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Kalter Entzug: Warum er lebensgefährlich sein kann

Hausarzt übergibt einem besorgt wirkenden Mann eine Klinikeinweisung. Im Hintergrund steht seine erleichterte Frau und beobachtet das Gespräch.

Kalter Entzug bedeutet, Alkohol von einem Tag auf den anderen abzusetzen — ohne Arzt, ohne Medikamente. Was viele nicht wissen: Alkohol gehört zu den wenigen Substanzen, bei denen ein unkontrollierter Entzug tödlich enden kann. Warum das so ist, woran man erkennt, ob ein Entzug klinisch begleitet werden muss, und was im Krankenhaus passiert.

Dr. med. Bernd Guzek
Dr. med. Bernd Guzek Arzt & Wissenschaftsjournalist

Martin ist 52, Vertriebsleiter, Eigenheim, erwachsene Kinder. Was er auch ist: seit über zwanzig Jahren zunächst Entspannungs-, dann Gewohnheitstrinker. Erst ein Glas Rotwein zum Abendessen, dann zwei, dann die Flasche, seit ein paar Jahren auch unter der Woche Bier am Nachmittag. Am Sonntagabend kippt er den Rest Merlot in die Spüle und sagt sich: Ab morgen ist Schluss. Kalter Entzug.

Was Martin nicht weiß: Was in seinem Kopf jetzt losgeht, lässt sich mit Disziplin nicht kontrollieren.

Kalter Entzug — was das eigentlich bedeutet

„Kalter Entzug” ist kein medizinischer Fachbegriff. Es ist die umgangssprachliche Bezeichnung für ein Vorgehen, bei dem jemand Alkohol von einem Tag auf den anderen absetzt — ohne Arzt, ohne Medikamente, ohne Überwachung. Im Gegensatz dazu stehen der ambulante Entzug, bei dem ein Arzt den Verlauf mit Medikamenten begleitet, und der stationäre Entzug in einer Klinik mit Rund-um-die-Uhr-Monitoring.

Martin hat Gründe. Er schämt sich, will keinen Stempel, will nicht als „der mit dem Alkoholproblem” beim Hausarzt stehen. Und vor allem: Er hält sich für stark genug. Zwanzig Jahre lang hat er alles unter Kontrolle gehabt — Firma, Familie, Finanzen. Das bisschen Aufhören wird er ja wohl auch noch hinkriegen.

Nur: Das Problem ist nicht sein Wille. Das Problem ist seine Biochemie.

Was im Gehirn passiert, wenn der Alkohol plötzlich fehlt

Wer über Jahre regelmäßig trinkt, dessen Gehirn stellt sich auf den Alkohol ein. Dieser Vorgang heißt Neuroadaptation, und er erklärt, warum ein kalter Entzug gefährlich werden kann.

Alkohol verstärkt die Wirkung von GABA, dem wichtigsten bremsenden Neurotransmitter im Gehirn. Gleichzeitig drosselt er Glutamat, den wichtigsten erregenden Botenstoff. Das Ergebnis kennt jeder: Entspannung, Enthemmung, Beruhigung. Das Gehirn bemerkt dieses chemische Ungleichgewicht und steuert dagegen. Es fährt die eigene GABA-Produktion herunter, baut GABA-Rezeptoren ab und dreht gleichzeitig das Glutamat-System hoch — vor allem die NMDA-Rezeptoren.

Solange Alkohol im System ist, halten sich die beiden Kräfte halbwegs die Waage. Die betroffene Person merkt das als Toleranzentwicklung: Sie braucht immer mehr, um die gleiche Wirkung zu spüren.

Die Grafik zeigt vereinfacht, wie sich das NMDA-System bei chronischem Alkoholkonsum verändert und warum ein plötzlicher Trinkstopp Entzugssymptome auslösen kann.
Beim chronischen Alkoholkonsum passt sich das Gehirn an die dauernde Dämpfung an und verstärkt sein erregendes Glutamat-NMDA-System. Fällt der Alkohol plötzlich weg, bleibt diese Gegenregulation zunächst bestehen – aus der Anpassung wird Übererregung.

Fällt der Alkohol beim kalten Entzug plötzlich weg, stehen die Gegenmaßnahmen des Gehirns allein da: Die Bremse ist kaputt, das Gaspedal klemmt auf Vollgas. Das Nervensystem gerät in einen Zustand der Übererregung — und genau das ist der Grund für die typischen Entzugssymptome und im schlimmsten Fall für lebensbedrohliche Komplikationen.

