Wer aufhört zu trinken, merkt schnell: Nicht alle Beziehungen überstehen die Nüchternheit. Dieser Artikel hilft dabei, echte Freundschaften von reinen Trink-Bekanntschaften zu unterscheiden – und erklärt, warum das in der frühen Abstinenz überlebenswichtig sein kann.
Von Gaby Guzek
Wer aufhört zu trinken – oder ernsthaft darüber nachdenkt – stößt früher oder später auf eine Frage, die unangenehm ist, aber gestellt werden muss: Sind das da eigentlich Freunde? Oder verbindet uns im Grunde nur der Alkohol?
Diese Frage fühlt sich zunächst undankbar an. Vielleicht sogar ein bisschen paranoid. Aber sie ist alles andere als trivial – denn der soziale Kontext gehört zu den häufigsten Rückfall-Triggern überhaupt. Wer babysober ist, also ganz frisch abstinent, sollte sich ihr stellen, bevor der nächste Abend in vertrauter Runde zur unerwarteten Bewährungsprobe wird.
Was ist eigentlich ein Saufkumpan?
Ein Saufkumpan ist nicht automatisch ein schlechter Mensch. Aber er ist jemand, mit dem die gemeinsame Zeit vor allem eines gemeinsam hatte: Alkohol. Der Witz funktionierte besser nach dem dritten Bier. Die Stimmung stimmte erst, wenn die erste Runde stand. Der Abend war eigentlich nur dann ein guter Abend, wenn dabei ordentlich getrunken wurde.
Stellen Sie sich ehrlich die folgenden Fragen:
Habe ich diese Person getroffen, weil ich sie interessant finde – oder weil es eine gute Gelegenheit zum Trinken war?
Würde ich mich auch auf einen Kaffee mit ihr verabreden – oder käme das für uns beide gar nicht in Frage?
Interessiert mich, wie es dieser Person wirklich geht – oder läuft das Gespräch immer nur an der Oberfläche, solange die Gläser voll sind?
Wenn die ehrliche Antwort auf diese Fragen unbequem ist, haben Sie Ihre Antwort bereits.
Warum Saufkumpane Sie in der Abstinenz unter Druck setzen werden
Saufkumpane sind nicht nur deshalb ein Trigger, weil man in ihrer Gesellschaft automatisch in alte Muster zurückfällt. Sie werden aktiv dazu beitragen, dass Sie wieder trinken – oft ohne sich dessen bewusst zu sein.
Das läuft meist nach einem erkennbaren Muster ab: Sie bleiben beim Abendessen beim Wasser. Irgendjemand am Tisch wird das kommentieren. „Spaßbremse.” „Was ist denn mit dir los?” „Ein Glas wird doch nicht schaden.” Der Druck ist selten bösartig gemeint. Er ist Reflex.
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Der Grund dafür liegt tiefer: Wer neben jemandem sitzt, der nüchtern bleibt, bekommt ungewollt einen Spiegel vorgehalten. Plötzlich stellt sich die Frage, ob das eigene Trinken auch so aussieht. Das ist unangenehm. Der einfachste Weg, dieses Unbehagen loszuwerden, ist, Sie wieder ins Boot zu holen.
Das sagt nichts Böses über diese Menschen. Aber es sagt etwas Wichtiges darüber, was diese Beziehung trägt – und was passiert, wenn Alkohol aus der Gleichung herausfällt.
Echte Freunde verhalten sich anders
Ein echter Freund oder eine echte Freundin muss Ihre Entscheidung nicht verstehen, um sie zu respektieren. Ein kurzes „Nein danke” reicht – und das war’s. Kein Nachhaken, kein Kommentar, kein sanfter Druck.
Echte Freundschaften tragen sich auch ohne Alkohol. Das Gespräch funktioniert beim Mittagessen genauso wie abends in der Bar. Der andere Mensch interessiert Sie – nicht die Situation, die Alkohol erst erträglich macht.
Das ist das entscheidende Kriterium: Stellen Sie sich vor, Sie treffen diese Person auf einen Kaffee, an einem Dienstagvormittag, völlig nüchtern. Würde das Gespräch trotzdem funktionieren? Würden Sie danach mit dem Gefühl nach Hause gehen, dass es sich gelohnt hat?
