Frisch abstinent – und plötzlich spielt das Gefühlsleben verrückt? Hochs und Tiefs wechseln sich ab, Tränen kommen aus dem Nichts, Euphorie kippt in Erschöpfung. Warum diese emotionale Achterbahn in der frühen Abstinenz fast normal ist, was im Gehirn wirklich passiert und warum Geduld jetzt der wichtigste Verbündete ist – darum geht es in diesem Beitrag.
Von Gaby Guzek
Der Entschluss ist gefasst. Der Alkohol bleibt weg. Tag 1, Tag 2, Tag 3 der Abstinenz. Und irgendwo im Hinterkopf sitzt oft diese Erwartung: Jetzt müsste doch alles besser werden. Klarer Kopf, gute Laune, Erleichterung, vielleicht sogar Euphorie. Umso irritierender ist es, wenn stattdessen etwas ganz anderes passiert.
Viele Menschen erleben in den ersten Tagen und Wochen der Abstinenz eine ausgeprägte emotionale Achterbahnfahrt. Hochs und Tiefs wechseln sich ab, manchmal innerhalb kürzester Zeit. Tränen schießen scheinbar grundlos in die Augen, kurz darauf fühlt sich alles wieder überraschend leicht an. Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt – und das mehrfach am Tag.
Das ist kein persönliches Versagen. Und es ist auch kein Zeichen dafür, dass Abstinenz „nicht funktioniert“.
Gefühle kommen zurück – ungefiltert
Alkohol wirkt nicht nur berauschend. Für viele Menschen fungiert er über Jahre hinweg als eine Art emotionaler Dämpfer. Negative Gefühle werden abgeschwächt, innere Spannungen gedämpft, Ängste leiser gestellt. Manche merken gar nicht, dass sie Alkohol unbewusst als eine Form von Selbstmedikation einsetzen.
Fällt dieser Dämpfer weg, kommen die darunterliegenden Gefühle wieder an die Oberfläche. Depressionen, Ängste oder Panikstörungen, die früher vielleicht schon vorhanden waren, können sich in der frühen Abstinenz deutlich bemerkbar machen – teils sogar stärker als zuvor. Das ist der medizinische Teil der Geschichte …
Das Gehirn muss sich neu sortieren
Hinzu kommt ein zweiter Faktor, der oft unterschätzt wird: das neurobiologische Chaos der frühen Abstinenz. Alkohol greift massiv in die Regulation zentraler Botenstoffe ein, insbesondere Serotonin und Dopamin. Diese Systeme geraten über die Zeit aus dem Gleichgewicht.
Wird der Alkohol abgesetzt, läuft das Gehirn nicht einfach sofort wieder „normal“. Es ruckelt. Es stolpert. Es sucht nach einer neuen Balance.
Manche Menschen erleben in dieser Phase die sogenannte Pink Cloud. Für ein bis zwei Wochen fühlt sich alles überraschend leicht an. Die Stimmung ist euphorisch, die Welt wirkt freundlich, alles scheint möglich. Das gibt es wirklich – und es kann sich großartig anfühlen.
Problematisch wird es, wenn diese Phase endet. Dann kommt oft die Ernüchterung. Manchmal sogar ein regelrechter Absturz. Und genau hier taucht häufig der gefährliche Gedanke auf: Wenn das das Leben ohne Alkohol ist, dann kann ich auch wieder trinken. Mit Alkohol ging es mir wenigstens gut.
Das Suchtgedächtnis meldet sich zuverlässig
In solchen Momenten meldet sich das Suchtgedächtnis. Leise, aber beharrlich. Ein Glas würde doch helfen. Nur ein Schluck. Dann wäre das alles wieder erträglicher.
Diese Gedanken sind kein Zeichen von Schwäche. Sie sind Teil des Prozesses.
Was hilft wirklich?
Die ehrlichste Antwort lautet: aussitzen. Nicht weglaufen. Diese Phase geht vorbei. Das, was Du gerade erlebst, bist nicht „Du“. Es ist ein über Jahre fehlreguliertes Neurotransmittersystem, das sich neu ordnet.
