Es gibt Tricks gegen Suchtdruck, die klingen so simpel, dass man sie nicht ernst nimmt. Dieser hier gehört dazu. Aber er ist einer der wirksamsten, die ich kenne: Gib Deinem Suchtgedächtnis einen Namen.
Einen richtig hässlichen.
Das klingt vielleicht merkwürdig. Aber es hat eine solide neurobiologische Grundlage – und in der Praxis funktioniert es verblüffend zuverlässig. Warum das so ist, was dabei im Gehirn passiert und wie Du es für Dich nutzen kannst, darum geht es heute.
Das Problem: Du kämpfst gegen Dich selbst
Wer aufgehört hat zu trinken, kennt den Moment: Der Suchtdruck rollt an, aus dem Nichts oder durch irgendeinen Trigger ausgelöst, und plötzlich steht da dieses Verlangen. Groß, laut, drängend. Und dann versucht man, dagegen anzukämpfen. Mit dem Verstand. Mit guten Argumenten. Mit dem Wissen, dass man nicht trinken will.
Und scheitert.
Das hat einen Grund, und der liegt nicht an mangelnder Willenskraft. Unser Gehirn ist schlicht nicht dafür gebaut, sich selbst zu bekämpfen. Gegen den eigenen Wunsch anzurennen – das ist ein Programm, das die Natur nicht vorgesehen hat. Es gibt keinen neuronalen Mechanismus dafür. Deshalb fühlt es sich auch so aussichtslos an: Weil es aussichtslos ist.
Was die Natur dagegen sehr wohl vorgesehen hat, ist die Verteidigung gegen eine Bedrohung von außen. Sich gegen etwas anderes wehren, einen Angreifer abwehren, einen Feind zurückschlagen – das gehört zur Grundausstattung. Überlebensinstinkt, so alt wie die Menschheit selbst. Und genau hier setzt der Trick an.

Zwei Gehirne, ein Kopf
Um zu verstehen, warum das Benennen so gut funktioniert, lohnt sich ein kurzer Blick auf die Architektur im Oberstübchen. Denn im Grunde trägst Du zwei sehr unterschiedliche Gehirne mit Dir herum.
Da ist zum einen der präfrontale Kortex – der jüngste, am weitesten entwickelte Teil. Er sitzt direkt hinter Deiner Stirn, und er ist das, was Dich zum Menschen macht. Hier wohnen Dein Charakter, Deine Persönlichkeit, Dein Denken, Deine Fähigkeit, Konsequenzen abzuwägen und Entscheidungen zu treffen. Alles, wofür Du erkannt werden möchtest – das ist präfrontaler Kortex.
Und dann ist da das Stammhirn, das sogenannte Reptiliengehirn. Uralt. Hunderte Millionen Jahre alt. Diesen Teil teilen wir buchstäblich mit den Echsen. Er denkt nicht. Er plant nicht. Er schämt sich nicht und bereut nichts. Er kennt nur: Haben wollen. Jetzt. Sofort.
Das Suchtgedächtnis sitzt genau dort. Im Reptiliengehirn. Im Instinkt-Keller. Gleich neben den Abteilungen Sex und Hunger. Wenn der Suchtdruck anrollt, dann spricht nicht Dein Ich. Es spricht die Eidechse.
Und hier liegt das eigentliche Problem: Wenn die Eidechse feuert, geht der präfrontale Kortex in die zweite Reihe. Der Verstand – Dein Schutzschild, Deine Vernunft – verliert unter akutem Suchtdruck messbar an Einfluss. Das ist kein Versagen, das ist Neurobiologie. Die alten Hirnstrukturen übernehmen, und der Verstand steht an der Seitenlinie und gafft staunend mit offenem Mund.
Der Trick: Ein Name schaltet den Verstand wieder ein
Und jetzt wird es spannend. Neurobiologisch passiert beim Benennen und Externalisieren einer Bedrohung etwas sehr Wichtiges: Der präfrontale Kortex wird wieder aktiviert. Genau der Teil, der im Craving gerade die Kontrolle verloren hatte.
Wer dem Suchtgedächtnis gegenübersteht und denkt – oder noch besser, laut sagt – „Da bist Du ja wieder, Du elender Biertroll“, der ist nicht mehr passives Opfer eines biochemischen Prozesses. Der benennt, der distanziert sich, der wird aktiv. Das verändert die Neurochemie des Moments messbar.
