In alltäglichen Situationen interessiert mich Alkohol überhaupt nicht mehr, auch nicht, wenn wir mit Freunden im Restaurant sitzen und alle trinken. Allerdings habe ich gerade im letzten Urlaub gemerkt, dass mich das endlos lange Sitzen im Restaurant, wenn es dann jeden Abend stattfindet, irgendwann total langweilt. Früher wurde dann halt der besonders gute Rotwein zelebriert und je mehr davon im Blut zirkulierte, desto alberner wurde ich. Diese alberne Leichtigkeit hat mir ein wenig gefehlt aber nicht so stark, dass daraus ein Verlangen nach Alkohol entstanden wäre. …
Ein anonymer Erfahrungsbericht aus dem Alkohol adé-Forum. Zum geschützten Austausch für Betroffene
Fachliche Einordnung durch Dr. med. Bernd Guzek
Alkohol und Restaurant-Abende im Urlaub – warum fühlt sich nüchtern Sitzen plötzlich so leer an?
Was hier beschrieben wird, ist ein typisches Beispiel für klassische Konditionierung: Das Gehirn hat das Setting „Restaurantabend im Urlaub” über Jahre mit der pharmakologischen Wirkung von Alkohol verknüpft – mit Enthemmung, Dopaminausschüttung und dem Gefühl von Leichtigkeit. Fällt der Alkohol weg, bleibt die Situation erhalten, aber die gelernte Belohnung fehlt. Das Gehirn meldet: Hier stimmt etwas nicht. Diese Diskrepanz zwischen Erwartung und Erleben ist keine Schwäche, sondern ein Zeichen dafür, wie tief das Suchtgedächtnis solche Verknüpfungen speichert. Entscheidend ist, dass aus der Langeweile kein Verlangen entstanden ist – das spricht für eine stabile Abstinenz und einen gut funktionierenden präfrontalen Kortex. Mit der Zeit bildet das Gehirn neue Verknüpfungen für solche Situationen, die den alten Reflex nach und nach überlagern.
Häufig gestellte Fragen zu Abstinenz und Langeweile im Urlaub (FAQ)
Ist Langeweile ohne Alkohol im Restaurant ein Rückfallrisiko?
Langeweile allein ist kein Rückfallrisiko, solange daraus kein aktives Verlangen entsteht. Sie zeigt, dass das Gehirn die Situation noch mit Alkohol verknüpft. Mit der Zeit verblassen diese konditionierten Verknüpfungen, besonders wenn neue, positive Erfahrungen in denselben Situationen gesammelt werden.
Warum fühlen sich soziale Situationen ohne Alkohol anders an?
Alkohol wirkt enthemmend und setzt Dopamin frei – beides erzeugt eine künstliche Leichtigkeit in sozialen Situationen. Ohne diese pharmakologische Unterstützung ist das Erleben ungefilterter, was anfangs als flach oder langweilig empfunden werden kann. Das Gehirn muss lernen, aus der Situation selbst Belohnung zu ziehen.
Wie lange dauert es, bis Urlaub ohne Alkohol sich normal anfühlt?
Das ist individuell unterschiedlich und hängt davon ab, wie stark Urlaubssituationen mit Trinken verknüpft waren. Viele Betroffene berichten, dass nach zwei bis drei abstinenten Urlauben die alten Assoziationen deutlich schwächer werden. Neue Routinen – etwa Abendaktivitäten jenseits des Restaurants – beschleunigen diesen Prozess.
Redaktionelle Texte werden geprüft von Dr. med. Bernd Guzek
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