Bewegung, frische Luft und Struktur können helfen – ja. Aber auch hier ist Ehrlichkeit wichtig. Wer in einem massiven Dopaminloch steckt, hat oft schlicht keinen Antrieb. Dann ist der gut gemeinte Rat „geh doch mal spazieren“ ungefähr so hilfreich wie „lach doch mal“ bei einer Depression.
Geduld ist kein unbedingt beliebtes Wort. Aber es ist in dieser Phase entscheidend.
Zeit ist der entscheidende Faktor
Bildgebende Verfahren zeigen sehr eindrücklich, was in dieser Zeit im Gehirn passiert. In den ersten Tagen der Abstinenz ist die Dopaminaktivität deutlich reduziert. Nach etwa zwei Wochen beginnt sich etwas zu verändern. Nach einem Monat sind klare Verbesserungen sichtbar. Und nach etwa drei Monaten haben sich die Systeme bei den allermeisten Menschen weitgehend stabilisiert.
Für dieses Vierteljahr die Abstinenz wieder aufzugeben, lohnt sich nicht. Denn erst danach beginnt der Zustand, in dem man sich selbst wieder erkennt. Erst dann entsteht die Grundlage, um sich den eigentlichen Themen des Lebens zu widmen – den echten Problemen, die gefühlt und bearbeitet werden wollen.
Oder, wie es ein alter Spruch treffend zusammenfasst:
Das Schöne an der Abstinenz ist, Du spürst Deine Gefühle wieder.
Das Schwierige an der Abstinenz ist, Du spürst Deine Gefühle wieder.
Wenn Du gerade mitten in dieser Gefühls-Achterbahn steckst: Sie ist nicht dauerhaft. Bleib dran. Es lohnt sich.
Video: Frisch abstinent und auf der Gefühls-Achterbahn
Transkript des Videos “Frisch abstinent und auf der Gefühls-Achterbahn”
Hallo, herzlich willkommen mal wieder zu einem neuen Video von Nichtgeschüttelt, Nichtgerührt, dem Videokanal von Alkohol Adé für ein fröhliches Leben ohne Alkohol. Heute gucken wir uns mal die Gefühlsachterbahn an in der ersten Zeit der Abstinenz, denn die trifft fast jeden und manchmal ist es auch nicht so einfach, damit umzugehen. Dafür gibt es natürlich auch Gründe, und das Ganze mal im Paket gucken wir uns jetzt an.
Ich hoffe, ich kann Euch da dann auch ein paar gute Tipps und Tricks mit auf den Weg geben, wie Ihr die Zeit eventuell besser übersteht. Also, sagen wir, der Entschluss ist gefasst, die Abstinenz beginnt, heute ist Tag 1 oder 2 oder 3 und dann sitzen wir alle da und warten darauf, dass das Leben jetzt endgültig wahnsinnig schön wird, weil das kriegen wir ja mal erzählt. Also, das Leben ohne Alkohol ist wahnsinnig schö
Wie frustrierend, wenn es am Anfang erstmal ganz anders kommt. Viele frisch Abstinente, die kriegen das von ihrem Gefühlsleben her, himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt, das Ganze in einer halben Stunde und wieder retour. Kein Problem.
Viele kennen das auch, dass Euch dann die Tränen unvermittelt in die Augen schießen oder andersrum, dann kommt so das große Jubeln. Also, wirklich extreme Gefühle, die man so gar nicht kennt und Achtung, die man früher vielleicht sonst eben auch mit dem Alkohol betäubt hätte, weil wenn sie negativ sind, man sie eigentlich gar nicht haben will. Und da sind wir jetzt dann schon am Punkt.
Natürlich kommen Dinge wieder, die der Alkohol nur gedeckelt hat. Ihr kennt meine alte Hypothese, das ist eigentlich sogar mehr, dass zum Beispiel wer unter Depressionen auch nur leichte Depressionen leidet, dass der irgendwann halt am Alkohol kleben bleibt, weil das also eine Art Medikament für ihn ist, ohne dass er es merkt. Fällt das Medikament weg, dann kommen natürlich auch die Depressionen wieder.
Das ist klar. Das ist der rein medizinische Part. Dasselbe ist bei Angst- und Panikstörungen zum Beispiel.