Im Klartext: Du holst Deinen Verstand so wieder zurück ins Spiel. Und mit dem Verstand im Spiel stehen die Chancen plötzlich ganz anders.
Das ist übrigens auch der Grund, warum es so wichtig ist, das Suchtgedächtnis nicht nur zu benennen, sondern es wirklich anzusprechen – laut, leise, innerlich, egal. Die Sprache selbst ist der Aktivierungsschalter für den präfrontalen Kortex. Denken allein reicht nicht. Reden wirkt.
Drei Gründe, warum das Taufen funktioniert
Erstens: Es aktiviert den präfrontalen Kortex, unsere Kommandozentrale. Das hast Du gerade gelesen – durch das Benennen und Ansprechen schaltet sich der Verstand wieder ein, der im Craving-Moment eigentlich abgemeldet war.
Zweitens: Es macht aus einem unmöglichen Kampf einen möglichen. Gegen Dich selbst kannst Du nicht gewinnen – das Programm gibt es nicht. Gegen ein Gegenüber schon. Verteidigung, Abwehr, Widerstand gegen Bedrohung – dafür sind wir gebaut. Sobald das Suchtgedächtnis eine eigene Gestalt hat, wird aus dem inneren Ringen ein Kampf, den Dein Gehirn führen kann. Du lässt im Urzeitgedächtnis sozusagen den Überlebensinstinkt und das Belohnungssystem aufeinander los. Und der Überlebensinstinkt ist ziemlich stark.
Drittens – und das ist vielleicht der wichtigste Punkt: Du wirst das Schuldgefühl los. Dieses zermürbende „Ich will ja schon wieder trinken, was stimmt nicht mit mir?” Wenn Du den Trinkwunsch abspaltest und sagst: Das bin nicht ich, das ist der Weintroll, das ist die Bier-Hexe – dann bist Du nicht mehr der Schwache, der versagt. Du bist der Mensch, der sich gegen einen Eindringling wehrt.Anders gesagt: Das bin nicht ich. Das ist die Eidechse.
Und neurobiologisch ist diese Abspaltung sogar korrekt. Dein Ich – Dein Charakter, Dein Denken, Deine Werte – wohnt im präfrontalen Kortex. Was sich beim Thema Sucht austobt, ist das Reptiliengehirn. Ein Hirnteil, der Dich nicht von einer Eidechse unterscheidet. Mit dem möchtest Du Dich nicht identifizieren. Das bist nicht Du.
So taufst Du es
Nimm Dir einen Moment und stell Dir Dein Suchtgedächtnis wirklich konkret vor. Nicht abstrakt, sondern greifbar. Was für eine Gestalt hat es? Ist es klein und fies? Groß und laut? Schleimig? Hat es eine Stimme – und wenn ja, wie klingt die? Hoch und quengelnd? Tief und ölig-überzeugend? Spricht es mit Dir wie ein alter Kumpel – oder eher wie ein schleimiger Verkäufer, der immer ein Sonderangebot parat hat?
Manche sehen einen sabbernden Kobold. Andere eine Weinhexe mit Flüstertechnik. Einen aufgeblasenen Bürokraten, der endlose Argumente produziert. Einen Troll unter der Brücke, der jeden Weg blockiert.
Es darf hässlich sein. Es darf lächerlich sein. Hauptsache, es gehört zu dieser Figur – und nicht zu Dir.
Und dann gib ihm einen Namen. Bierbert. Gönn-dir-Günter. Weinhexe. Vinzenz vom Fass. Der Schluckspecht. Was immer passt. Darf auch hässlicher sein als man es hier drucken mag.
Was Du dann damit machst
Ab sofort, wenn das Suchtgedächtnis sich meldet – wenn die Flüsterstimme anfängt, die Argumente kommen, die Romantisierung einsetzt –, sprich es an. „Ah, da bist Du wieder, Bierbert.” – „Ich seh Dich, Weinhexe. Verzieh Dich.” – „Gönn-dir-Günter, Du kannst mich mal.”
Klingt absurd? Gut. Absurdität hilft. Humor hilft. Wer über etwas lacht, hat Abstand davon – und Abstand ist genau das, was man im Craving-Moment braucht.
