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Krisenmodus beendet – die Leber kehrt zu ihrer eigentlichen Arbeit zurück

Mann fährt auf Fahrrad durch winterliche Landschaft

Die Leber ist eines der leistungsfähigsten Organe des Körpers – und zugleich eines der stillsten. Sie meldet sich nicht. Sie fordert keine Aufmerksamkeit. Sie arbeitet im Hintergrund, rund um die Uhr, ohne Pause.

Unter normalen Bedingungen ist ihre Aufgabe klar: Sie filtert, sortiert, baut um. Sie verarbeitet Nährstoffe, reguliert Hormone, macht Abfallstoffe unschädlich. Zucker, Fette, Eiweiße, Medikamente – alles läuft hier zusammen. Die Leber entscheidet, was gespeichert wird, was weitergegeben wird und was den Körper verlassen muss.

Vor allem aber sorgt sie für Balance. Sie hält den Blutzuckerspiegel stabil, stellt Energie bereit, wenn sie gebraucht wird, und fährt Prozesse herunter, wenn Ruhe angesagt ist. Kurz gesagt: Sie koordiniert den Stoffwechsel, damit der Körper nicht permanent im Notfallmodus arbeiten muss.

Alkohol durchbricht dieses System.

Sobald Alkohol im Körper ist, wird er für die Leber zur obersten Priorität. Er kann nicht gespeichert werden, das Nervengift muss raus aus dem Körper, muss sofort abgebaut werden. Dafür werden Enzymsysteme hochgefahren, andere Aufgaben zurückgestellt oder verlangsamt. Der Stoffwechsel schaltet um – von Balance auf Krisenmanagement.

Wird der Alkohol dann auch noch regelmäßig nachgefüllt, bleibt dieser Zustand bestehen. Die Leber arbeitet nicht mehr hauptsächlich für den langfristigen Bedarf des Körpers, sondern gegen eine zum Dauerzustand gewordene Belastung mit einem Gift. Zuckerregulation wird ungenauer, Fettverarbeitung verschiebt sich, Entgiftungsprozesse konkurrieren miteinander. Das geschieht oft unbemerkt – aber nicht folgenlos.

Tag 10 markiert einen wichtigen Wendepunkt.

Nach etwa zehn Tagen ohne Alkohol ist die Leber nicht geheilt, also noch nicht wieder auf dem Niveau wie vor der Dauerberieselung mit Alkohol. Aber sie ist aus dem Dauer-Alarm heraus. Der ununterbrochene Krisenmodus fällt weg. Enzyme müssen nicht mehr ständig auf Höchstleistung gegen Alkohol arbeiten. Die alltäglichen Stoffwechselprozesse können wieder gleichmäßiger ablaufen.

Viele spüren das nicht als plötzigen Energieschub. Sondern als etwas Subtileres: weniger Einbrüche, weniger Erschöpfung am Nachmittag, stabilere Konzentration. Energie steht wieder zur Verfügung – nicht als kurzes Hochgefühl, sondern verlässlich.

Das ist kein Zufall. Wenn die Leber aufhört, permanent zu kompensieren, muss der Körper weniger gegenregulieren. Blutzucker schwankt weniger stark. Stresshormone werden gleichmäßiger verarbeitet. Der gesamte Stoffwechsel läuft ruhiger.

Viele unterschätzen diese Phase, weil sie unspektakulär ist. Dabei ist sie entscheidend. Ein Stoffwechsel, der nicht ständig im Krisenmodus arbeitet, schafft die Grundlage für alles Weitere: stabile Energie, bessere Belastbarkeit, klarere Signale aus dem Körper.

Wenn Du heute das Gefühl hast, dass Dinge etwas leichter laufen, ohne dass Du mehr tust, ist das keine Einbildung. Es ist das Zeichen, dass ein zentrales Organ wieder beginnt, im Normalbetrieb zu arbeiten.

Bitte beachte unbedingt: Wenn Du starke Beschwerden haben solltest wie Zittern, Angst, Schwitzen, Übelkeit/Erbrechen oder plötzliche Schlafstörungen, dann beantworte den Fragebogen unter diesem Text ehrlich. Das könnten Symptome eines Alkoholentzugs sein, der unbedingt sofortige ärztliche Aufsicht bräuchte.

Falls der Arzt Dir raten sollte, vorerst wieder mäßig zu trinken, dann wäre das in dieser Phase ein absoluter Standardrat und nichts Verrücktes. Man kann so Entzugssymptome erst einmal unterdrücken und die Zeit bis zu einem professionellen Eingreifen überbrücken.

Entzugsrisiko-Selbstcheck: 10 Fragen

Dieser Selbstcheck dient ausschließlich der Einschätzung des medizinischen Risikos für einen Alkoholentzug. Er ersetzt keine ärztliche Abklärung. Unabhängig vom Ergebnis gilt: Bitte wende Dich für Deine persönliche Einschätzung an Arzt oder Suchtberatung.

Datenschutz: Die Auswertung erfolgt anonym in Deinem Browser. Es werden keine personenbezogenen Daten erhoben und keine Antworten gespeichert oder übertragen. Wenn Du das Browserfenster schließt sind die Daten weg.

1) Hast Du in den letzten sechs Monaten Alkohol konsumiert?
2) Bestand in den letzten 90 Tagen eine Alkoholintoxikation?
3) Wurdest Du jemals wegen Alkohol-Entzugserscheinungen behandelt oder überwacht?
4) Gab es in der Vergangenheit Entzugsanfälle, also Krampfanfälle beim Weglassen des Alkohols?
5) Gab es in der Vergangenheit ein Delirium tremens?
6) Wird aktuell ein Blutalkohol > 0,1 % (1 ‰) gemessen?
7) Wurden in den letzten 90 Tagen Sedativa, Hypnotika oder andere GABA-wirksame Medikamente regelmäßig eingenommen?
8) Wird der Entzug stationär erwartet oder ausgelöst (z. B. geplante OP, Notaufnahme, Inhaftierung)?
9) Liegen Symptome vor wie Zittern (Tremor), Schwitzen, schneller Herzschlag (Tachykardie), Bluthochdruck (Hypertonie)?
10) Bestehen weitere Erkrankungen wie z. B. Lebererkrankungen, Elektrolytstörungen, Infekte oder Traumata, die Entzugssymptome verstärken könnten?
Bitte beantworte alle 10 Fragen, damit eine Auswertung möglich ist.

Die Einordnung erfolgt nach dem PAWSS-System, das an der MAYO-Klinik in den USA entwickelt wurde.

Mehr dazu findest Du in unserem Lexikon .

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Arzt, Autor, Angehöriger & Mitbegründer von Alkohol adé

Dr. med. Bernd Guzek

Arzt, Autor, Angehöriger & Mitbegründer von Alkohol adé

Beschäftigt sich seit vielen Jahren mit den biochemischen Grundlagen von Sucht und Hirnstoffwechselstörungen sowie deren Beeinflussung durch Nährstoffe.


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