Ich war 35 Jahre abstinent, ich kann noch nicht einmal sagen, dass ich stolz darauf war; es war für mich zum Normalzustand geworden.
Darum war es für mich um so erschreckender, dass ich im …, und noch einmal im … zwei schlimme Rückfälle hatte. Der zweite war so schlimm, dass ich mit luxierter Hüfte im Krankenhaus landete.
Den ersten Rückfall habe ich als “Unfall” abgeharkt: Aufstehen, Krone richten, weitermachen, und nicht mehr drüber nachdenken.
Seit dem zweiten Rückfall ist mir klar geworden, dass etwas nicht stimmt, und ich habe mich …
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Fachliche Einordnung durch Dr. med. Bernd Guzek
Kann man nach 35 Jahren Abstinenz wirklich noch einen Rückfall erleben – und warum wird der zweite oft schlimmer als der erste?
Auch nach Jahrzehnten ohne Alkohol bleibt das Suchtgedächtnis erhalten. Die neuronalen Verknüpfungen, die Alkohol einst mit Erleichterung oder Belohnung verbunden haben, werden inaktiv – aber sie verschwinden nicht. Ein einzelner Auslöser kann sie reaktivieren, selbst nach 35 Jahren. Dass der erste Rückfall als „Unfall” abgehakt wird, ist ein häufiges Muster: Die Betroffenen unterschätzen die Bedeutung des Ereignisses und verzichten auf eine Aufarbeitung. Genau das erhöht die Wahrscheinlichkeit eines zweiten Rückfalls. Medizinisch ist zudem der sogenannte Kindling-Effekt relevant: Mit jedem neuen Entzug reagiert das Nervensystem empfindlicher, und die körperlichen Folgen können drastisch zunehmen – bis hin zu Stürzen, Verletzungen oder Krankenhausaufenthalten. Lange Abstinenz schützt vor vielem, aber nicht vor der Biologie der Sucht.
Häufig gestellte Fragen zu Rückfall nach langer Abstinenz (FAQ)
Kann man nach Jahrzehnten der Abstinenz noch rückfällig werden?
Ja. Das Suchtgedächtnis speichert die Verbindung zwischen Alkohol und Belohnung dauerhaft. Auch nach 20, 30 oder 35 Jahren ohne Alkohol können bestimmte Auslöser – Stress, Lebenskrisen oder veränderte Lebensumstände – diese Verknüpfungen reaktivieren. Abstinenz bedeutet Stabilität, nicht Heilung.
Warum ist der zweite Rückfall oft schwerer als der erste?
Der sogenannte Kindling-Effekt beschreibt, dass das Nervensystem mit jedem Entzug empfindlicher reagiert. Körperliche Symptome können stärker ausfallen, und das Risiko für schwere Folgen wie Krampfanfälle oder Verletzungen steigt. Deshalb sollte kein Rückfall als isolierter „Ausrutscher” abgetan werden.
Was macht es so gefährlich, einen Rückfall als Unfall abzuhaken?
Wer einen Rückfall nicht aufarbeitet, verpasst die Chance, den Auslöser zu erkennen. Die Verdrängung vermittelt ein trügerisches Sicherheitsgefühl und lässt die eigentliche Ursache bestehen. Fachleute empfehlen, jeden Rückfall – auch einen einzelnen – mit einer Beratungsstelle oder in einer Selbsthilfegruppe zu besprechen.
Redaktionelle Texte werden geprüft von Dr. med. Bernd Guzek
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