Alkohol, Heroin, Kokain, Cannabis — so unterschiedlich diese Substanzen wirken, greifen sie alle am selben System im Gehirn an: dem GABA-System. Warum genau dieses Gleichgewicht bei jeder Sucht leidet und was das für den Ausstieg bedeutet.
Angst, Schlaflosigkeit, innere Unruhe — wer von einer Substanz loskommt, erlebt oft dieselben Symptome, egal ob es Alkohol ist, Kokain oder Heroin. Das ist kein Zufall. Denn so unterschiedlich diese Drogen auch wirken: Sie alle greifen an derselben Stelle im Gehirn an — dem GABA-System.
GABA ist der wichtigste beruhigende Nervenbotenstoff im Gehirn. Er sorgt dafür, dass Nervenzellen nicht unkontrolliert feuern — eine Art Bremse für das Nervensystem. Sein Gegenspieler heißt Glutamat, der wichtigste erregende Botenstoff — das Gaspedal. Beide zusammen halten das Nervensystem in Balance: genug Spannung zum Denken und Handeln, genug Ruhe zum Schlafen und Entspannen. Suchtmittel bringen genau dieses Gleichgewicht durcheinander.
Verschiedene Drogen, derselbe Angriffspunkt
Alkohol ist der Klassiker: Er tarnt sich als GABA und dockt direkt an die GABA-A-Rezeptoren an. Gleichzeitig blockiert er Glutamat-Rezeptoren. Die Folge ist eine doppelte Dämpfung, die sich zunächst als Entspannung anfühlt. Doch Alkohol ist nicht die einzige Substanz, die dieses System kapert — die folgende Übersicht zeigt, wie unterschiedlich Suchtmittel am selben Hebel ziehen.

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Die Tabelle zeigt, an welchen Stellen verschiedene Suchtmittel in das GABA-System eingreifen und welche Auswirkungen dies hat.
| Substanz | Angriffspunkt | Wirkung auf das GABA-System |
|---|---|---|
| Alkohol | GABA-A- und Glutamat-Rezeptoren | Alkohol verstärkt die Wirkung von GABA und hemmt gleichzeitig Glutamat. Diese doppelte Dämpfung wird häufig als Entspannung oder Beruhigung empfunden. |
| Heroin / Opioide | GABA-Neuronen im Mittelhirn | Opioide hemmen GABA-Neuronen. Dadurch wird vermehrt Dopamin freigesetzt, was zunächst Euphorie auslösen kann und wesentlich zur Entstehung einer Abhängigkeit beiträgt. |
| Kokain / Amphetamine | GABA-System | Diese Substanzen vermindern die hemmende Wirkung des GABA-Systems. Dadurch steigt die neuronale Erregung und es kommt zu gesteigerter Wachheit und Euphorie. |
| Cannabis (THC) | Cannabinoid-Rezeptoren, indirekt über GABA und Glutamat | Bei regelmäßigem Konsum passt sich das GABA-Glutamat-System an. Während des Entzugs kann dadurch ein Ungleichgewicht zwischen hemmenden und erregenden Signalen entstehen. |
Was Dein GABA-System daraus lernt
Egal ob die Substanz die GABA-Wirkung verstärkt oder unterdrückt: Das Gehirn versucht immer gegenzusteuern. Es fährt GABA-Rezeptoren herunter oder baut sie teilweise ab. Das ist zunächst ein sinnvoller Schutzmechanismus — der Körper will das Gleichgewicht wiederherstellen. Doch genau das wird beim Entzug zum Problem.
Fällt die Substanz weg, fehlt plötzlich die Bremse. Die hemmende Wirkung von GABA ist geschwächt, Glutamat schießt ungebremst hoch. Das Nervensystem läuft auf Vollanschlag — Angst, Reizbarkeit, Schlafstörungen und im schlimmsten Fall Krampfanfälle sind die Folge. Bei wiederholten Entzügen kann sich dieses Muster durch den Kindling-Effekt sogar verstärken. Nicht weil der Wille schwach ist, sondern weil die Neurochemie aus dem Lot geraten ist.
Was das für den Sucht-Ausstieg bedeutet
Was bei jeder Sucht gleich ist: Das GABA-System leidet — und erholt sich nicht über Nacht. Forschungsdaten zeigen, dass GABA-Spiegel im Gehirn selbst Monate nach dem letzten Konsum noch deutlich unter dem Normalwert liegen können. Das erklärt, warum viele Betroffene auch in der Abstinenz unter Unruhe, Angst und Schlafproblemen leiden.
Der Körper braucht die richtigen Bausteine, um GABA wieder aufzubauen — bestimmte Aminosäuren, Vitamine und Mineralstoffe. Ob und wie gut das im Einzelfall gelingt, ist individuell verschieden und wissenschaftlich noch nicht abschließend geklärt.
Wie GABA im Gehirn wirkt, warum es beim Suchtausstieg eine Schlüsselrolle spielt und wie man das eigene GABA-System gezielt unterstützen kann, erklärt das Buch “So kommt der Kopf zur Ruhe: Mit dem Botenstoff GABA gegen Ängste, ADHS, Schlafstörungen und innere Unruhe” von Dr. med. Bernd Guzek, HEYNE-Verlag. Einen umfassenden Überblick bietet auch der Beitrag GABA: So kommt der Kopf zur Ruhe.

Häufig gestellte Fragen zum Thema GABA-System und Sucht (FAQ)
Warum macht Alkohol süchtig, obwohl er anders wirkt als Heroin?
Alkohol und Heroin greifen beide in das GABA-System des Gehirns ein — nur auf unterschiedlichen Wegen. Alkohol verstärkt die GABA-Wirkung direkt, Heroin hemmt GABA-Neuronen und setzt dadurch Dopamin frei. In beiden Fällen passt sich das Gehirn an die Substanz an und gerät beim Entzug aus dem Gleichgewicht.
Was passiert mit GABA im Gehirn bei einem Entzug?
Beim Entzug fehlt die dämpfende Wirkung der Substanz, aber das GABA-System ist durch die Anpassung geschwächt. Gleichzeitig ist das erregende Glutamat-System überaktiv. Diese Kombination führt zu Angst, Schlafstörungen und im schlimmsten Fall zu Krampfanfällen.
Wie lange braucht das GABA-System nach dem Entzug zur Erholung?
Forschungsdaten zeigen, dass GABA-Spiegel auch Monate nach dem letzten Konsum noch unter dem Normalwert liegen können. Die Erholungsdauer ist individuell verschieden und hängt unter anderem von der Dauer und Schwere des Konsums ab.
Redaktionelle Texte werden überprüft von Dr. med. Bernd Guzek. Die Inhalte auf dieser Website ersetzen keine ärztliche Beratung.

