Mein Bruder und ich haben gegen den Willen und unter wüstestem Protest unserer 90jährigen Mutter, die vor 6 Wochen einen Schlaganfall hatte, eine 24-Stunden-Betreuung organisiert. Sie hat sich erstaunlich gut erholt, kommt in einer Woche nach Hause, aber alleine zu leben ist mittlerweile lebensgefährlich.
All die stressigen Termine, Gespräche, Vorbereitungen in der Wohnung… habe ich ruhig und clean bewältigt. Als dann vorgestern alles definitiv auf Schiene war, musste ich trinken.
Ich bin sooo sauer auf mich.
Ein anonymer Erfahrungsbericht aus dem Alkohol adé-Forum. Zum geschützten Austausch für Betroffene
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Fachliche Einordnung durch Dr. med. Bernd Guzek
Warum kommt der Rückfall oft erst nach einer Belastungsphase und nicht währenddessen?
Was hier beschrieben wird, ist ein neurobiologisch gut erklärtes Muster: der sogenannte Entlastungs-Rückfall. Während einer akuten Krise hält das Stresssystem den gesamten Organismus in einem Alarmzustand – Cortisol und Noradrenalin dominieren, der präfrontale Kortex arbeitet auf Hochtouren, und das Belohnungssystem wird unterdrückt. Der Alkohol rückt in den Hintergrund, weil das Gehirn im Überlebensmodus funktioniert. Fällt die Belastung weg, sinkt der Cortisolspiegel abrupt, und das Suchtgedächtnis meldet sich zurück – oft mit einem Verlangen, das sich wie eine Belohnung anfühlt: „Du hast es geschafft, jetzt darfst du.” Das ist kein Versagen, sondern eine biochemische Reaktionskette. Entscheidend ist, dass die massive Selbstanklage danach – das „sooo sauer auf mich” – ein eigenständiger Risikofaktor ist: Der sogenannte Abstinenz-Verstoß-Effekt kann aus einem einzelnen Ausrutscher einen fortgesetzten Rückfall machen, wenn die Schuld das Weitermachen unmöglich erscheinen lässt.
Häufig gestellte Fragen zu Rückfall nach Stress in der Abstinenz (FAQ)
Warum trinken viele nicht unter Stress, sondern erst danach?
Unter akutem Stress schüttet der Körper große Mengen Cortisol und Noradrenalin aus. Diese Hormone halten das Gehirn im Krisenmodus und unterdrücken dabei das Belohnungssystem. Sobald die Anspannung nachlässt, fällt dieser Schutzschild weg – und das Suchtgedächtnis aktiviert sich mit voller Wucht. Das Gehirn interpretiert die Entspannung als Signal für eine Belohnung.
Was ist der Abstinenz-Verstoß-Effekt und warum ist er gefährlich?
Der Abstinenz-Verstoß-Effekt beschreibt den psychologischen Mechanismus, bei dem ein einzelner Ausrutscher durch massive Schuldgefühle und Selbstvorwürfe zum vollständigen Rückfall wird. Die Überzeugung „Jetzt ist es sowieso egal” kann dazu führen, dass Betroffene weitertrinken, obwohl der ursprüngliche Auslöser längst vorbei ist. Ein Ausrutscher ist kein Rückfall – er wird es erst durch die Reaktion darauf.
Kann ein Coaching-Programm vor stressbedingten Rückfällen schützen?
Ein strukturiertes Coaching kann helfen, Risikosituationen frühzeitig zu erkennen – auch solche, die nach einer Krise auftreten. Entscheidend ist, dass Betroffene lernen, dass nicht nur Stress selbst, sondern gerade die Phase danach ein kritischer Moment für das Suchtgedächtnis ist. Rückfallprävention bedeutet auch, für die stillen Momente nach dem Sturm einen Plan zu haben.
Redaktionelle Texte werden geprüft von Dr. med. Bernd Guzek
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