Es gibt so viele Situationen, in denen mir heute bewusst wird, dass ich eine ähnliche Situation früher nur mit Alkohol ausgehalten, betäubt oder ertränkt hätte. Nicht unbedingt, weil ich zwingend trinken wollte, sondern weil ich damals kaum andere Möglichkeiten hatte, mit dem umzugehen, was in mir oder um mich herum passiert ist.
Heute ist das anders. Ich muss mich nicht mehr passend machen für eine Situation und ich muss auch nichts mehr wegtrinken, was sich unangenehm anfühlt. Wenn mir eine Gesellschaft nicht passt, darf ich gehen. Wenn mich etwas beschäftigt, kann ich mich damit auseinandersetzen. Und wenn eine Situation schwierig ist, muss ich sie nicht mehr mit Alkohol erträglich machen.
Das ist wohl einer der größten Unterschiede zu früher: Ich brauche den Alkohol nicht mehr, um irgendwo dazugehören oder etwas aushalten zu können.
Ein anonymer Erfahrungsbericht aus dem Alkoholiker-Forum von Alkohol adé.
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Fachliche Einordnung durch Dr. med. Bernd Guzek
Warum wird es in der Abstinenz plötzlich möglich, unangenehme Situationen ohne Alkohol auszuhalten?
Alkohol dient vielen Betroffenen über Jahre als Bewältigungsstrategie für Situationen, die sich unangenehm oder überfordernd anfühlen. Das Gehirn speichert Alkohol dabei als einzig verfügbaren Ausweg ab – ein Muster, das tief im Suchtgedächtnis verankert wird. In der Abstinenz beginnt ein Prozess, den die Neurologie als Neuroplastizität beschreibt: Neue Verhaltensweisen – wie das bewusste Verlassen einer Situation – werden möglich und stabilisieren sich mit der Zeit. Die wachsende Erfahrung, schwierige Momente auch ohne Substanz aushalten oder aktiv gestalten zu können, stärkt die sogenannte Selbstwirksamkeit. Dieser Zugewinn an Handlungsfähigkeit ist einer der zentralen Schutzfaktoren gegen Rückfälle.
Häufig gestellte Fragen zu Abstinenz und sozialen Situationen (FAQ)
Warum trinken viele Menschen Alkohol in unangenehmen sozialen Situationen?
Alkohol dämpft Anspannung und senkt Hemmschwellen. Viele Betroffene lernen früh, ihn als Bewältigungsstrategie einzusetzen – nicht aus Genuss, sondern um soziale Situationen überhaupt aushalten zu können. Mit der Zeit wird dieses Muster im Suchtgedächtnis verankert.
Wie verändert Abstinenz den Umgang mit schwierigen Situationen?
In der Abstinenz entwickeln sich neue Handlungsmöglichkeiten: Situationen verlassen, Grenzen setzen oder Gefühle bewusst aushalten. Diese Fähigkeiten stärken die Selbstwirksamkeit und stabilisieren sich mit zunehmender Dauer der Abstinenz.
Ist es normal, sich in Gesellschaft ohne Alkohol unwohl zu fühlen?
Ja. Viele Menschen in früher Abstinenz erleben soziale Situationen zunächst als anstrengender, weil die gewohnte Dämpfung durch Alkohol fehlt. Dieses Gefühl lässt in der Regel nach, wenn sich neue Bewältigungsstrategien gefestigt haben.
Redaktionelle Texte werden geprüft von Dr. med. Bernd Guzek
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