Martins erster Tag: „Das geht schon”

Montagmorgen. Martin fährt zur Arbeit, trinkt seinen Kaffee, führt drei Telefonate. Gegen Mittag merkt er die ersten Anzeichen: leichtes Zittern in den Händen, ein vages Gefühl von innerer Unruhe, als hätte er zu viel Koffein getrunken. Mittags schwitzt er, obwohl das Büro klimatisiert ist. Abends liegen seine Nerven blank, jede Geräuschkulisse fühlt sich an wie ein Angriff. An Schlaf ist nicht zu denken.

Martin denkt: Normal. Geht vorbei. Durchhalten.

Was er nicht weiß: Sein Nervensystem befindet sich gerade im biochemischen Ausnahmezustand. Die ersten 6 bis 12 Stunden nach dem letzten Drink sind oft noch vergleichsweise mild — Unruhe, Nervosität, leichter Tremor, Schwitzen, Schlafstörungen. Aber das ist erst der Anfang.


Screenshot: Alkoholentzug - was passiert da biochemisch?

Was passiert biochemisch beim Alkoholentzug?

Die ersten drei Tage des Entzugs gelten als die kritischste Phase. In dieser Zeit ist die biochemische Dysbalance am größten. Hier treten auch die schwersten Symptome auf, bis hin zu Prädelir und Delirium tremens. Erst danach beginnt sich das System langsam zu stabilisieren. Nach einer bis zwei Wochen kehrt allmählich Ruhe ein, doch die Anpassung der Rezeptoren dauert deutlich länger.


Tag zwei: Es kippt

Dienstagmorgen. Martin hat die ganze Nacht nicht geschlafen. Seine Hände zittern so stark, dass er die Kaffeetasse nicht halten kann. Sein Herz rast, der Puls hämmert, sein T-Shirt ist durchgeschwitzt. Eine Welle von Angst überrollt ihn, die er nicht einordnen kann — keine Angst vor etwas Konkretem, sondern ein körperliches Gefühl, als stünde eine Katastrophe unmittelbar bevor. Medizinisch hat das einen Namen: Das überschießende Glutamat-System produziert Angstzustände, die bis zu regelrechten Panikattacken eskalieren können.

In dieser Phase — zwischen 12 und 48 Stunden nach dem letzten Drink — treten bei manchen Betroffenen Krampfanfälle auf. Sie kommen ohne Vorwarnung, und ein Sturz aus dem Stand kann schwere Kopfverletzungen nach sich ziehen.

Martins Frau sieht, was er selbst nicht sehen will. Sie sieht die zitternden Hände, das durchgeschwitzte Hemd, die glasigen Augen. Und sie erinnert sich: Vor drei Jahren hat Martin schon einmal aufgehört. Damals „ein paar Wochen”, dann hat er wieder angefangen. Diesmal ist alles heftiger.

Das ist kein Zufall. Dahinter steckt ein Mechanismus, den Suchtmediziner den Kindling-Effekt nennen: Jeder weitere Entzug kann schwerer verlaufen als der vorherige, weil sich das Nervensystem bei jedem Mal stärker aufschaukelt. Wer also vor Jahren „problemlos” aufgehört hat, kann sich darauf beim nächsten Mal nicht verlassen.

„Muss ich denn wirklich in die Klinik?”

Martin bleibt zu Hause, sitzt auf der Bettkante, seine Frau steht in der Tür. Die Diskussion, die jetzt kommt, kennen Tausende von Familien:

„Du musst zum Arzt.”
„Ich brauch keinen Arzt. Ich muss das durchstehen.”
„Du stehst gar nichts durch. Du zitterst wie Espenlaub.”

Martins Frau drängt, Martin sträubt sich. Am Ende gibt er nach — nicht weil er überzeugt ist, sondern weil seine Frau ihm klarmacht, dass sie sonst den Notarzt ruft. Eine Stunde später sitzt er beim Hausarzt.

Der Hausarzt kennt Martin seit Jahren. Er fragt gezielt: Wie lange trinkst Du? Wie viel? Jeden Tag? Warst Du in den letzten 30 Tagen betrunken? Hattest Du schon mal Entzugssymptome? Schon mal Krampfanfälle? Schon mal ein Delir? Hattest Du Filmrisse?

Was der Arzt hier durchgeht, ist die PAWSS — die „Prediction of Alcohol Withdrawal Severity Scale”. José Maldonado und sein Team an der Stanford University haben dieses Screening-Instrument entwickelt, um das Risiko für einen komplizierten Entzug einzuschätzen, bevor schwere Symptome einsetzen. Zehn Fragen, zehn mögliche Punkte. Ab vier Punkten gilt das Risiko für Krampfanfälle oder Delirium tremens zu hoch für einen ambulanten Entzug.

