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Medikamente gegen Alkoholsucht: Was sie können – und warum die eine Wunderpille nicht existiert

    Ein nachdenklicher Mann sitzt im Halbdunkel und blickt auf ein komplexes, farbig leuchtendes Netzwerk aus neuronalen Verbindungen. Eine einzelne Kapsel beleuchtet nur einen kleinen Teil dieses Systems, während viele andere Bereiche weiter aktiv bleiben. Das Bild symbolisiert, dass Alkohol viele verschiedene Botenstoffsysteme im Gehirn gleichzeitig beeinflusst und deshalb keine einzelne „Wunderpille“ alle Probleme lösen kann.

    Es gibt Medikamente gegen Alkoholsucht – und manche funktionieren sogar. Aber jedes greift nur an einem einzigen Teilsystem an. Warum das die Wunderpille grundsätzlich ausschließt.

    Von Gaby Guzek

    Ich hatte vor Kurzem ein Vorgespräch zu einem Coaching. Die Dame fragte mich, ob wir bitte auch über Medikamente sprechen könnten – sie habe gehört, da gäbe es ganz tolle gegen Alkoholsucht. Da musste ich ihr leider gleich den Zahn ziehen: Ja, können wir gerne machen. Aber bitte nicht der Illusion hingeben, dass eine Pille das Problem löst.

    Damit bin ich offenbar nicht allein. Das Thema taucht immer wieder auf – in Foren, in Arztpraxen, in Coaching-Gesprächen. Also lassen wir uns das kurz anschauen: Was machen diese Medikamente eigentlich? Und warum kann es die eine Pille gegen Alkoholsucht schlicht nicht geben?

    Ein Nervensystem, viele Baustellen

    Alkohol greift nicht an einer einzigen Stelle im Gehirn an. Er hantiert gleichzeitig am Belohnungssystem, am GABA-System – dem wichtigsten Beruhigungssystem des Körpers –, am Glutamat – dem Erregungsbotenstoff –, am Serotoninsystem, und noch an einigen anderen Schaltstellen dazu. Jahrelanger Konsum hinterlässt an all diesen Stellen Spuren. Manche tiefer, manche weniger tief – je nach Mensch und Biochemie.

    Die verfügbaren Medikamente setzen jeweils an einem dieser Systeme an. Das ist keine Kritik – das ist Biochemie. Aber es bedeutet eben auch: Wer ein GABA-Problem hat, profitiert von einem GABA-Medikament. Wer keins hat, dem nützt dasselbe Medikament so viel wie ein Regenschirm in der Wüste.

    Die Medikamente im Überblick

    Naltrexon setzt am Belohnungssystem an – genauer an den Opioidrezeptoren. Wer Naltrexon nimmt und trotzdem trinkt, merkt: Der Kick bleibt einfach aus. Das Gehirn bekommt nicht, was es erwartet hat. Für Menschen, bei denen der Belohnungsreiz der entscheidende Treiber ist, kann das wirksam sein.

    Acamprosat greift ins Glutamatsystem ein – jenen Erregungsbotenstoff, der in der frühen Abstinenz komplett überschießt und einen so nervös, zappelig und schlaflos macht, weil sein Gegenspieler GABA noch gedrückt ist. Wer in dieser Phase besonders leidet, kann damit die ersten Wochen erträglicher gestalten. Wirkt allerdings nur bei etwa jedem zweiten bis dritten Betroffenen.

    Baclofen setzt direkt am GABA-System an – also an der Bremse, die Alkohol jahrelang künstlich bedient hat. Besonders interessant für Menschen, bei denen Angst und innere Unruhe der eigentliche Treiber waren. Die Geschichte dahinter ist faszinierend: Der französische Kardiologe Olivier Ameisen, selbst schwer abhängig, heilte sich damit und schrieb darüber – Das Ende meiner Sucht, sehr zu empfehlen. In Frankreich ist Baclofen zur Behandlung der Alkoholkrankheit zugelassen, in Deutschland nur off-label einsetzbar.

    Disulfiram (Antabus) funktioniert anders als alle anderen: nicht im Gehirn, sondern in der Leber. Es blockiert den Alkoholabbau, sodass ein giftiges Zwischenprodukt entsteht – wer trotzdem trinkt, bekommt Übelkeit, Flush, Herzrasen. Die Idee ist, das Suchtgedächtnis umzupolen. Kotzen auf Rezept, sozusagen. In Deutschland seit 2013 vom Markt, in Österreich und der Schweiz weiterhin erhältlich.

