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Ein Vitaminmangel bei Alkoholikern, der tödlich enden kann

    Ein erschöpft wirkender Mann sitzt allein an einem alten Küchentisch. Vor ihm steht lediglich ein Teller mit einer Scheibe Brot, umgeben von mehreren leeren Bierflaschen. Warmes Sonnenlicht fällt durch ein Fenster auf seine geröteten Unterarme. Die Szene vermittelt Einsamkeit, Mangelernährung und die gesundheitlichen Folgen eines langjährigen Alkoholkonsums.

    Die Haut rötet sich an Stellen, die der Sonne ausgesetzt sind. Der Darm spielt verrückt. Und irgendwann lässt das Gedächtnis nach. Drei Symptome, die kein Mensch spontan zusammenbringt. Dabei können sie eine gemeinsame Ursache haben. Erfahrene Ärzte jedenfalls werden bei dieser Kombination hellhörig und stellen eine Frage, die Betroffene nicht erwarten: Wie viel trinkst Du?

    Der Name für dieses Krankheitsbild: Pellagra. Sie entsteht, wenn dem Körper Vitamin B3 (Niacin) fehlt. In der Medizin fasst man die Hauptsymptome als die „drei D” zusammen: Dermatitis – Hautrötungen, vor allem an Händen, Unterarmen oder im Gesicht. Diarrhoe – anhaltender Durchfall mit Gewichtsverlust. Und Demenz – Gedächtnisprobleme, Verwirrtheit, manchmal regelrechter geistiger Abbau. Unbehandelt kann ein viertes D folgen: Death, der Tod.

    Psychische Symptome verstellen oft den Blick auf das Problem

    Das Tückische sind die psychischen Symptome. Gereiztheit, Antriebslosigkeit, Schlafprobleme, Angst – das klingt zunächst nach Depression oder Burnout. In schweren Fällen kommen Halluzinationen und Wahnvorstellungen dazu. Gerade diese Symptome führen dazu, dass Pellagra nicht selten fehldiagnostiziert wird – als „rein psychiatrische” Erkrankung.

    Warum Alkohol bei uns die häufigste Ursache für Pellagra ist

    In Ländern mit guter Ernährung ist Pellagra selten geworden – was dazu führt, dass Studenten und Assistenzärzte sie in der Ausbildung kaum noch zu sehen bekommen. Wo sie aber doch auftritt, ist Alkohol mit Abstand die häufigste Ursache. Alkohol verschlechtert die Aufnahme von Niacin im Darm und stört gleichzeitig den Stoffwechsel von Tryptophan – einem Eiweißbaustein, aus dem der Körper normalerweise selbst Niacin herstellen kann. Dazu kommt, dass viele Menschen mit hohem Alkoholkonsum ohnehin schlecht essen.

    Niacin-Mangel: Warum der Körper Tryptophan und Serotonin opfert

    Wenn Niacin aus der Nahrung fehlt, greift der Körper auf einen Notweg zurück: Er baut Tryptophan zu Niacin um. Das Problem – dieser Weg ist extrem verschwenderisch. Der Körper braucht rund 60 mg Tryptophan, um daraus gerade einmal 1 mg Niacin herzustellen. Dieses Tryptophan fehlt dann bei der Herstellung von Serotonin – dem Nervenbotenstoff für Stimmung, Schlaf und innere Ruhe. Auch das erklärt, warum bei Pellagra die psychischen Symptome so stark im Vordergrund rücken: Der Körper opfert seine Serotonin-Produktion, um den Niacin-Mangel notdürftig auszugleichen.

    Bei rechtzeitiger Behandlung verschwinden die Symptome schnell

    Die gute Nachricht: Pellagra wird durch die Gabe von Niacin behandelt, meist als Nikotinamid-Präparat. Also mit dem Vitamin, mit dem sich auch Bill W., Gründer der Anonymen Alkoholiker, von seinem Depressionen befreite. Unter Behandlung bessern sich die Symptome oft innerhalb weniger Tage. Schwere neurologische und psychische Schäden können allerdings bestehen bleiben, wenn die Erkrankung zu spät erkannt und behandelt wird.


    Was Tryptophan genau ist, wie es mit Serotonin zusammenhängt und warum der Körper es im Notfall für die Niacin-Produktion opfert, erklärt das Buch Tryptophan und 5-HTP – Schlüssel für Schlaf und Stimmung von Dr. med. Bernd Guzek.

    Mehr zum Thema Niacin und Alkohol findest Du im Lexikoneintrag Pellagra und im Lexikoneintrag Vitamin B3.

    Frau von hinten, sitzt am Fenster, Blick auf graue Stadtkulisse, Arme um sich selbst, Buchcover „Tryptophan und 5-HTP" von Dr. med. Bernd Guzek, Headline: „Stimmung ständig im Keller?", Auffanger: „Oft fehlt nur ein natürlicher Stoff"

    Häufig gestellte Fragen zu Pellagra und Niacin-Mangel (FAQ)

    Was ist Pellagra und wie erkenne ich die Symptome?

    Pellagra ist eine Erkrankung durch Mangel an Vitamin B3 (Niacin). Die drei Hauptsymptome sind Hautveränderungen an sonnenexponierten Stellen, anhaltender Durchfall und Gedächtnisstörungen bis hin zur Verwirrtheit. Dazu kommen häufig psychische Beschwerden wie Gereiztheit, Angst und Schlafprobleme. Die Kombination dieser Symptome ist das entscheidende Warnsignal.

    Warum bekommen gerade Menschen mit hohem Alkoholkonsum Pellagra?

    Alkohol greift den Niacin-Haushalt gleich dreifach an: Er verschlechtert die Aufnahme von Niacin im Darm, er stört den Stoffwechsel von Tryptophan (aus dem der Körper selbst Niacin herstellen kann), und er führt häufig zu einer insgesamt schlechten Ernährung. Deshalb ist Alkohol in westlichen Ländern die häufigste Ursache für Pellagra.

    Kann Pellagra geheilt werden?

    Ja, Pellagra wird mit Niacin (Vitamin B3) behandelt, meist in Form von Nikotinamid-Präparaten. Die Symptome bessern sich oft schon innerhalb weniger Tage. Allerdings können schwere neurologische oder psychische Schäden bestehen bleiben, wenn die Erkrankung zu spät erkannt und behandelt wird. Eine frühzeitige Diagnose ist deshalb entscheidend.

    Welche Lebensmittel enthalten viel Niacin (Vitamin B3)?

    Gute Niacin-Quellen sind Geflügel, Fisch (besonders Thunfisch und Lachs), Erdnüsse, Pilze und Vollkornprodukte. Der Körper kann Niacin auch selbst aus der Aminosäure Tryptophan herstellen – allerdings ist dieser Weg bei hohem Alkoholkonsum gestört. Bei symptomatischer Pellagra führt aber in aller Regel kein Weg an Vitaminpräparaten vorbei

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    Dr. med. Bernd Guzek
    Dr. med. Bernd Guzek Arzt & Wissenschaftsjournalist

    Redaktionelle Texte werden überprüft von Dr. med. Bernd Guzek. Die Inhalte auf dieser Website ersetzen keine ärztliche Beratung.

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