Die kommen dann auch mit voller Wucht wieder. Und wenn ich sage mit voller Wucht, genauso wie bei den Depressionen, ist es natürlich auch so, dass das noch wesentlich heftiger sein kann als vorher. Weil, und jetzt sind wir bei den ganzen Neurotransmittern wieder, Ihr wisst das, die Systeme sind komplett aus der Bahn geschossen.
Das Serotonin-System, das Dopaminsystem, das hat komplette Schieflage und das ist dann auch das, was man in der frühen Abstinenz zu spüren bekommt. Es ruckelt im Kopf ganz, ganz heftig. Die Glücklichen unter uns, die erwischt gar nicht erst mal die Gefühlsachterbahn oder das Leben ist traurig, sondern die sitzen dann mal zwei Wochen auf der rosa Wolke.
Die gibt es tatsächlich. The Pink Cloud. Eine wunderbare Angelegenheit.
Das Leben ist wirklich rosa, das heißt ja auch so. Es ist alles schön. Man könnte die Leute und die Welt und überhaupt alles umarmen und das Leben ist einfach nur wunniglich. Feine Sache. Bis die rosa Wolke weitergezogen ist. Dann kommt manchmal sogar ein richtiger Absturz, so wie wenn einer von der Wolke runterfäll
Oder aber zumindest die Ernüchterung, dass das ja zumindest so nicht bleibt. Also dass das Leben irgendwann auch mal wieder richtig anstrengend wird. Der Fehler ist dann, egal ob es die rosa Wolke war oder halt dann eben die Gefühlsachterbahn oder der Dauerhänger, dann zu sagen: also wenn das das ganze Leben ohne Alkohol ist, dann kann ich auch wieder trinken.
Da ging es mir wenigstens gut mit. Das Ganze noch in Kombination mit so einem zirpenden Suchtgedächtnis. Ach komm ey, ich weiß doch, wir wissen doch genau, was Dir jetzt helfen würde. Komm, einen Schluck und dann ist das alles wieder tutti paletti. Ach komm, das eine Glas.
Ja, ja, bla bla bla.
Kennen wir alle. Was hilft? Aussitzen. Schlicht und ergreifend aussitzen.
Und fest im Kopf behalten, Leute, das geht vorbei. Ich hatte es Euch ja eben gesagt. Es ruckelt, es zuckelt.
Euer ganzes Gehirn ist erst mal durcheinander. Und das regelt sich auch wieder. Es braucht bloß Zeit.
Also aussitzen, abwarten. Nein, das ist nicht der Rest Eures Lebens. Das seid auch nicht Ihr.
Eure Persönlichkeit, das ist ein wild gewordenes, völlig stolperiges, holperiges Neurotransmittersystem. Natürlich gibt es dann auch noch so zusätzliche Tipps, dass man sagt, geh raus, beweg dich. Das stimmt auch alles.
Aber wer zum Beispiel ganz hart mit so einem Dopaminloch zu kämpfen hat. Dopamin ist ja auch für Antrieb und Motivation zuständig, vom Alkohol komplett zerrissen, das ganze System. Wenn man ihm sagt, ach komm jetzt, mach doch mal Sport, geh doch mal spazieren, der kriegt seinen Hintern gar nicht vom Sofa. Das ist also ein echt wohlfeiler Tipp.
Geht nicht. Genauso könnte man zu einem Depressiven sagen, ach komm, lach doch mal. Die Sonne scheint doch, also lach. Geht auch nicht. Von daher habt Geduld. Wir haben bei uns mal ein Bild gezeigt auf der Website, das könnt Ihr Euch da auch noch anschauen.
Das zeigt auch wirklich in einer Computertomographie oder in einer SPECT-Aufnahme besser gesagt, wie das Hirn eines ganz, ganz frischen Alkoholikers, frisch abstinenten Alkoholikers tickt. Wo da die Dopamin-Durchblutung, die Zentren, die Dopamin produzieren, durchblutet sind, da ist erstmal nada, flat, da kommt nix, da funkelt auch nix. Nach 14 Tagen sieht das schon wieder ganz gut aus und nach einem Monat sagt man, hey, da tut sich was, ja, ja, ja, da kommt was.