    Und dann ist da noch Ozempic (Semaglutid) – die bekannte Abnehmspritze, die inzwischen auch die Suchtforschung aufhorchen lässt. Patienten berichteten, dass das Verlangen nach Alkohol fast über Nacht verschwand. Studien bestätigen: Der Alkoholkonsum geht zurück. Eine Zulassung als Antialkohol-Medikament gibt es aber noch nicht.

    Das eigentliche Problem: ein System allein reicht nicht

    Alle diese Medikamente haben eines gemeinsam: Sie greifen an einem Teilsystem an. Da ist aber noch das Serotonin. Da sind noch so viele andere Dinge in Unordnung, die dadurch nicht automatisch mitgefixt werden. Wer ein ausgeprägtes Dopaminproblem hat – wer seinen Kick jagt –, dem hilft ein GABA-Medikament kaum. Und umgekehrt.

    Das Muster in der Praxis ist trotzdem immer dasselbe: Der Patient geht zum Arzt, der Arzt hat von einem der gängigen Medikamente gehört – oft vom Pharmavertreter – und schreibt es auf. Nicht aus Böswilligkeit. Aber Sucht ist ein Thema, über das in der ärztlichen Ausbildung erschreckend wenig gelehrt wird. Das richtige Medikament für den richtigen Menschen in der richtigen Dosierung ist damit oft weitgehend Glückssache.

    Und selbst wenn es das richtige trifft: Keines dieser Medikamente löscht das Suchtgedächtnis. Wird es abgesetzt, kehrt das Suchtgedächtnis zurück zu seinem Ausgangszustand. Der Trigger feuert wieder wie vorher.

    Was kein Medikament regelt

    Es ändert sich ja auch nichts am Leben. Wer die Medikamente nimmt und darauf hofft, dass das alles für ihn regelt, aber die Dinge nicht angeht, die irgendwie auch dazu geführt haben, dass er den Alkohol für irgendetwas gebraucht hat – der wird scheitern. Ständige Überforderung, abends zur Entspannung, Stress und Frust auf der Arbeit: Das ändert keine Pille.

    Das Suchtgedächtnis muss erzogen werden, damit man in Triggersituationen nicht mehr automatisch zum Glas greift. Und das ist Arbeit, die man selbst tun muss.

    Medikamente können ein sinnvolles Gerüst sein – für eine bestimmte Phase, für ein bestimmtes Problem, für einen bestimmten Menschen. Das Haus muss man trotzdem selbst bauen.

    Video: Medikamente gegen die Alkoholkrankheit – geht das?

    Gibt es Medikamente gegen Alkoholsucht – und funktionieren die wirklich?

    Videotranskript: Medikamente gegen Alkoholismus

    Ich hatte gerade ein Vorgespräch zu einem Coaching und da fragte mich die Dame, ja und dann sprechen wir bitte auch über Medikamente, weil ich habe gehört, da gibt es ganz tolle gegen Alkoholsucht und so. Da habe ich ihr leider gleich meinen Zahn ziehen müssen und gesagt, ja können wir gerne machen, aber bitte nicht der Illusion hingeben, dass das die einzige Lösung zum Problem ist. Ich dachte mal, vielleicht ist das auch mal allgemein von Interesse.

    Also wie ist das denn jetzt eigentlich mit den Medikamenten gegen Alkoholsucht? Liest man ja überall die Pille und die Pille und die Pille. Fassen wir erstmal kurz zusammen, was die überhaupt machen und dann kommen wir dazu, warum es die eine Pille gegen Alkoholsucht einfach nicht geben kann. Also bekannteste sind zum Beispiel das Naltrexon.

    Das setzt am Dopaminsystem an, heißt, wenn man das nimmt und was trinkt oder sonst was konsumiert, dann bleibt halt der Belohnungskick einfach weg. Dieses Wow! Und das Gehirn merkt sich halt, naja, dann kann ich es auch bleiben lassen, weil der Kick, der kommt ja nicht. Eine Variante.

    Dann gibt es eins, das greift quasi ins Glutamatsystem ein. Das ist also dieser Aufregerbotenstoff, der gerade in der frischen Abstinenz komplett überschießt und der einen so nervös macht und zappelig und rappelig, weil eben der Gegenspieler, also das Gaba noch gedämpft ist, gedrückt ist vom Alkohol. Das ist okay, das ist für Leute, die daran besonders leiden, sicherlich für eine gewisse Zeit vielleicht eine Lösung.

