Von da an, soweit ich mich erinnere, gehörte der Alkohol dazu. Es war ja so cool, Bier und härtere Sachen zu trinken. Jede Tanzveranstaltung war auch ein Betrinken. Treffen mit Freunden war ohne Alkohol Kindergarten. Zu irgendeiner Prüfung in der 10., ich glaube es war Sport, hatte ich bestimmt 1,5 Promille auf dem Kessel. Na und, ging alles gut. Dachte ich !
Nun ist es ja auch so, das unter dem Einfluss von Alkohol vieles einfacher erscheint. Persönliche Ängste kann man damit in die Ecke des Verdrängens verschieben. Einschlafen gelingt mit angeschalteter Rundumleuchte einfach besser. Gerade als Schichtarbeiter – ich habe nach meiner Lehre in Schichten gearbeitet. Und was war schon dabei, kann doch nicht so schlimm gewesen sein, andere machen es doch genauso. Soweit ich es mitbekommen habe, hatte mein Vater seht oft – oder immer – eine Flasche Weinbrand dabei, wenn er zur Schicht gegangen ist. Mein Bruder leerte eine kleine Flasche Schnaps im Bus auf der Heimfahrt nach der Schicht. Alkohol hat mich umgeben, es war keiner da, der mich gewarnt hätte, vor dem, was auf mich zukommt.
Ein anonymer Erfahrungsbericht aus dem Alkoholiker-Forum von Alkohol adé.
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Fachliche Einordnung durch Dr. med. Bernd Guzek
Was passiert, wenn Alkohol schon in der Kindheit als etwas völlig Normales erlebt wird?
Was in diesem Bericht beschrieben wird, ist ein Muster, das in der Suchtmedizin gut dokumentiert ist: Wer in einem Umfeld aufwächst, in dem Alkohol allgegenwärtig ist und von niemandem hinterfragt wird, lernt früh, Trinken als selbstverständlichen Teil des Lebens zu betrachten. Die Übergänge zwischen Gewohnheit, Bewältigungsstrategie und Abhängigkeit verlaufen dabei oft schleichend. Besonders die Verbindung von Alkohol mit emotionaler Entlastung – hier das Verdrängen von Ängsten und das Einschlafen trotz Schichtarbeit – zeigt, wie sich eine Toleranzentwicklung entwickeln kann, noch bevor der Betroffene sie als solche erkennt. Wenn zudem Vater und Bruder offen trinken, fehlt jede Korrekturmöglichkeit durch das soziale Umfeld. Das Gehirn verknüpft Alkohol dauerhaft mit Normalität und Erleichterung – ein Lernprozess, den die Suchtforschung als klassische Konditionierung beschreibt. Die rückblickende Erkenntnis „es war keiner da, der mich gewarnt hätte” benennt einen fehlenden Schutzfaktor, der die Entwicklung einer Alkoholabhängigkeit erheblich begünstigt.
Häufig gestellte Fragen zu Alkoholismus in der Familie (FAQ)
Erhöht Alkohol in der Familie das eigene Suchtrisiko?
Ja. Wer in einem Umfeld aufwächst, in dem regelmäßig Alkohol konsumiert wird, lernt Trinken als normales Verhalten. Neben der sozialen Prägung spielen auch genetische Faktoren eine Rolle – beides zusammen erhöht das Risiko für eine spätere Alkoholabhängigkeit deutlich.
Warum bemerken Betroffene oft lange nicht, dass sie alkoholabhängig werden?
Wenn Alkohol seit der Kindheit zum Alltag gehört, fehlt der Vergleichsmaßstab. Die Toleranzentwicklung verläuft schleichend, und solange das Umfeld ebenfalls trinkt, gibt es kaum Impulse zur Selbstreflexion.
Kann Alkohol als Einschlafhilfe bei Schichtarbeit zur Abhängigkeit führen?
Alkohol verkürzt zwar die Einschlafzeit, verschlechtert aber die Schlafqualität erheblich. Bei Schichtarbeitern, die regelmäßig trinken, um trotz unregelmäßiger Arbeitszeiten einschlafen zu können, entwickelt sich häufig eine Abhängigkeit.
Redaktionelle Texte werden geprüft von Dr. med. Bernd Guzek
Die Texte auf der Seite ersetzen keine medizinische Beratung.
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