Und nach einem Vierteljahr ist das bei den aller-, aller-, allermeisten wieder in Ordnung. Und für dieses Vierteljahr, was vielleicht suboptimal läuft, dann zu opfern, die Abstinenz wieder aufzugeben, Leute, das ist es nicht wert, weil danach werdet Ihr Euch wiedererkennen, danach werdet Ihr Euch wieder einpendeln und vor allem danach ist dann überhaupt erst die Zeit, sich vielleicht um die richtigen Probleme zu kümmern, die natürlich dann auch gefühlt und gelebt werden wollen.
Das ist ja so der coole Spruch:
Das Schöne an der Abstinenz ist, Du spürst deine Gefühle wieder.
Das Blöde an der Abstinenz ist, Du spürst deine Gefühle wieder.
Ich hoffe, ich konnte Euch wieder ein paar Erkenntnisse verschaffen und würde mich freuen, Euch auch beim nächsten Mal wieder dabei zu haben.
Wenn Ihr der Meinung seid, dieses Reel sollte jemand sehen, dann postet es gerne auf den sozialen Medien oder schickt es weiter. Bis es wieder dann heißt: Nicht geschüttelt, nicht gerührt – dem Videokanal von Alkohol Adé für ein fröhliches, abstinentes Leben. Bis zum nächsten Mal!
Häufig gestellte Fragen zu “Frisch abstinent und auf der Gefühls-Achterbahn”
In den ersten Wochen nach dem Alkoholstopp ordnet sich das Gehirn neu. Alkohol hat über längere Zeit in die Regulation von Neurotransmittern wie Dopamin und Serotonin eingegriffen. Nach dem Wegfall des Alkohols geraten diese Systeme zunächst aus dem Gleichgewicht. Die Folge sind starke Stimmungsschwankungen, Überempfindlichkeit und emotionale Extreme. Das ist kein Zeichen von Schwäche, sondern ein vorübergehender neurobiologischer Zustand.Warum fühlt sich die frühe Abstinenz emotional so extrem an?
Ja. Viele frisch abstinente Menschen erleben Hochs und Tiefs, die sich innerhalb kurzer Zeit abwechseln. Tränen, Euphorie, Reizbarkeit oder innere Leere können auftreten. Diese Schwankungen gehören bei vielen zur frühen Abstinenz und sagen nichts darüber aus, wie sich das Leben ohne Alkohol langfristig anfühlen wird.Sind starke Stimmungsschwankungen nach dem Alkoholstopp normal?
Die Pink Cloud beschreibt eine Phase erhöhter Euphorie in den ersten Tagen oder Wochen der Abstinenz. Betroffene fühlen sich besonders optimistisch, energiegeladen und emotional erleichtert. Diese Phase kann sehr angenehm sein, ist aber meist vorübergehend. Wenn sie endet, bedeutet das keinen Rückschritt, sondern einen normalen Teil der Stabilisierung.Was ist die sogenannte Pink Cloud in der Abstinenz?
Bei den meisten Menschen verbessert sich die emotionale Stabilität schrittweise innerhalb der ersten Wochen. Nach etwa einem Monat zeigen sich deutliche Fortschritte, nach rund drei Monaten haben sich die neurobiologischen Systeme bei den meisten weitgehend eingependelt. Der genaue Verlauf ist individuell, aber die Phase ist zeitlich begrenzt.Wie lange dauert die emotionale Achterbahn nach dem Alkoholstopp?
Das Wichtigste ist Geduld. Die emotionale Instabilität ist kein Dauerzustand. Gut tun können Struktur, Schlaf, sanfte Bewegung und soziale Unterstützung. Entscheidend ist, die Gefühle nicht als endgültige Wahrheit über das eigene Leben zu interpretieren. Sie spiegeln einen Übergangszustand wider, keinen stabilen Endpunkt.Was hilft wirklich bei emotionalen Tiefs in der frühen Abstinenz?
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Gaby Guzek
Ehemalige Betroffene, Bestsellerautorin, Coach & Mitbegründerin von Alkohol adé
Hat es sich zum Ziel gesetzt, die Neurobiologie der Sucht bekannter zu machen und damit Betroffenen Schuld- und Schamgefühle zu nehmen.


