit meiner Vorgeschichte zu tun, 40 Jahren waren einfach genug. Das war auch von Anfang an so, kein Craving, gar nichts, nada. Ich habe auch kein Problem wenn andere in meiner Gegenwart Alkohol trinken. Ich bin gerade im Urlaub, wir hatten gestern Freunde zum Spargel essen eingeladen und ich habe den Wein eingekauft der gut passt. Bloß weil ich keinen Alkohol trinke, müssen es die anderen ja auch nicht so machen. Ich werde diese Woche 60, da kommen ein paar Freunde zusammen, die trinken fast alle, völlig okay, ich werde nichts trinken, und da gibt es auch keinerlei Sehnsucht etwas zu trinken, für mich ist das Thema einfach erledigt. Ich habe genug Rausch in meinem Leben gehabt, das reicht für mindestens zwei Leben.
@dewfred ja, es vergeht "irgendwann" ... ganz sicher. Es ist nämlich irgendwann kein "Genuss-Gedanke" mehr. Mir geht es so, dass ich in äußersten Stress- und Notsituationen (von denen ich momentan einige habe), kurz mal den GEdanken aufblitzen sehe, im Hintergrund "ist eh alles wurscht, wir müssen alle sterben ..." - und dann denk ich mir: Du alter Trottel, fall nicht wieder in deine ausgefahrenen Traktorspuren rein, du weißt genau, dass es durch Alk noch nie besser, immer nur schlechter geworden ist ... also: stehs durch! Und hol dir den "Genuss" auf andere Weise! Denn das geht sehr gut - ist "nur" (!) eine FRage der (Denk-)Umstellung





