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März 2021 – Nach 19 Jahren (1) mit langsam, aber in Summe stetig steigendem Alkoholkonsum reicht es mir. Ich lese ein paar Bücher (2) zum Thema und entscheide mich – aus freien Stücken und nur für mich – dafür, nicht mehr Wollen zu müssen.
Ich trinke die restlichen Vorräte aus und bin ab dem folgenden Tag ein glücklicher Mensch. Und alkoholfrei. Die ersten Tage denke ich noch viel an Alkohol. Aber das stört mich wenig.
Gedanken kommen – Gedanken gehen.
Juni 2021 – Ich fühle mich seit drei Monaten Tag für Tag immer besser, mir fehlt es an nichts. Ich vermisse nichts.
Ein Umzug steht an. In eine Weinregion. In der Stadt, in die ich ziehe, wohnt eine langjährige Freundin. Sie ist – freundlich ausgedrückt – sehr trinkfest. Im Vorfeld mache ich mir Gedanken darüber, ob es ein Problem werden könnte, sie regelmäßig zu treffen. In meinem jugendlichen Leichtsinn (3) gehe ich davon aus, dass ich es ihr ja nicht gleichtun muss und hin und wieder ein Gläschen schon nicht schaden kann. Wenn ich nur bei Treffen mit ihr trinke und sonst nicht, sehe ich mich nicht gefährdet.
„Nüchtern“ betrachtet ist es so gekommen, dass ich besagte Freundin öfters getroffen habe, als ich im Vorfeld dachte, und es dauerte nicht lange, bis mein frommer Wunsch, daheim keinen Alkohol zu trinken sondern nur bei ihr, sich mit jedem getrunkenen Glas weiter und weiter entfernte, bis er völlig verschwunden war. Ich wollte nicht nur wieder trinken, ich musste es auch.
Das ganze alte Elend kam zurück. Und viel heftiger als je zuvor.
Mai 2022 – ich beginne eine neue Stelle. In meinem Alter geradezu ein Wunder, überhaupt nochmal eine bekommen zu haben. Und die Arbeit macht mir sogar Spaß. Was keiner weiß: Ich trinke „um die Arbeit herum“. Abends. Am Wochenende. An freien Tagen.
Juni 2022 – In meinem gesamten „Trinker-Leben“ habe ich noch nie daran gedacht, dass ich alkoholkrank sein könnte. Allerdings empfinde ich meine Trinkmengen als zu hoch.
Juli 2022 – Was schon einmal geklappt hat, das klappt auch noch einmal. Denke ich. Doch dem ist nicht so. Ich bekomme den Zwang, trinken zu müssen, nicht in den Griff. Wie von unsichtbarer Schnur gezogen, finde ich immer zielsicher die Regale, in denen der Stoff steht, den ich trinken will. Und muss. Natürlich gehe ich in verschiedene Läden zum Einkaufen. Soll ja schließlich nicht auffallen, dass ich so einen hohen Bedarf an Alkoholischem habe.
September 2022 – Mein Unbehagen steigt. Ich weiß mir nicht mehr zu helfen. Niemand, wirklich niemand weiß von meiner (übermäßigen) Trinkerei. Ich habe nie mit einem Arzt darüber gesprochen. Ich wollte keinen Stempel aufgedrückt bekommen, der dazu führt, dass es, egal bei welcher Krankheit, gleich heißt: „Sie müssen weniger trinken, dann wird das schon wieder“. So, wie es beim „Raucher-Stempel“ analog geschieht. Da wird gerne auch alles aufs Rauchen geschoben.
15. Oktober 2022 – Meine Verzweiflung erreicht ihren Höhepunkt. Ich will nicht mehr Müssen müssen. Ich weiß mir nicht mehr zu helfen. In meiner Not gehe ich zu einem Treffen der AA. Da, so denke ich, kann ich mich anonym offenbaren und Hilfe bei Gleichgesinnten finden. Ich muss mich an keiner offiziellen Stelle outen, niemand wird etwas erfahren. Das ist mir wichtig. Ich will nicht auf der Straße wiedererkannt werden. Ich will keinen Stempel.
