Ich bin jetzt etwas mehr als 5 Monate trocken. Anfangs habe ich diese Situationen strikt vermieden, sogar das Einkaufen, um mich zu schützen, vor allem vor mir selbst. Mittlerweile gehe ich auch wieder auf Feste und Veranstaltungen, bei denen oft viel Alkohol im Spiel ist und „einfach“ dazugehört, total normal ist. Mir macht es nichts aus. Ich fühle mich nicht als Exot. Mich frustriert höchsten meine arg beschränkte Auswahl an Alternativen: alkoholfreies Bier und Wein will ich nicht, zuckerhaltige Limonaden & Co. konnte ich noch nie leiden, leckere alkoholfreie Getränke haben sich hier in unserer doch recht ländlichen Region noch nicht so stark etabliert. Bleibt nur Wasser, bisschen langweilig …
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Fachliche Einordnung durch Dr. med. Bernd Guzek
Werden soziale Situationen in der Abstinenz mit der Zeit wirklich leichter – oder bleibt das Rückfallrisiko?
Was hier beschrieben wird, ist ein klassischer Prozess der Trigger-Exposition: Das Gehirn lernt durch wiederholte Erfahrung, dass bestimmte Situationen – Feste, gesellige Runden, der Anblick von Alkohol – nicht mehr zwangsläufig mit Trinken verknüpft sind. In der Suchtmedizin spricht man von Extinktionslernen: Die konditionierte Reaktion auf einen Reiz schwächt sich ab, wenn die erwartete Belohnung wiederholt ausbleibt. Dass dieser Prozess nach fünf Monaten bereits so weit fortgeschritten ist, spricht für eine stabile Abstinenz. Wichtig bleibt, dass das Suchtgedächtnis die alten Verknüpfungen nicht löscht, sondern lediglich überlagert – unerwartete Stresssituationen oder starke emotionale Reize können die Reizreaktivität reaktivieren. Die beschriebene Frustration über fehlende alkoholfreie Alternativen ist kein Randthema: Ein abwechslungsreiches Getränkeangebot erleichtert die soziale Teilhabe in der Abstinenz erheblich und senkt das Risiko, sich in Trinksituationen ausgegrenzt zu fühlen.
Häufig gestellte Fragen zu Abstinenz und sozialen Situationen (FAQ)
Ist es riskant, in der frühen Abstinenz wieder auf Feste zu gehen?
In den ersten Wochen ist Vorsicht sinnvoll, weil das Gehirn noch stark auf alkoholbezogene Reize reagiert. Mit zunehmender Abstinenzzeit schwächt sich diese Reaktion ab. Entscheidend ist, auf das eigene Empfinden zu achten und Situationen zu verlassen, wenn Saufdruck aufkommt – die Fähigkeit, Grenzen zu setzen, ist wichtiger als die Frage, ob man „schon bereit” ist.
Warum werde ich auf Feiern mit der Zeit gelassener gegenüber Alkohol?
Das Gehirn verarbeitet wiederholte Erfahrungen: Wenn eine Situation, die früher mit Trinken verbunden war, mehrfach ohne Alkoholkonsum durchlaufen wird, schwächt sich die konditionierte Reaktion ab. Dieser Prozess heißt Extinktionslernen und ist neurobiologisch gut belegt. Die alten Verknüpfungen bleiben gespeichert, verlieren aber an Kraft.
Ist alkoholfreies Bier eine gute Alternative auf Festen?
Das hängt von der individuellen Situation ab. Für manche Menschen stabilisiert ein alkoholfreies Getränk das soziale Erleben. Für andere aktiviert bereits der Geschmack oder das Ritual eine Reizreaktivität, die Saufdruck auslösen kann. Wer unsicher ist, kann mit neutralen Alternativen wie Wasser, Schorle oder Ingwergetränken beginnen und beobachten, wie der Körper reagiert.
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