Wenn ich heute zurückblicke, würde ich schon sagen, dass Alkohol für mich irgendwann eine Art „Medikament“ geworden ist. Allerdings nicht im Sinne einer mir bekannten Depression, Angststörung oder ähnlichen Erkrankung, die ich damit behandelt hätte. Eine solche Diagnose gab es bei mir nicht.
Was ich aber ziemlich klar sagen kann: Mir war durchaus bewusst, wofür ich Alkohol eingesetzt habe. Ich habe ihn teilweise sogar ganz gezielt „medikamentiert“. Wenn ich mich unsicher fühlte, etwas nicht aushalten konnte, mich besser fühlen oder einfach meine innere Anspannung loswerden wollte, wusste ich ziemlich genau, was Alkohol für mich tun sollte.
Was mir nicht bewusst war, war der Preis dafür.
Ich wusste, welche Wirkung ich haben wollte, aber ich habe lange nicht verstanden oder verstehen wollen, was ich mir und meinem Körper damit antue. Dass aus diesem scheinbaren Problemlöser selbst ein immer größeres Problem wurde, hat bei mir sehr viel länger gedauert. Die Erkenntnis darüber kam eigentlich erst, als es schon fast zu spät war. …
Ein anonymer Erfahrungsbericht aus dem Alkoholiker-Forum von Alkohol adé.
Zum geschützten Austausch für Betroffene
Mach’ mit. Lies hier, was neue Mitglieder schreiben.
Fachliche Einordnung durch Dr. med. Bernd Guzek: Alkohol als Selbstmedikation
Kann man Alkohol als Medikament gegen innere Anspannung einsetzen, ohne in eine Alkoholsucht zu rutschen?
Was hier beschrieben wird, nennt die Suchtmedizin Selbstmedikation, und dafür braucht es keine Diagnose. Innere Anspannung, Unsicherheit oder Gefühle, die schwer auszuhalten sind, reichen völlig aus. Alkohol dämpft das Gehirn über das GABA-System und verschafft damit tatsächlich schnelle Erleichterung. Genau das macht ihn so tückisch: Das Gehirn passt sich an, die gleiche Menge wirkt schwächer, und zwischen den Trinkphasen steigt die Grundanspannung. Diese Toleranzentwicklung bei Alkohol bleibt lange unbemerkt, weil der Alkohol scheinbar weiterhin hilft. So erzeugt das „Medikament“ nach und nach selbst die Unruhe, gegen die es eingesetzt wird. Nach diesem Muster verläuft auch das Entspannungstrinken, bei dem das Feierabendbier zur Falle wird.
Häufig gestellte Fragen zu Selbstmedikation mit Alkohol und innerer Anspannung (FAQ)
Ist Selbstmedikation mit Alkohol schon Alkoholsucht?
Nicht automatisch, aber sie ist einer der häufigsten Wege dorthin. Wer Alkohol gezielt einsetzt, um Gefühle zu regulieren, bindet die Entlastung an die Substanz. Mit der Zeit wächst die Menge, und der Verzicht fällt immer schwerer.
Warum hilft Alkohol kurzfristig gegen Anspannung und verschlimmert sie langfristig?
Alkohol verstärkt die beruhigende Wirkung von GABA im Gehirn. Das Gehirn gleicht diese Dämpfung aus, indem es seine eigene Erregbarkeit erhöht. Lässt die Wirkung nach, bleibt eine stärkere Grundanspannung zurück als vorher.
Kann man auch ohne psychische Diagnose Alkohol zur Selbstmedikation benutzen?
Ja. Viele Betroffene haben keine Depression oder Angststörung, sondern nutzen Alkohol gegen alltägliche Unsicherheit, Stress oder innere Unruhe. Das Risiko einer Alkoholsucht ist dabei nicht geringer, weil derselbe Gewöhnungsmechanismus greift.
Redaktionelle Texte werden geprüft von Dr. med. Bernd Guzek
Die Texte auf der Seite ersetzen keine medizinische Beratung.
Mehr über das Alkoholiker-Forum: “Ehrlicher Austausch auf dem Weg aus der Sucht”


