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Mann hat abends Alkohol getrunken und steht nun mitten in der Nacht hungrig vorm Kühlschrank

Nach dem Trinkgelage mitten in der Nacht an den Kühlschrank – warum ist das so?

Von Dr. med. Bernd Guzek

Viele kennen das: Nach einem feuchtfröhlichen Abend meldet sich irgendwann der Hunger. Mitten in der Nacht, oft gegen drei oder vier Uhr, steht man plötzlich in der Küche und sucht nach Pizza, Chips oder Schokolade. Selbst Menschen, die abends kaum Appetit haben, wachen nach Alkohol mit knurrendem Magen auf. Aber warum eigentlich?

Die Antwort ist etwas komplizierter als „anstrengender Abend, zu viele Kalorien verbraucht“. Alkohol bringt gleich mehrere Regelkreise durcheinander, die unseren Hunger und unser Sättigungsgefühl steuern.

Wenn der Kühlschrank der eigentliche Endgegner ist

Natürlich könnte man sagen: „Ein paar Bier sind ja schon Kalorien genug.“ Doch der eigentliche Figur-Killer kommt oft erst weit nach Mitternacht. Während nüchterne Menschen im Tiefschlaf liegen, kämpfen Alkoholkonsumenten mit ganz anderen Gegnern: der Tiefkühlpizza, den Chipsresten im Schrank oder dem letzten Stück Kuchen vom Vortag. Der Kühlschrank wird zum Endgegner – und gewinnt fast immer.

Das Ergebnis zeigt sich dann nicht selten auf der Waage, in enger gewordenen Jeans oder am Bauchumfang, der von Abend zu Abend weitgehend unbemerkt, aber stetig wächst.

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Alkohol und der Blutzucker

Alkohol hat einen direkten Effekt auf den Zuckerstoffwechsel. Normalerweise kann die Leber aus Bausteinen wie Aminosäuren oder Milchsäure neue Glukose bilden – ein Prozess, der Glukoneogenese heißt. Alkohol blockiert diese Neubildung. Das bedeutet: Nach einigen Stunden ohne Nahrungszufuhr fällt der Blutzuckerspiegel ab, weil der Energiespeicher „Leber“ ausfällt.

Gleichzeitig kurbelt Alkohol die Ausschüttung von Insulin an. Dieses Hormon sorgt dafür, dass Zucker schneller aus dem Blut in die Zellen verschwindet. Die Folge: Der Blutzucker sinkt noch schneller. Ergebnis: der Körper reagiert mit einem kräftigen Hungersignal.

Die Hunger-Hormone geraten aus dem Takt

Das ist aber noch nicht alles. Neben dem Blutzucker spielen auch die Hormone Ghrelin und Leptin eine Rolle. Ghrelin ist so etwas wie ein Hungerhormon. Es wird im Magen freigesetzt und signalisiert dem Gehirn: „Zeit zum Essen“. Ihr ahnt es schon: Alkohol treibt den Ghrelin-Spiegel nach oben – der Appetit steigt weiter.

Leptin ist das Gegengewicht vom Ghrelin. Es stammt aus dem Fettgewebe und vermittelt Sättigung. Nach Alkoholkonsum sinkt der Leptin-Spiegel – das Stop-Signal aus dem Fettgewebe kommt später als normal. Man fühlt sich weniger satt, selbst wenn man eigentlich genug gegessen hat. Zusammen ergibt das eine gefährliche Mischung – gesteigerter Hunger und fehlendes Sättigungsgefühl.

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Schnell erklärt

Ghrelin regt Appetit an, Leptin signalisiert Sättigung. Alkohol verschiebt beide – Hunger steigt, Sättigung bleibt aus.

Belohnungssystem doppelt gekitzelt

Wer isst, wird belohnt. Wer Alkohol trinkt, auch. Beide Reize laufen im Gehirn über das gleiche Dopaminsystem, genauer gesagt über den Nucleus accumbens. Dort sitzt unser „Craving-Schaltkreis“. Alkohol aktiviert ihn, Essen ebenfalls.