Und so geschieht es auch. Ich werde sehr freundlich empfangen und höre zu, was die Menschen dort erzählen. Und ich bin völlig schockiert über diese „Trinker-Karrieren“. Ich habe im Leben nicht damit gerechnet (und mich auch nie damit beschäftigt), was das Trinken von Alkohol für Folgen haben kann. Angefangen beim Zittern der Hände (hatte ich noch nie), über den Verlust des Arbeitsplatzes bis hin zur Obdachlosigkeit (ist mir alles erspart geblieben). Und im schlimmsten Fall Suizid… Ich bin so schockiert, dass ich heim gehe und an dem Abend den Rest Alkohol trinke, der sich noch in meiner Wohnung befindet.
16.Oktober 2022 – Mein erster trockener Tag seit 1,5 Jahren. So lange hat es gedauert, bis ich aus dem Müssen und Wollen wieder ein „Nicht mehr Wollen müssen“ machen konnte. Ich habe nicht damit gerechnet, dass es so lange dauert, bis ich den Rückfall überwunden habe.
02.02.2023 - Und heute? – Heute ist Tag 108. Ich habe eine App (4), die das für mich zählt. Sooo wichtig ist mir die Zahl nämlich nicht. Meine vorherrschenden Gefühle aktuell sind Demut und Dankbarkeit.
Für mich zählt, dass ich HEUTE trocken sein kann. Und morgen ist wieder heute.
Ziemlich viel Text für eine „kurze“ Vorstellung. Deshalb höre ich jetzt erstmal auf.
Freundliche Grüße
Ahorn
(1) Wie es dazu kam erzähle ich ein andermal.
(2) Besonders gut gefallen hat mir: Heinz-Peter Röhr „Sucht - Hintergründe und Heilung“ – Abhängigkeit verstehen und überwinden. Patmos Verlag.
(3) Gefühlt bin ich keinen Tag älter als 40 – mein Perso sagt zwar etwas anderes, aber das ist mir egal.
(4) Sie heißt „I Am Sober“, ist kostenfrei in der Grundversion und bietet mehr als nur das Zählen der trockenen Tage.
Keine Ahnng, warum Textpassagen rot sind.
Kann das einer weg machen? Ist nicht von mir.
Und Anmerkungssterne sind auch verschollen 🙁
Jetzt hab ich (bin eingeloggt) ne Nachricht an alkohol-ade geschrieben und sie lässt sich nicht versenden, weil angeblich meine Email Adresse nicht stimmt. 🙄 Kann da bitte mal jemand nach schauen? Danke
Hallo, liebe Ahorn!
Eine sehr eindrucksvolle Vorstellung. In deiner Geschichte habe ich mich in Vielem wiedererkannt.
Herzlichen Glückwunsch zu 108 Tagen Nüchternheit. Bei mir sind es 1128 Tage, nach 40 Jahren Alkoholsucht. Ich wünsche es dir sehr, dass du deinen Weg so erfolgreich weitergeht.
Liebe Grüße
Isabel
@ahorn Offenbar interpretiert das Forums-Programm drei Sterne als Steuerzeichen für rote Schrift. Ist auch nicht unbedingt so ganz gewöhnlich in Texten ... und ich kann leider nichts daran ändern. Deshalb sind die drei Sterne weg und die rote Farbe ist da.
Ich kann nicht beurteilen, ob Deine Mailadresse richtig ist und kann sie auch aus Gründen der Anonymität hier nicht einstellen. Du kannst sie aber selbst in Deinem Profil überprüfen. Dieses erreichst Du mit dem Profilsymbol unter Deinem Namen, entweder oben in der Seitenleiste auf dem PC oder auf dem Handy weiter unten nach den Forumsbeiträgen.
@ahorn Herzlich willkommen bei uns - und alles Gute für dich! Ein Leben ohne Alkohol ist so viel lebenswerter, wie ich finde 😊
@isabel Vielen lieben Dank an Dich und alle anderen, die mich hier so freundlich willkommen geheißen haben. Dir und allen anderen viel Erfolg auf dem nüchternen Weg, der so unglaublich schön ist, dass es fast schon weh tut. Ich sag s, wie es ist... ich könnte heulen vor Glück, dass ich dieses Elend hinter mir lassen konnte, und ich denke jeden Tag daran, dass es so bleiben möge.
Liebe Grüße
Ahorn





