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Schon eine ganze Weile bin ich im Forum abgemeldet und trau mich jetzt mal „Hallo“ zu sagen. Ich bin sehr dankbar hier mitlesen zu können und profitiere sehr von Euren beschriebenen Erfahrungen.
Ich bin 53 Jahre alt, verheiratet und habe eine Tochter (35), und zwei Söhne (14 u. 12).
Meine Mutter war achtzehn als sie mich bekam. Mein Vater arbeitete als Kraftfahrer für eine Gerichtsmedizin. Für unsere kleine Familie baute man Aufenthaltsräume des Institutes zu einer Wohnung um, drei Zimmer mit Fernheizung, 1970 Luxus in der DDR und das Institut hatte einen unentgeltlichen „Hausmeister“.
Dass dieser Lebensraum für ein Kind unpassend sei, spiegelten mir meine Klassenkameraden als ich in die Schule kam, wohnte ich doch in dem „Gruselhaus“ aus dessen vergitterten Fenstern es streng nach Formalin roch. Informationen über Verbrechen gelangten im Osten kaum an die Öffentlichkeit, höchstens über das Westfernsehen. Meine Welt bestand aus „Mord und Totschlag“. Ich entwickelte starke Ängste. Mein Vater war streng, kontrollierend und unbeherrscht. Es wurde viel getrunken. „Nordhäuser Doppelkorn“.
Heute weiß ich, dass ich wohl sehr früh an Depressionen litt. Ich erinnere, wie ich aus der angebrochenen Nordhäuser Flasche im Kühlschrank ein schmales Gläschen abfüllte, in welchem sich vorher Kapern befanden. Wir unternahmen kurz vor den Ferien einen Schulausflug, in jenem Sommer, in welchem wir nach zehn Schuljahren auseinander gehen sollten. Auf dem Weg ins Kino zog ich meine Freundin hinter ein Häusereck. Ich angelte das Gläschen aus der Jackentasche und meinte: Komm wir probieren mal! - Da war es da, dieses warme Brennen in der Brust und die Wolke im Kopf! Ich glaube, dass ich auf eine Art sofort abhängig war.
Mit 16 erhielt ich überraschend einen Studienplatz an einer über 400 km entfernten künstlerischen Hochschule. Meine Eltern waren dagegen, gaben dem Druck der Schule jedoch nach. Für mich war dies Segen und Fluch zugleich. Zwar brach ich aus schwierigen Verhältnissen aus, aber die Kommilitonen in meinem Studienjahr waren bis zu zwölf Jahren älter als ich. Eine völlig andere Welt, von der absoluten Enge in die totale Selbstständigkeit. Alkohol war plötzlich kein Tabu mehr und wurde für mich, über Jahrzehnte zu einem treuen, geliebten und gehassten Freund, mit allem „hin“ und „weg“.
Mir war nie so richtig klar, warum ich trinke. Ich trank gegen seelischen Schmerz, aus Unsicherheit, gegen Müdigkeit, als Belohnung, um mutig zu sein, vor Freude, gegen Angst, bei Stress... mit einer Flasche Wein im Blut habe ich mich normaler gefühlt als nüchtern. Alle Versuche den Alkohol dauerhaft aus meinem Leben zu verbannen scheiterten. Irgendwann glaubte ich, er gehöre halt zu meinem Leben dazu.
Das Buch habe ich vor einigen Wochen zufällig im Netzt entdeckt, gekauft und in selbiger Nacht durchgelesen. Ich habe mir die NeM‘s besorgt und bin quasi „reingestolpert“ in die Abstinenz. Was für ein „Aha-Erlebnis“, so anders als bei vorherigen Therapien. Die NeM‘s helfen mir sehr. Ich habe das erste Mal in meinem Leben das Gefühl, ohne Alkohol „ganz“ zu sein. Nach zwölf Tagen habe ich mir selbst nicht getraut, weil es plötzlich relativ einfach war den Alkohol wegzulassen und kaufte, eigentlich ohne Grund, Wein und trank ihn auch, wie aus Gewohnheit. Am nächsten Tag habe ich „resettet“ und bin jetzt wieder bei Tag 11.
Ich wünschte ich könnte meinen geliebten/gehassten Freund einfach vergessen.