Martin landet bei sechs Punkten. Langjähriger, täglicher Konsum. Früherer Entzugsversuch. Filmrisse. Aktuelle Entzugssymptome — Tremor, Schwitzen, zu schneller Herzschlag. Dazu der klinische Eindruck: Der Mann vor ihm ist erkennbar in einem instabilen Zustand. Der Hausarzt sagt: „Ambulant ist bei Dir nicht drin. Du brauchst die Klinik. Sofort.”

Martin schluckt. Seine Frau atmet auf.

Wie die Entscheidung zwischen ambulantem und stationärem Entzug im Detail abläuft, erklären wir in einem eigenen Beitrag. Und für alle, die sich fragen, ob es unbedingt die Klinik sein muss: Nein, nicht jeder muss in die Klinik.

Aber Martin schon. Ohne Wenn und Aber. Und sofort.


Frau sitzt in warm beleuchtetem Raum vor einem Computer und betrachtet einen Online-Selbsttest zum Alkoholentzug auf alkohol-ade.com in ruhiger, nachdenklicher Atmosphäre

Nein, nicht jeder muss in die Klinik. Aber Martin schon.

Wer mit dem Alkohol aufhören will, bekommt im Netz oft nur eine Antwort: Klinik oder Tod. Das ist medizinisch falsch — und es schadet genau den Menschen, die noch früh genug dran wären. Was die Leitlinien wirklich sagen, wer tatsächlich stationär entziehen muss und warum die Pauschalwarnung das Gegenteil von Hilfe ist.


Was die Klinik macht, was Martin allein nicht gekonnt hätte

Eine Stunde später Aufnahme in der Entgiftungsstation. Vitalzeichen-Monitoring, Infusion, ein Arztgespräch, das länger dauert als erwartet. Martin ist müde, gereizt und hat das Gefühl, hier nicht hinzugehören. Er sieht sich um: normale Menschen, keine abgewrackten Säufergestalten, wie er befürchtet hatte.

Was die Klinik jetzt tut, ist im Kern ein biochemisches Gegenprogramm zu dem, was Martins Nervensystem gerade durchmacht.

Schutz vor Krampfanfällen und Delir

In der Akutphase setzen Ärzte Benzodiazepine ein — in Martins Fall Diazepam. Diese Medikamente docken an den gleichen GABA-Rezeptoren an wie Alkohol und übernehmen vorübergehend dessen bremsende Funktion im Nervensystem. Das Gehirn bekommt eine Übergangslösung, während es sich langsam an das Leben ohne Alkohol gewöhnt.

Die Dosis wird über wenige Tage schrittweise reduziert. Benzodiazepine im Entzug sind kein Dauerthema — es geht hier um einen sehr kurzen, kontrollierten Einsatz unter ärztlicher Aufsicht, der Krampfanfälle und ein Alkoholdelir verhindern soll. In einigen Kliniken kommt alternativ Clomethiazol (Distraneurin) zum Einsatz, das ähnlich wirkt. Eine längere Gabe von Benzodiazepinen birgt die große Gefahr einer neuen Suchtentstehung. Bei kontrollierter Kurzzeitgabe besteht das Risiko nicht.

Außerdem kontrollieren die Betreuer den Blutdruck – im Alkoholentzug können gefährliche Blutdruckkrisen auftreten, die man mit modernen Medikamenten schnell angehen kann, wenn man sie rechtzeitig erkennt.

Vitamin B1: Kein modisches Nahrungsergänzungsmittel, sondern akuter Hirnschutz

Eines der ersten Dinge, die Martin in der Klinik bekommt, ist hochdosiertes Vitamin B1 – Thiamin, zunächst intravenös. Das hat nichts mit Nahrungsergänzung zu tun und behandelt auch nicht die eigentlichen Entzugssymptome. Vitamin B1 soll das Gehirn vor schweren, möglicherweise bleibenden Schäden schützen.

Der Grund: Bei längerem Alkoholkonsum kann ein ausgeprägter Vitamin-B1-Mangel entstehen. Gleichzeitig braucht der Körper aber Vitamin B1, um Zucker in den Zellen zur Energiegewinnung zu verwerten. Gerade das Gehirn ist auf diese Energieversorgung angewiesen. Bekommt ein Mensch mit starkem B1-Mangel plötzlich viel Zucker – zum Beispiel über eine Glukoseinfusion –, steigt der Bedarf an Vitamin B1 zusätzlich. Fehlt es, können die Gehirnzellen in eine gefährliche Energiekrise geraten.

