Ich frage mich auch manchmal, ob dieses total nüchterne Leben es wirklich wert ist … und ich habe Zeiten, die auf eine neue Art äußerst anstrengend und anspruchsvoll sind, Pflege bei Angehörigen in einer Art und Weise, dass ich nie gedacht habe, das mal machen zu müssen – und früher hätt ich natürlich ganz automatisch nach Alk gegriffen.
Jetzt weiß ich, das bringt’s nicht. Aber die Lust ist da und die Sehnsucht auch. Wegschalten, Ausschalten, sich Wegbeamen.
Es war so schwer und es hat so lang gedauert, davon wegzukommen, das will ich nicht riskieren. Und deshalb bleib ich nüchtern. Und dann gibts diese Zeiten, in denen ich heilfroh bin, nüchtern zu sein, viele Momente, und viele liebe Menschen in meiner Umwelt, die mich bestätigen und mich immer neu bitten, auf diesem Kurs zu bleiben.
Ein anonymer Erfahrungsbericht aus dem Alkoholiker-Forum von Alkohol adé.
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Alkohol vermissen trotz Abstinenz – fachliche Einordnung durch Dr. med. Bernd Guzek
Darf man Alkohol in der Abstinenz vermissen – und warum wird Kreativität ohne Alkohol oft mühsamer?
Etwas zu vermissen ist kein Widerspruch zur Abstinenz, sondern ein ehrlicher Teil davon. Alkohol senkt Hemmungen und die innere Selbstkritik. Deshalb fühlte sich der kreative Zugang früher wie auf Knopfdruck an. Ohne diese Abkürzung braucht Kreativität Ruhe und Freiraum. Chronischer Stress durch eine belastende familiäre Lage nimmt genau diese Freiräume. Zugleich verstärkt er den Wunsch nach dem Wegschalten, der im Suchtgedächtnis gespeichert bleibt. Dass Verstand, Gefühl und Seele dabei unterschiedlich antworten, ist typisch. Das „Trotzdem“ beruht nicht auf bloßem Verzicht, sondern auf dem Wissen um die Folgen, die hier sogar im eigenen Umfeld sichtbar werden. Eine Motivation aus eigenen Werten gilt in der Rückfallprävention als besonders tragfähig.
Häufig gestellte Fragen zu Abstinenz, Kreativität und Suchtdruck (FAQ)
Ist es normal, Alkohol in der Abstinenz zu vermissen?
Ja, viele abstinente Alkoholiker kennen dieses Gefühl, auch nach langer Zeit. Vermisst wird meist nicht das Getränk, sondern die schnelle Entlastung, das Abschalten und Loslassen. Dieses Vermissen ehrlich anzuerkennen, ist stabiler, als es zu verdrängen.
Wird man ohne Alkohol weniger kreativ?
Viele Betroffene erleben, dass kreatives Arbeiten nüchtern zunächst mühsamer wird. Alkohol hat die Kreativität nicht erzeugt, sondern Hemmungen und Selbstkritik gedämpft. Ohne ihn braucht der kreative Zugang mehr Ruhe, Zeit und Übung. Unter Dauerstress ist dieser Zugang besonders schwer zu finden.
Warum ist der Suchtdruck unter Stress stärker?
Das Gehirn hat Alkohol über Jahre als schnellstes Mittel gegen Anspannung abgespeichert. Unter Dauerbelastung wird dieses gelernte Muster leichter aktiviert, und der Wunsch nach dem Wegschalten meldet sich deutlicher. Der Suchtdruck ebbt in der Regel wieder ab, ohne dass man ihm nachgibt.
Redaktionelle Texte werden geprüft von Dr. med. Bernd Guzek
Die Texte auf der Seite ersetzen keine medizinische Beratung.
Mehr über das Alkoholiker-Forum: “Ehrlicher Austausch auf dem Weg aus der Sucht”