Was Du nicht machen solltest: das Wesen ernst nehmen. Mit ihm verhandeln. Ihm Respekt erweisen. Das Suchtgedächtnis verdient keinen fairen Prozess. Es verdient Verachtung, Humor und eine klar gewiesene Tür.
Stell Dir Dein Suchtgedächtnis konkret vor – Gestalt, Stimme, Methoden. Gib ihm einen fiesen Namen. Und wenn es das nächste Mal anklopft: Beschimpf es. Laut, leise oder innerlich – Hauptsache, Du redest mit dem Ding statt gegen Dich selbst. Wer mag, kann sogar noch einen Schritt weitergehen und das Miststück zeichnen. Klingt albern, funktioniert aber: Das Gehirn verarbeitet visuell eingravierte Konzepte anders als abstrakte.

Das Thema Rückfallprävention interessiert Dich? In unserem neuen Buch „Rückfall adé” gibt es ein ganzes Kapitel zum Taufen des Suchtgedächtnisses – mit Arbeitsmaterial, konkreten Anleitungen und sogar Platz zum Zeichnen. Weil: Wer sein Suchtgedächtnis einmal wirklich auf Papier gebracht hat, verschiebt es in eine andere Kategorie. Von „mein innerer Zustand” zu „dieses Ding da drüben.” Und dieses Ding da drüben kann man bekämpfen.
Videotranskript von Gaby Guzek, “Taufe Dein Suchtgedächtnis”
Hallo ihr Lieben, ich hatte gerade eine schöne Nachricht von einer Klientin, der hatte ich einen Trick verraten, wie man richtig gut damit umgehen kann, wenn einen doch mal wieder der Trinkwunsch anspringt. Hat super bei ihr geklappt, sie ist da aus einer echt hakeligen Situation gut rausgekommen und das ist für mich natürlich gleich ein Grund, dir das jetzt heute auch gleich mal brühwarm weiterzuerzählen.
Und zwar, taufe dein Suchtgedächtnis, heißt das Ganze, das ist kein Scherz, gib diesem Ding, was dich da immer wieder dazu kriegen will, Alkohol zu trinken, einen Namen.
Einen Namen und auch ein Gesicht, also meinetwegen Weinhexe, Biertroll, es gab mal jemanden, der hat das Ganze dann Vinzenz vom Fass genannt, fies muss es sein, ekelhaft, so eine richtige Antipathie-Figur. Setz dich hin, mal es meinetwegen auf, also jedenfalls ist das das Miststück, was dich dazu kriegen will, Alkohol zu trinken und wenn es dann das nächste Mal soweit ist, dann fängst du an, dieses Miststück zu beschimpfen, entweder intern sozusagen, also leise oder wenn du alleine bist und niemand dich dafür bekloppt erklären könnte, dann auch gerne laut. Beschimpfe es, bepöbele es, beschreie es, wirf irgendwas hinter dem Teil her, was auch immer.
Nein, das ist nicht albern, da passiert nämlich was ganz Witziges, und zwar folgendes, wenn der Suchtdruck anrollt, dann ist das ja sowas aus dem Reptilien-Gehirn, so dieses Instinktgedächtnis sozusagen, also eine uralte Hirnstruktur, und das, was wir eigentlich dagegenhalten wollen, nämlich der Verstand, der sitzt hier vorne, präfrontaler Kortex, der geht aber in die zweite Reihe, wenn sich das Suchtgedächtnis, also dieses Reptilien-Gehirn-Instinktgedächtnis nenn es, wie du willst, austobt, dann hat der einfach den Kürzeren.
Wenn du jetzt aber deinem Suchtgedächtnis sozusagen einen Namen gibst, eine Gestalt, und ihn anfängst dann, dieses Teil zu bepöbeln und mit dem zu reden, dann schaltet sich der präfrontale Kortex wieder ein, und dann hast du natürlich auch alle Chancen, das Spielchen zu gewinnen. Passiert noch was anderes, wenn du versuchst, quasi gegen dich selbst zu kämpfen, also sprich, gegen deinen eigenen Wunsch zu kämpfen, jetzt Alkohol zu trinken, dann geht das mehr oder minder zwangsläufig schief.