Im schlimmsten Fall entsteht eine Wernicke-Enzephalopathie – eine akute Hirnschädigung, die sich etwa durch Verwirrtheit, Störungen der Augenbewegungen und einen unsicheren Gang bemerkbar machen kann. Wird sie nicht rechtzeitig behandelt, können dauerhafte Gedächtnisstörungen bis hin zum Korsakow-Syndrom zurückbleiben.

Deshalb gehört Vitamin B1 bei gefährdeten Patienten zur medizinischen Standardbehandlung des Alkoholentzugs. Bei ausgeprägtem Mangel oder entsprechendem Risiko wird es zunächst per Infusion oder Spritze in die Vene gegeben, weil Tabletten nicht immer zuverlässig genug aufgenommen werden. Besonders wichtig: Muss Glukose gegeben werden, sollte Thiamin vorher oder spätestens gleichzeitig verabreicht werden.

Infografik zur Bedeutung von Vitamin B1 beim Alkoholentzug: Sie zeigt, wie ein Thiaminmangel die Energiegewinnung aus Glukose in den Gehirnzellen stört. Ohne ausreichend Vitamin B1 geraten die Mitochondrien und damit die Hirnzellen in eine Energiekrise, wodurch schwere und bleibende Schäden entstehen können. Bei gefährdeten Patienten wird Vitamin B1 deshalb hochdosiert, häufig intravenös, und bei notwendiger Glukosegabe vorher oder spätestens gleichzeitig verabreicht.

Unterstützende Maßnahmen

Neben den beiden zentralen Säulen — Medikamente gegen die akute Entzugsgefahr und Thiamin gegen Hirnschäden — kommen in der Klinik weitere Maßnahmen zum Einsatz: Flüssigkeitszufuhr per Infusion, Elektrolyt-Ausgleich, insbesondere Magnesium und Kalium, die bei chronischem Alkoholkonsum fast immer erniedrigt sind. Monitoring von Puls, Blutdruck und Temperatur.

Manche Kliniken setzen ergänzend auf Substanzen wie NAC (N-Acetyl-Cystein), das antioxidativ wirkt und möglicherweise die Glutamat-Überaktivierung dämpft.

Martin in der Klinik: Die kritischen Tage

Die ersten Nächte sind hart. Martin schläft schlecht, hat lebhafte, verstörende Träume. Tagsüber überfällt ihn phasenweise Unruhe, die in Erschöpfung umschlägt. Sein Puls ist erhöht, sein Blutdruck wird mehrmals täglich kontrolliert. Am zweiten Tag in der Klinik kommt eine Phase, in der er sich plötzlich desorientiert fühlt — er weiß für ein paar Minuten nicht, welcher Wochentag ist. Die Pflege reagiert sofort, der Arzt passt die Medikation an. Es bleibt bei einem kurzen Prädelir — jener Vorstufe, die bei manchen Betroffenen in ein voll ausgeprägtes Delir übergehen kann, wenn sie nicht behandelt wird.

Ab Tag vier lässt die Anspannung nach. Martins Hände zittern weniger, der Schlaf wird besser, die Angst ebbt ab. Die Diazepam-Dosis wird reduziert. Am fünften Tag kann er zum ersten Mal seit einer Woche klar denken, ohne dass sich sein Kopf anfühlt wie ein überdrehter Motor.

Ad für das Buch GABA. So kommt der Kopf zur Ruhe

Was Martin in der Klinik erlebt, ist das, was er sich bei seinem kalten Entzugsversuch selbst hätte aufbürden wollen – mit dem Unterschied, dass jemand aufpasst und eingreifen kann. Die Symptome sind da, aber sie sind beherrschbar. Die Klinik nimmt ihnen die Spitze. Genau das ist die Lektion: Was Martin gefürchtet hat — die Klinik als Eingeständnis von Schwäche – war das, was es erträglich gemacht hat.

Nach dem Entzug: Der Weg geht weiter

Nach sechs Tagen wird Martin entlassen. Die akute Entgiftung ist vorbei, aber der Entzug ist nicht das Ziel, er ist der Anfang. Martin geht zurück zu seinem Hausarzt, der jetzt den ambulanten Teil übernimmt. Regelmäßige Termine, Blutkontrolle, Gespräche. Sein Arzt empfiehlt ihm eine Tagesklinik und eine Selbsthilfegruppe.