Wenn ja: echter Freund, echte Freundin. Wenn Sie bei dieser Vorstellung innerlich zögern: Sie wissen, was das bedeutet.
Saufkumpane aussortieren – was das in der Abstinenz bedeutet
Saufkumpane aussortieren bedeutet nicht zwingend, Menschen dauerhaft aus dem Leben zu streichen. Es bedeutet zunächst: Abstand schaffen, solange Sie sich in der frühen Abstinenz stabilisieren. Gerade in den ersten Wochen und Monaten ist das soziale Umfeld ein erheblicher Einflussfaktor.
Mit zunehmendem Abstand zum letzten Drink und wachsender Stabilität können Sie besser einschätzen, ob aus einem ehemaligen Saufkumpan vielleicht doch mehr werden kann – oder ob die Verbindung tatsächlich ausschließlich auf dem gemeinsamen Trinken basiert hat.
Beides ist eine gültige Erkenntnis. Beides verdient einen klaren Blick.
Wer diesen Prozess nicht alleine durchlaufen möchte, ist damit nicht schwach – sondern klug. Begleitete Abstinenz, ob durch Coaching, eine Gruppe oder therapeutische Unterstützung, macht genau diese sozialen Neuorientierungen leichter. Nicht weil jemand die Entscheidungen abnimmt, sondern weil es hilft, sie laut aussprechen zu können.
Wie Sie den Abstand kommunizieren – ohne Drama
Das Aussortieren klingt einfacher, als es ist. In der Praxis stehen viele vor der Frage: Was sage ich überhaupt? Wie erkläre ich, warum ich nicht mehr mitkomme – ohne einen Konflikt vom Zaun zu brechen?
Die gute Nachricht: Sie müssen gar nichts erklären. Eine ehrliche, aber kurze Antwort reicht meistens völlig aus:
„Ich trinke gerade nicht – und versuche deshalb, solche Abende erst mal zu meiden.”
„Ich bin gerade in einer Phase, in der ich auf mich achten muss. Melde mich, wenn sich das ändert.”
„Ich sag lieber Nein, bevor es schwierig wird.”
Wer darauf mit Verständnis reagiert, gehört vielleicht doch in die erste Kategorie. Wer drängt, bohrt oder beleidigt ist – hat Ihnen gerade ungewollt eine wichtige Information gegeben.
Es kann wehtun. Es darf wehtun
Was in Nüchtern-Ratgebern gerne übersehen wird: Menschen loszulassen, mit denen man jahrelang unterwegs war, ist kein einfacher Schritt. Auch wenn die Verbindung hauptsächlich über Alkohol funktioniert hat – es waren echte Abende, echte Momente, echtes Lachen.
Der Verlust ist real. Und er darf sich auch so anfühlen.
Das bedeutet nicht, dass die Entscheidung falsch ist. Es bedeutet nur, dass Abstinenz manchmal auch Trauer mit sich bringt – und dass das dazugehört. Wer das anerkennt, statt es wegzuschieben, ist stabiler unterwegs als jemand, der sich einredet, es sei ihm egal.
Fazit
Die Frage „Freunde oder Saufkumpane?” ist keine Frage der Undankbarkeit. Sie ist eine Frage der Ehrlichkeit – sich selbst gegenüber. Wer abstinent leben will, braucht ein soziales Umfeld, das das trägt oder zumindest respektiert.
Das einfachste Kriterium bleibt: Mit wem könnten Sie sich auch auf einen Kaffee treffen – und es wäre trotzdem gut?
Die, bei denen die Antwort Ja ist: behalten Sie sie. Die anderen: erst mal Abstand.
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Gaby Guzek: Freunde oder Saufkumpane?
Videotranskript zu “Freunde oder Saufkumpane?”
Freunde oder Saufkumpane? Das ist eine der zentralen Fragen, die man sich leider stellen muss, wenn man babysober ist, also ganz frisch abstinent, denn es gilt ja nun mal, Trigger zu vermeiden, und ein häufiger Trigger ist ja der soziale Kontext. Das heißt, ich bin mit Leuten zusammen, die kräftig einen nehmen und wenn das immer so war, dann ist die Gefahr groß, dass ich selbst halt eben auch wieder zugreife. Von daher bedeutet Abstinenz auch, den Freundeskreis ein bisschen durchzuschauen.
