„Du wolltest doch saufen“ – ich habe es so satt!

Angeblich wollen Alkoholiker ja trinken. Können Sie nicht aufhören, fehlt einzig der Wille. So heißt es jedenfalls landläufig.

Medizinisch und biologisch gesehen ist das allerdings grober Unfug. So unsinnig, als wenn man einem Rheumatiker sagt: „Du bist ja nur zu faul, Dich zu bewegen.“

Es sind komplexe, neurobiologische Stoffwechselvorgänge, die einen letztlich immer wieder zur Flasche greifen lassen.

„Du wolltest ja saufen.“ Das ist nicht nur falsch, sondern auch noch unfair. Gut, der Laie, der nichts mit Alkoholismus zu tun hat, plappert nur ein gängiges Vorurteil nach und kann es nicht besser wissen. Wenn trockene Alkoholiker aber solche Frechheiten Frischlingen um die Ohren hauen, wird es kriminell. Ob die nun einen Rückfall hatten oder zum ersten Mal Hilfe suchen, bekommen sie je nach Tageszeit und Stimmung beispielsweise folgendes zu hören:

  • Du wolltest ja saufen
  • hat Dir ja keiner in den Hals gedreht, die Flasche
  • bist halt noch nicht tief genug gesunken
  • steckst noch nicht tief genug in der Schei…
  • dann musst Du halt noch weiter saufen, bis Du es kapierst
  • jeder darf sich auch ins Grab saufen, ist ja seine Entscheidung

Die Liste ist nicht vollständig. Diese immer wiederkehrenden dreisten Platitüden erinnern an eine kaputte Schallplatte. Dem Betroffenen hilft das jedenfalls nicht. Aber darum geht es solchen bösartigen, angeblich trockenen Kommentatoren auch gar nicht.

Es gibt so Persönlichkeitsprofile, insbesondere auf Facebook, die fühlen sich erst dann so richtig gut, wenn sie Schwächeren einen reinwürgen können. Damit kitzeln sie ihr Ego, werden plötzlich wichtig und großartig – insbesondere, wenn sie dann auch noch Administratoren von Suchtgruppen sind und ihre Claqueure und Groupies ihnen im Chat auf die Schulter klopfen. Aber selbst wenn solche Online-Communities mal ohne einen solchen Wichtigtuer als Admin auskommt, finden in solchen Gruppen immer ein oder zwei sehr dominante Mitglieder, die unbedingt jedem verzweifelten Frischling im scharfen Strahl ans Bein pinkeln müssen.

Solchen Charakteren geht es nicht darum, anderen zu helfen, sie benutzen die Hilfesuchenden nur, um ihr eigenes viel zu mickrig geratenes Ego zu erhöhen. Denn wer so schreibt, der ist selbst grotten-unzufrieden. Vielleicht trocken, aber – entgegen anderweitiger Beteuerungen – ganz bestimmt nicht zufrieden. Welche innere Zufriedenheit kann man haben, wenn man Nektar daraus saugt, andere runter- und fertig zu machen?

Ja, ein Suchtkranker (wie eben Alkoholiker) braucht auch ganz klare Ansagen. Mit kritiklosem Hinternpudern ist noch niemand trocken oder clean geworden. Denn ein süchtiges Hirn bastelt sich schnell aus unpräzise Worten den Freifahrtschein zum nächsten Drink. Und natürlich ist die amoklaufende Hirn-Biochemie eben keine Ausrede, keine Absolution. Natürlich muss man immer wieder an den Verstand der Betroffenen appellieren.

Es gibt aber einen großen Unterschied zwischen klaren Ansagen und fiesen Hackentritten. Mir sträuben sich immer die Nackenhaare, wenn ich solche dummen Anwürfe von angeblich „alten Hasen“ in Foren lese.

Ich begreife einfach nicht, wie sich charakterlich mehr als fragwürdige Figuren im Netz zu Allwissenden aufschwingen können, Hilfesuchende verbal fertig machen – und das noch gefeiert von ihren mindestens ebenso ahnungslosen Claqueuren.

Ich habe über die Jahre viele Forenmitglieder erlebt, die auf mich wirklich einen verzweifelten Eindruck machten. Niedergemäht wurden sie – und verstummten wieder.

Sie hatten den ersten, schweren, mutigen Schritt endlich getan und Hilfe gesucht. Und wurden dann fürchterlich vor den Kopf gestoßen. Ich möchte nicht wissen, wie viele von ihnen entmutigt erstmal wieder in Agonie versanken, bevor sie einen neuen Anlauf nahmen, um Hilfe zu finden.

Noch schlimmer – und da ist dann für mich endgültig Schluss mit lustig – ist es aber, dass eine solche Einstellung auch heute noch bei sogenannten Therapeuten und sogar in Kliniken zu finden ist. Ich coache Alkoholiker beim Ausstieg und die Geschichten, die ich da schon gehört habe, lassen mich nur noch erschaudern.

Eine Klientin berichtete mir: „Das Ganze ist nur darauf ausgelegt, Dich klein zu halten. Du sollst Dich ständig irgendwie schuldig fühlen. Du bist niemand und die sind die Allwissenden. Dabei habe ich oft genug mitbekommen, dass auch das Personal in Krankenhäusern und in der Reha selber gerne und zu oft einen hebt. Als Alkoholiker hast Du dafür ganz besonders feine Antennen. Trotzdem bist Du eben nur am Ende eine kleine, willensschwache Wurst. Bei mir hat das immer grad mal einne Woche oder zwei gedauert, nach der Klinik. Dann habe ich wieder gesoffen. Ich fühlte mich einfach elend und schwach. Hat man mir ja so eingetrichtert. Mal mehr, mal weniger verklausuliert.“

Aus meiner Sicht sollte man eigentlich allen Therapeuten (egal ob Ärzte, Psycho- oder sonstige Therapeuten, Schwestern, Pfleger, Sozialpädagogen) die mit Süchtigen zu tun haben dazu verdonnern, eine Prüfung über die neurobiologischen Veränderungen im Gehirn eines Süchtigen abzulegen. Behaupten sie dann trotzdem noch, es sei „reine Willenssache aufzuhören“, so sollten sie besser andere Kranke versorgen.

Großmäulige Lautsprecher in Internetforen wird man aber leider erst dann leise bekommen, wenn man sie ignoriert – oder ihre teilweise geradezu narzisstischen Züge entlarvt. Vorteil dabei: Meistens sind die nicht besonders helle und argumentativ leicht auf’s Kreuz zu legen.

Gaby Guzek ist Autorin des Buchs “Alkohol adé” und coacht auf der gleichnamigen Internetplattform Menschen beim Ausstieg aus dem Alkohol.

Hinweis: Dieser Text darf gerne kopiert und geteilt werden. Auch und gerade in solche Foren hinein, wie ich sie oben beschrieb. Da in den meisten Foren externe Links unerwünscht sind, muss das in diesem Fall auch nicht sein. Einfach rüberkopieren. Vielleicht gerne mit dem Hinweis „gefunden im Blog von Alkohol adé“ einfach ohne Link. Das würde schon reichen. Vielleicht bewirkt es ja was.





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Bild: wendy CORNIQUET / Pixabay

1 thought on “„Du wolltest doch saufen“ – ich habe es so satt!

  1. Stimmt. Kenne ich auch. “Du willst das ja”. Ja, ne, is klar
    Und ich habe es geglaubt, bis ich schon sehr früh von dem Buch “Alkohol adé” gehört habe.

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