@verena Herzlich willkommen! Du meinst sicher "angemeldet" und nicht abgemeldet? Egal. Spannend, wie unterschiedlich die Lebensgeschichten hier sind. Wie oft und wie hast Du es denn versucht, Alkohol aus Deinem Leben zu verbannen?
So ein besonders einfühlsamer und ganz genau beschriebener Eingangsbericht... hab Dank dafür.
Der Weg hin zum Alkohol genauso wie weg ist oft... sonderbar.
Großartig für Dein Dasein.
Liebe Verena,
ein sehr herzliches Willkommen hier, schön, dass Du den Weg zu uns gefunden hast. Zu Deinem Rückfall eine Bemerkung: Du bist damit nicht allein. Ich habe das schon öfters gehört, dass eben gerade wenn die NEM so gut unterstützten der Betroffene übermütig wurde. Dann hatte die Weinhexe leichtes Spiel mit dem Gesäusel: "Guck, ist ja so leicht, Du kannst ja doch ...." Deshalb warne ich hier auch gerade solche Mitglieder davor, die mit den NEMs einen besonders guten Start erwischen.
Zu Deiner Hoffnung, Deinen geliebt-gehassten Freund vergessen zu können: Lass Dich ermuntern. Dieser Mistkerl (es ist KEIN Freund) verblasst, wird schwächer, verkrümelt sich in die Ecke und glänzt irgendwann durch Abwesenheit.
Das wird alles, auch Du wirst es schaffen!
Liebe Grüße
Gaby
Liebe Verena!
Tief bewegt habe ich deinen Beitrag gelesen. Unsere Berichte sind so unterschiedlich und ähneln sich andererseits wiederum so sehr. Wie schön, dass du hier gelandet bist. Ich drücke dir ganz fest die Daumen, dass du es schaffst und ich bin sicher, dass du es kannst. Vielleicht kann ich dir ja auch Mut machen: 40 Jahre getrunken, das letzte Jahrzehnt stark - auch ich habe den Ausstieg geschafft, seit nun 20 Monaten.
Liebe Grüße Isabel
Danke Für Euer herzliches willkommen!! @harley ...da hat sich ein Schreibfehler eingeschlichen.... Ich las jede Menge Bücher, war auch einmal bei AA, hatte jedoch keinen Zugang. Als ich jünger war hatte ich eine Tagtraum- und eine Verhaltenstherapie. Alkohol wurde da gar nicht thematisiert. Nach einer Trauma-Therapie vor einigen Jahren habe ich es mal ein ganzes Jahr geschafft auf Alkohol zu verzichten. Als ich älter wurde machte ich mir Gedanken wegen der körperlichen Auswirkungen, versuchte den Konsum wegzulassen, aber es klappte immer nur ein zwei Tage...
@isabel .... oh das macht mir wirklich Mut, dass Du es nach 40 Jahren geschafft hast. Wie ist es Dir geglückt?
@verena Ich hatte im Jahr 2019 etliche Erlebnisse, die mir klar gemacht haben, dass ich auf eine Wand zurase, so z.B. einen schlimmen Sturz, gelb gefärbte Augen... Da war mir dann klar, dass ich 2 Alternativen habe: entweder mit dem Alkohol aufhören oder zugrunde gehen. Ich habe dann Weihnachten noch vorbeigehen lassen , da ich wusste, dass das eine ganz gefährliche Zeit für mich war. Über Silvester 2019/20 war ich 3 Tage mit meinem Hund in einem Hotel und habe richtiggehend Abschied vom Alkohol zelebriert: das letzte Pils, das letzte Glas Sekt, das letzte Glas Wein im Restaurant. Im Hotelzimmer, nachts, habe ich dann meine letzte Flasche getrunken, in dem Bewusstsein, dass ich nun nie wieder einen Tropfen trinken werde. Das war schon heftig. Aber weißt du was: Der Ausstieg war, im Gegensatz zu meinem 1. Versuch zwei Jahre vorher, bei dem ich gescheitert bin, erstaunlich leicht. Ich hatte seitdem nie einen schlimmen Saufdruck, ein paar heikle Situationen, die ich gut bewältigt habe. Nach 3 Monaten fragte ich meinen Mann, ob er gemerkt hat, dass ich nicht mehr trinke. Nein, hatte er nicht, aber er hat sich riesig gefreut. Jetzt sind es 20 Monate ohne einen Tropfen. Ich glaube, für mich liegt der Schlüssel auch darin, dass ich nicht auf Alkohol verzichte (das erzeugt irgendwie ein negatives Gefühl), sondern dass ich mich von Alkohol enthalte und weiß, dass ich dafür etwas viel Besseres bekomme: ein gesundes Leben in Freiheit, ohne Lügen, Scham.