Das heißt, wer ist eigentlich ein echter Freund und wer ist eigentlich mehr Saufkumpane? Fällt manchmal ein bisschen schwer, das Ganze dann auch vor sich selbst zuzugeben, aber wenn Sie sich fragen, habe ich den eigentlich getroffen, um mich wirklich mit ihm oder ihr zu unterhalten? Interessiert er oder sie mich wirklich oder war das mehr eine Ausrede, um selber auch trinken zu können? Oder ist diese Gesellschaft, was weiß ich, irgendein Club oder so eigentlich nur lustig, wenn dabei auch ordentlich gepegelt wird? Das sind Saufkumpane und diese Saufkumpane haben noch einen weiteren Nachteil, außer dass allein sich mit ihnen zu umgeben ein echter Trigger ist. Die werden sie nämlich auch zum Trinken animieren. Das heißt, wenn Sie also da versuchen, abstinent durch den Abend zu kommen, dann wird mindestens einer ihnen ständig irgendwas auftrinken wollen, nachdem man so, oh Spaßbremse, was ist mit dir los und so.
Das Ding ist, dass diese Menschen ganz genau wissen, dass sie offensichtlich selbst auch nur ein Saufkumpan sind und wenn sie jetzt da nüchtern bleiben, dann halten sie diesen ja einen Spiegel vor. Und das ist inakzeptabel vor der eigenen Belügerei, die die solchen Leuten ja ebenso treiben, wie sie sie früher betrieben haben und von daher muss man sie ja dazu irgendwie überreden, auch zu trinken. Von daher ganz wichtig, Saufkumpane gehören erst mal aussortiert.
Es gibt übrigens noch ein Kriterium, das hilft, das eine vom anderen ziemlich gut zu unterscheiden. Genau das, ein Freund, ein echter Freund oder Freundin würde sie niemals quasi zwingen, Alkohol zu trinken. Da reicht dann, nö danke und Freund oder Freundin sagt, ey cool.
Freund oder Freundin sind auch die, mit denen sie sich genauso gut auf ein Kaffeetrinken treffen können, wie abends in der Kneipe. Mit wem das niemals ginge, den sortieren sie bitte erst mal aus. Soweit für heute.
Ich hoffe, ich konnte mal wieder einen sinnvollen Tipp loswerden und ich wünsche wie immer alles Gute!
Häufig gestellte Fragen zu “Freunde oder Saufkumpane? ” (FAQ)
Was ist der Unterschied zwischen einem echten Freund und einem Saufkumpan?
Ein echter Freund respektiert Ihre Entscheidung, keinen Alkohol zu trinken, ohne zu kommentieren oder Druck zu machen. Ein Saufkumpan hingegen ist jemand, mit dem die gemeinsame Zeit vor allem über Alkohol definiert war – das Gespräch, die Stimmung, der Spaß funktionierten hauptsächlich mit Alkohol.
Muss ich alle Saufkumpane dauerhaft aus meinem Leben streichen?
Nicht unbedingt. In der frühen Abstinenz geht es zunächst darum, Abstand zu schaffen, um sich zu stabilisieren. Mit wachsender Sicherheit können Sie neu beurteilen, ob eine Verbindung auch ohne Alkohol trägt.
Warum drängen Saufkumpane darauf, dass ich mittrinke?
Wer nüchtern bleibt, hält anderen ungewollt einen Spiegel vor. Um das eigene Unbehagen darüber zu verdrängen, versuchen manche, die abstinente Person wieder „ins Boot zu holen” – oft ohne böse Absicht.
Wie erkenne ich, ob eine Freundschaft auch ohne Alkohol funktioniert?
Das einfachste Kriterium: Könnten Sie sich mit dieser Person auch auf einen Kaffee an einem ganz normalen Vormittag treffen – und es wäre trotzdem ein gutes Gespräch? Wenn ja, ist die Freundschaft echt.
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Gaby Guzek
Ehemalige Betroffene, Bestsellerautorin, Coach & Mitbegründerin von Alkohol adé
Hat es sich zum Ziel gesetzt, die Neurobiologie der Sucht bekannter zu machen und damit Betroffenen Schuld- und Schamgefühle zu nehmen.