Kommen beide zusammen, gibt es einen kräftigen Dopamin-Doppelschlag. Das verstärkt das Verlangen nach kalorienreicher Nahrung, oft nach Fettigem oder Süßem.

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Salz, Wasser und Energie

Ein weiterer Effekt von Alkohol ist die Hemmung des antidiuretischen Hormons (ADH). Dadurch produziert der Körper mehr Urin und verliert Flüssigkeit. Das kann ein Verlangen nach salzigen Snacks hervorrufen, um gegen den Flüssigkeitsverlust gegenzusteuern – denn Salz bindet Wasser.

Hinzu kommt der Wärmeverlust: Alkohol erweitert die Blutgefäße, man gibt mehr Wärme nach außen ab. Der Körper reagiert auch darauf mit Hunger, um zusätzliche Energie zum Nachheizen zuzuführen.

Folgen für Gesundheit und Alltag

Das „Nachtfressen“ nach Alkohol ist nicht nur eine Kalorienfalle. Wer spät nachts noch Pizza oder Döner verdrückt, belastet den Magen und verschlechtert die Schlafqualität. Am nächsten Tag fühlt man sich zusätzlich erschöpft.

Langfristig verstärkt das Muster aus Alkohol plus nächtlichem Essen die Gewichtszunahme, fördert die Entstehung einer Fettleber und erhöht das Risiko für das metabolische Syndrom. Und nicht zuletzt: Der nächtliche Blutzuckerabfall kann Herzrasen, Unruhe und Panikattacken auslösen.

Viele halten das für Entzugserscheinungen – in Wirklichkeit steckt oft eine Unterzuckerung dahinter.

Fazit

Dass man nach Alkohol plötzlich großen Hunger verspürt, ist kein Zufall. Alkohol bringt gleich mehrere Systeme durcheinander – vom Zuckerstoffwechsel über die Hormone bis zum Belohnungssystem im Gehirn. Das Ergebnis: Hunger zur Unzeit und ein Griff zu Lebensmitteln, die man nüchtern vielleicht gar nicht gewählt hätte.

Wer das versteht, erkennt: Alkohol ist nicht nur eine „leere Kalorie“, sondern auch ein Appetitanreger. Und das macht ihn gleich doppelt gefährlich.

Mann hat abends Alkohol getrunken und steht nun mitten in der Nacht hungrig vorm Kühlschrank

Häufig gestellte Fragen (FAQ)

Warum bekomme ich nach Alkohol nachts Hunger?

Alkohol blockiert die Glukoneogenese in der Leber. Der Blutzucker fällt ab.
Gleichzeitig steigen Ghrelin und oft auch das Insulin.
Das verschiebt Hunger und Sättigung. Ergebnis: nächtlicher Heißhunger.

Warum habe ich besonders Lust auf Fettiges oder Süßes?

Alkohol und Essen aktivieren dieselben Dopaminbahnen im Belohnungssystem.
Bei niedrigem Blutzucker bevorzugt der Körper schnell verfügbare Kalorien.
Deshalb wirken fett- und zuckerreiche Speisen besonders reizvoll.

Hilft es, vor dem Trinken zu essen?

Eine ausgewogene Mahlzeit mit Eiweiß, Ballaststoffen und etwas Fett dämpft Blutzuckerschwankungen.
Das kann Heißhunger abmildern.
Den Haupteffekt des Alkohols auf Leber und Hormone hebt es jedoch nicht auf.

Ist nächtlicher Hunger ein Entzugssymptom?

Oft steckt eine nächtliche Unterzuckerung dahinter. Sie kann Herzrasen, Unruhe und starkes Hungergefühl auslösen.
Bei regelmäßig hohem Konsum können auch echte Entzugssymptome auftreten.
Im Zweifel immer ärztlich klären lassen.

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Arzt, Autor, Angehöriger & Mitbegründer von Alkohol adé

Dr. med. Bernd Guzek

Arzt, Autor, Angehöriger & Mitbegründer von Alkohol adé

Beschäftigt sich seit vielen Jahren mit den biochemischen Grundlagen von Sucht und Hirnstoffwechselstörungen sowie deren Beeinflussung durch Nährstoffe.