    Dann gibt es noch das berühmte Beispiel von Antabus. Antabus ist aber vom Markt in Deutschland, aber bitte, wer das immer noch möchte, der kann sich das sicherlich über irgendeine Apotheke besorgen.

    Das heißt, ich nehme Antabus und wenn ich dann trinke, dann geht es mir schlecht. Ich kriege Flushes, ich kriege Hitze, weil auch mir wird es kotzübel. Die Idee ist quasi, das Suchtgedächtnis umzupolen und zu sagen, Alkohol ist keine gute Idee, weil danach wird es mir richtig, richtig fies.

    Kann man machen, muss man nicht machen. Dann wird im Moment total gehypt, Ozempic, also die berühmte Abnehmspritze, die, ich wette, demnächst dann auch noch eine Zulassung als Antialkoholmedikament bekommt. Die geht auch wiederum über Umwege, aber ist jetzt egal, eben an dieses Belohnungssystem ran und tatsächlich, das hat man in Studien gezeigt, die Leute trinken dann auch weniger.

    Primäres Ziel war zwar eigentlich Abnehmen, aber der Alkoholkonsum ging auch deutlich zurück, weil der Wunsch danach einfach nicht mehr so bestand. Feine Sache. Nun, lange Rede, kurzer Sinn, ja, es gibt unterstützende Medikamente.

    Ah, sorry, ich habe nur eins vergessen, Baclofen. Baclofen ist aus meiner Sicht eins der, wenn überhaupt, am interessantesten Medikamente. Baclofen geht an die sogenannten GABA-Rezeptoren ran.

    Wir hatten es eben schon kurz über GABA, das ist eben der beruhigende Nervenbotenstoff. Die Geschichte dahinter ist spannend, quasi das Medikament ist uralt, wurde eigentlich zur Muskelentspannung eingesetzt bei MS, also was ganz eher Seltenes, bis also der Kardiologe Oliver Amason das Ganze für sich entdeckte. Der hat selber gesoffen wie ein Eimer und hat sich damit dann aus seiner Sucht befreit, hat auch darüber geschrieben, das Ende meiner Sucht sehr zu empfehlen.

    In Frankreich wurde daraufhin das Medikament zumindest zeitweise zugelassen, in Deutschland nie, wurde und wird aber auch off-label, also das heißt außerhalb der zugelassenen Indikationen dafür durchaus verwendet. Gegner von Baclofen sagen immer, ja, aber die Studienergebnisse sind nicht so toll. Ja, logisch, weil in den Studien wurden Dosierungen eingesetzt, die weit unter dem lagen, was der Amason da offensichtlich als notwendig rausgezogen hat, wenn du damit vom Alkohol weg willst.

    Baclofen ist aber eben auch nur ein Ansatzpunkt, das teilt es dann mit allen anderen Substanzen, das heißt, jeder hat ja eine andere Biochemie und wer beispielsweise am Anfang wahnsinnig nervös und zappelig und rappelig ist, ja, der tut natürlich gut daran, dann irgendwie sein GABA-System zu unterstützen, heißt entweder das Glutamat zu drücken oder das GABA zu steigern, geht alles. Kotzen auf Rezept ist was für Masochisten, aber bitteschön. Der Punkt ist, kein Medikament wird langfristig eine Alkoholsucht besiegen, weil es geht immer nur an ein Teilsystem unserer Nervenbotenstoffe ran, da ist immer noch das Serotonin, da sind doch so viele andere Dinge in Unordnung, die dadurch ja nicht automatisch mitgefixt werden.

    Das ist das eine neurobiologisch und das andere aus meiner Sicht sogar noch wichtiger, es ändert ja nichts am Leben, also das heißt, wenn ich die Medikamente nehme und darauf hoffe, dass das alles für mich regelt, ich aber die Sachen in meinem Leben nicht fixe, die ja irgendwie auch dazu geführt haben, dass ich den Alkohol für irgendwas benutzt habe, heißt, ich überfordere mich ständig und brauche es abends zur Entspannung oder ich habe ständig Stress und Frust auf der Arbeit, ja, das ändert kein Medikament. Ich muss mich durchaus eben mit mir selbst beschäftigen und ich muss mein Suchtgedächtnis umerziehen, damit ich halt in diesen Triggersituationen nicht mehr zum Glas greife. Das regelt kein Medikament für mich.