In den Wochen danach erlebt Martin, was viele Betroffene erleben: PAWS, das Post-Acute Withdrawal Syndrome. Anhaltende Müdigkeit, Stimmungstiefs, Schlafprobleme, phasenweise Craving — ein Verlangen nach Alkohol, das aus dem Nichts kommt und ihn überrascht. PAWS kann Wochen bis Monate anhalten. Es ist kein Rückfall, es ist Neurobiologie. Das Gehirn braucht Zeit, um sein Gleichgewicht wiederzufinden.

Was Martin heute über den kalten Entzug weiß

Sechs Monate später sitzt Martin an dem Tisch, an dem er damals den Merlot weggekippt hat. Ohne Weinglas. Er sagt: „Ich hätte es vielleicht auch allein geschafft. Vielleicht wäre es gut gegangen. Vielleicht hätte ich einen Krampfanfall auf dem Badezimmerboden bekommen und meine Frau hätte mich bewusstlos gefunden.” Er macht eine Pause. „Ich bin froh, dass ich es nicht ausprobiert habe.”

Nicht jeder kalte Entzug endet im Desaster. Aber ein Alkoholentzug gehört zu den wenigen Substanzentzügen, die tödlich verlaufen können. Die Schwere eines Entzugs lässt sich nicht am eigenen Gefühl ablesen. Wer sich „fit genug” fühlt, kann wenige Stunden später in einer Notaufnahme liegen.

Der erste Schritt dabei ist nicht die Klinik — der erste Schritt ist der Hausarzt. Er kann einschätzen, welcher Weg der sicherste ist. Wer sich erst einmal orientieren will, findet auf unserer Seite den PAWSS-Selbsttest als erste Standortbestimmung.

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Häufig gestellte Fragen zum kalten Entzug (FAQ)


Wie gefährlich ist ein kalter Entzug wirklich?

Ein kalter Alkoholentzug kann lebensbedrohlich sein. Alkohol gehört zu den wenigen Substanzen, bei denen der Entzug tödlich verlaufen kann — durch Krampfanfälle, Herzrhythmusstörungen, Bluthochdruck oder ein Delirium tremens. Wie hoch das Risiko im Einzelfall ist, hängt von Faktoren wie Trinkmenge, Trinkdauer, früheren Entzügen und Begleiterkrankungen ab. Ein Arzt kann das individuelle Risiko einschätzen.


Kann man einen kalten Entzug zu Hause durchstehen?

Das hängt vom individuellen Risikoprofil ab. Bei leichter Abhängigkeit ohne Vorgeschichte schwerer Entzüge kann ein Entzug zu Hause möglich sein — aber nur mit ärztlicher Begleitung. Bei langjährigem starken Konsum, früheren Krampfanfällen oder einem PAWSS-Score ab vier Punkten ist stationäre Behandlung dringend empfohlen. Der Hausarzt ist der richtige Ansprechpartner für diese Entscheidung.


Wie lange dauert ein kalter Entzug?

Die akuten körperlichen Symptome dauern in der Regel drei bis sieben Tage. Der Höhepunkt liegt meist zwischen Tag zwei und Tag drei. Danach lassen Tremor, Schwitzen und Herzrasen nach. Psychische Folgen wie Schlafstörungen, Stimmungstiefs und gelegentliches Verlangen nach Alkohol können als PAWS (Post-Acute Withdrawal Syndrome) noch Wochen bis Monate anhalten.


Warum ist Vitamin B1 im Alkoholentzug so wichtig?

Vitamin B1 (Thiamin) schützt das Gehirn vor bleibenden Schäden. Chronischer Alkoholkonsum führt bei vielen Betroffenen zu einem massiven Thiamin-Mangel, der im schlimmsten Fall eine Wernicke-Enzephalopathie auslösen kann — eine akute Hirnschädigung, die unbehandelt irreversibel wird. Vitamin B1 im Entzug ist keine Empfehlung, es ist Pflicht.


Was ist der Kindling-Effekt beim Alkoholentzug?

Der Kindling-Effekt beschreibt das Phänomen, dass jeder weitere Alkoholentzug schwerer verlaufen kann als der vorherige. Das Nervensystem wird mit jedem Entzug empfindlicher. Wer also vor Jahren „problemlos” aufgehört hat, kann beim nächsten Mal einen deutlich schwereren Verlauf erleben. Das ist einer der Gründe, warum wiederholte Selbstentzüge gefährlich sind.


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Weiterführende Literatur

Quellen

Die Texte auf der Seite ersetzen keine medizinische Beratung.

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