Was vielleicht auch eine Rolle spielt: Wegen meinem seit 30 Jahren andauernden Tinnitus habe ich vor etwas mehr als 2 Jahren mit transzendentaler Meditation angefangen. Sie soll auch bei Süchten helfen und ich merke, dass sie mir sehr gut tut.
Mit den NEM's müsste es dir noch leichter fallen. Aber nur, weil ich es allein durchgezogen habe, heißt das nicht, dass es für jeden gut ist. Hier wird schon, und bestimmt zu Recht, daraufhin gewiesen, dass man den Ausstieg unter fachlicher Leitung durchziehen sollte. Auf jeden Fall drück ich dir die Daumen und freu mich, von dir zu lesen.
Alles Liebe
Isabel
@gaby_guzek Liebe Gaby, ich empfinde das mit dem Alkohol fast wie, wenn sich im Kopf ein Schalter umlegen würde. Oh, dass wäre schön, wenn sich der Mistkerl verkrümelt. Das dauert sicher lange... ? @isabel Danke für Deinen Bericht! 20 Monate wow....so lang habe ich seit ich sechzehn bin nie am Stück auf Alkohol verzichten können. Ich kann nicht mal sagen, ich möchte mein Leben zurück, da ich nicht weiß, wie sich ein Leben ohne Abhängigkeit anfühlt.
@verena Liebe Verena, das konnte ich auch nicht. Substanzkonsumenten können sich ein Leben ohne die Droge ihrer Wahl nicht vorstellen. "Da ihre Süchte ihnen biochemischen Ersatz für Liebe, Lebenskraft und Freude bieten, würde die Aufforderung, von ihren Gewohnheiten abzulassen, bedeuten, von ihnen zu fordern, dass sie auf ihre emotionalen Erfahrungen verzichten müssen, die ihr Leben für sie lebenswert machen. (Dr. Mate, "Im Reich der hungrigen Geister", S. 362 - übrigens ein sehr lesenswertes Buch) Man kann sich nicht vorstellen, ohne Alkohol zu leben. Aber es geht und ich war von 17 - 61 Jahren abhängig, also 44 Jahre lang. Ich finde, das 1. Jahr ist am schwersten, da du all die Situationen erlebst, die für dich mit Alkohol verbunden waren: der 1. Geburtstag ohne Alkohol, das 1. Weihnachten, der 1. Urlaub, der erste große Kummer, die erste riesige Freude, die erste Party, das 1. Sommerfest, der erste Streit. und, und und... All das war für mich ein Anlass zu trinken. Und dann durchlebst du die Situationen und trinkst eben nicht. Mit mords einem Bammel davor. Und merkst, dass es geht. Dass alles auszuhalten ist und hinterher hast du eben keinen Kater, kein beschissenes Gefühl, keine Selbstvorwürfe, keine Scham, kein Lügengebäude.... Und in die nächste Situation gehst du schon ein bisschen stärker hinein. Und irgendwann ist das 1. Jahr vorbei und du hast all die Situationen, von denen du dachtest, dass du es nie, nie ohne Alkohol hinkriegst, gemeistert. (Ich erzähle hier von meinen Erfahrungen, vielleicht bringen sie dir etwas.)
Für mich hätte übrigens der Ansatz: "Diesen heutigen Tag verzichte ich auf Alkohol" nicht gepasst. Da wäre für mich immer der Hintergedanke dabei: "Na ja, es können ja auch mal wieder Tage mit Alkohol kommen, sprich kontrolliertes Trinken." Nein, bei mir musste es die Tatsache sein: Von jetzt an nie mehr, mein ganzes restliches Leben lang, einen Tropfen Alkohol. Diese Endgültigkeit hat mir sehr geholfen. Für andere hier mag der andere Ansatz richtig sein. Hauptsache, es hilft.
Liebe Verena, hab ein bisschen chaotisch geschrieben, um mich wuseln 2 Enkelkinder herum.
Alles Liebe
Isabel