Weil wir dafür eigentlich gar kein Programm haben, also wir sind dafür nicht ausgestattet, uns selbst zu bekämpfen, das funktioniert nicht, hat die Natur so nicht vorgesehen, hat sie aber doch vorgesehen, andere Leute oder andere Dinge zu bekämpfen, und deshalb funktioniert das auch mit dem Suchtgedächtnis prima. Dritter Punkt, du wirst dieses komische Schuldgefühl los, also dieses, ja ich will ja trinken, spalte das von mir ab, ich habe nicht gesagt, werde schizophren, aber spalte diesen Trinkwunsch, diesen Wein-Troll-Bier-Hexe, egal wie rum, spalte das von dir ab, und sage, das bin nicht ich. Interessanterweise ist das neurobiologisch sogar korrekt, denn das, was du bist, wofür du erkannt werden möchtest, das findet in der Tat alles im präfrontalen Cortex statt, also dein Charakter, deine Persönlichkeit, deine Gedanken, deine Intelligenz, das ist alles präfrontaler Cortex.
Austoben beim Thema Sucht tut sich, wie gesagt, das Reptilien-Gehirn, und das heißt so, weil wir es tatsächlich seit den Echsen mit diesen ekelhaften Viechern teilen, mit denen möchtest du dich gar nicht identifizieren, das bist nicht du, du bist dein präfrontaler Cortex, das ist dein Charakter, und deshalb hast du auch alles Recht der Welt, dich gegen dein Reptilien-Gehirn zu stellen, und zu sagen, ver-zieh-dich, Miststück! Funktioniert wirklich, probiert das aus, das ist ein total klasse Trick, und ich kenne bislang niemanden, bei dem es nicht funktioniert hätte.
Wenn ihr da natürlich auch eine Geschichte dann hinterher zu erzählen habt, gerne unter dieses Video. Wie immer, alles Gute, alles Liebe, und bis zum nächsten Mal!
Häufig gestellte Fragen zum Thema “Suchtgedächtnis abschalten” (FAQ)
Was bringt es, dem Suchtgedächtnis einen Namen zu geben?
Durch das Benennen und Ansprechen wird der präfrontale Kortex aktiviert – genau der Hirnteil, der im Craving normalerweise die Kontrolle verliert. Wer sein Suchtgedächtnis anredet, schaltet den Verstand wieder ein und schafft die nötige Distanz, um dem Suchtdruck standzuhalten.
Fies, ekelhaft und gerne lächerlich – eine richtige Antipathie-Figur. Beispiele: Weinhexe, Biertroll, Bierbert, Gönn-dir-Günter, Vinzenz vom Fass. Humor ist dabei kein Nachteil, sondern ein Vorteil: Wer über etwas lacht, gewinnt Abstand. Und Abstand ist im Craving-Moment Gold wert.Wie sollte der Name für das Suchtgedächtnis aussehen?
Weil das Gehirn nicht dafür gebaut ist, sich selbst zu bekämpfen. Dieses Programm existiert neurobiologisch nicht. Was das Gehirn dagegen kann: sich gegen eine Bedrohung von außen wehren. Sobald das Suchtgedächtnis einen eigenen Namen und eine Gestalt hat, wird aus dem unmöglichen Kampf gegen sich selbst ein Verteidigungskampf gegen ein Gegenüber – und dafür sind unsere Instinkte ausgerüstet.Warum kann man nicht einfach mit Willenskraft gegen den Trinkwunsch ankämpfen?
Neurobiologisch betrachtet: nein. Das Suchtgedächtnis sitzt im Stammhirn, dem sogenannten Reptiliengehirn. Diese uralte Hirnstruktur teilen wir mit den Echsen. Persönlichkeit, Charakter und bewusstes Denken dagegen sitzen im präfrontalen Kortex – dem jüngsten Teil des menschlichen Gehirns. Den Trinkwunsch von sich abzuspalten und zu sagen „Das ist die Eidechse, nicht ich” ist also keine Selbsttäuschung, sondern eine neurobiologisch korrekte Unterscheidung.Ist der Trinkwunsch wirklich nicht ‚ich'?
In der Coaching-Praxis und im klinischen Umfeld hat sich die Technik bewährt. Entscheidend ist, dass man das Suchtgedächtnis wirklich anspricht – ob laut, leise oder innerlich. Die Sprache selbst ist der Aktivierungsschalter für den präfrontalen Kortex. Verachtung und Humor wirken dabei besser als ernsthafte Verhandlung mit dem Suchtgedächtnis.Funktioniert die Methode bei jedem?
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