    Es ist natürlich typisch und das muss man auch ganz klar sagen, der Patient von heute, der geht zum Arzt und sagt, ey Doc, verschreib mir mal was, was mein Problem fixt. Das ist ja bei Blutdruckmedikamenten oder weiß ich nicht was auch nicht anders nach dem Motto, Pille reinwerfen und dann soll das alles in Ordnung sein. Lebensstiländerung, äh, ja nicht so, ist ja unbequem.

    Ist aber so, bleibt so, wird immer so sein und beim Alkohol ist es nicht anders. Also, ich hoffe, ich konnte mal wieder hilfreich sein und wünsche euch einen schönen Tag.

    Häufig gestellte Fragen zu Medikamenten gegen Alkohol-Krankheit (FAQ)

    Gibt es Medikamente, die bei Alkoholsucht wirklich helfen?

    Ja, es gibt zugelassene Medikamente, die den Ausstieg aus der Alkoholabhängigkeit unterstützen können – darunter Naltrexon, Acamprosat und Baclofen. Keines davon löst das Problem allein. Sie setzen jeweils an einem einzigen Teilsystem des Nervensystems an und lassen alle anderen unberührt. Als Begleitung in einer bestimmten Phase können sie sinnvoll sein – als Ersatz für die eigene Arbeit nicht.

    Wie wirkt Naltrexon bei Alkoholabhängigkeit?

    Naltrexon blockiert die Opioidrezeptoren im Gehirn – also die Andockstellen, über die Alkohol seinen Belohnungseffekt erzeugt. Wer Naltrexon nimmt und trotzdem trinkt, merkt: Der Kick bleibt aus. Für Menschen, bei denen der Belohnungsreiz der entscheidende Treiber ist, kann das wirksam sein.

    Was macht Acamprosat und für wen ist es geeignet?

    Acamprosat dämpft das überschießende Glutamatsystem – jenen Erregungsbotenstoff, der in der frühen Abstinenz für Unruhe, Zappeligkeit und Schlafprobleme verantwortlich ist. Es hilft vor allem in den ersten Wochen nach dem Entzug und wirkt bei etwa jedem zweiten bis dritten Betroffenen.

    Was ist Baclofen und warum ist es in Deutschland nicht zugelassen?

    Baclofen setzt am GABA-System an – dem wichtigsten Beruhigungssystem des Gehirns. Es ist besonders interessant für Menschen, bei denen Angst und innere Unruhe der eigentliche Treiber des Trinkens waren. In Frankreich ist es zur Behandlung der Alkoholkrankheit zugelassen, in Deutschland nur außerhalb der zugelassenen Indikationen einsetzbar. Die Studienlage gilt als widersprüchlich – was vor allem daran liegt, dass in den meisten Studien deutlich zu niedrige Dosierungen verwendet wurden.

    Kann Ozempic bei Alkoholabhängigkeit helfen?

    Ozempic (Wirkstoff: Semaglutid) wurde für Diabetes und Übergewicht entwickelt – fiel aber auf, weil Patienten plötzlich berichteten, das Verlangen nach Alkohol sei fast verschwunden. Studien bestätigen einen Rückgang des Alkoholkonsums. Eine Zulassung als Antialkohol-Medikament gibt es noch nicht, die Forschung läuft.

    Warum reicht ein Medikament allein nicht aus?

    Weil Alkohol das Gehirn an vielen Stellen gleichzeitig verändert – am Belohnungssystem, am GABA-System, am Glutamat, am Serotonin und mehr. Kein zugelassenes Medikament greift an mehr als einem dieser Systeme an. Dazu kommt: Das Suchtgedächtnis bleibt erhalten. Wird das Medikament abgesetzt, kehrt das Verlangen zurück. Und die Lebensumstände, die zum Trinken geführt haben, ändert keine Pille.

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    Bild: Gaby Guzek vor leeren Weingläsern,

    Gaby Guzek

    Ehemalige Betroffene, Bestsellerautorin, Coach & Mitbegründerin von Alkohol adé

    Hat es sich zum Ziel gesetzt, die Neurobiologie der Sucht bekannter zu machen und damit Betroffenen Schuld- und Schamgefühle zu nehmen.

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