Was mir besonders gut gefallen hat, ist das Prinzip der „Überschreibung“ von Erfahrungen, die das Gehirn i.V.m. Alkohol gemacht hat. Das habe ich nämlich für mich ganz persönlich bei meinem Lieblingshobby Angeln beobachtet:
Damals habe ich ständig mit fünf oder sechs Dosen Bier am See gesessen, meine Angel ins Wasser geworfen, auf die Pose geglotzt und mich quasi überhaupt nicht mehr bewegt. Ab und zu mal nen frischen Wurm an den Haken und immer die Hand an der Kühlbox. Mittlerweile – ich wollte mir das Hobby natürlich nicht nehmen lassen – habe ich mich einfach dazu aufgerafft, zum See zu fahren und zum Angeln nicht nur die Pose mitzunehmen, sondern auch ein paar Gummifische und Blinker. Spinnen (ja, das heißt wirklich so 😜) ist eine sehr viel aktivere Form des Fischens und ich habe völlig neue Seiten an mir entdeckt. Ich laufe verschiedene Spots an, krieche durchs Unterholz und fahre sogar manchmal mit dem Boot raus. Das läuft sogar sehr viel erfolgreicher ab, als meiner Kücheneinrichtung lieb ist. (Die Schuppen fliegen wirklich ÜBERALL hin.) Und ich komme überhaupt nicht mehr auf die Idee, mir Bier einzupacken.
Ein anonymer Erfahrungsbericht aus dem Alkoholiker-Forum von Alkohol adé. Zum geschützten Austausch für Betroffene
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Fachliche Einordnung durch Dr. med. Bernd Guzek
Kann ein Hobby, das jahrelang fest mit Alkohol verknüpft war, in der Abstinenz tatsächlich neu besetzt werden?
Was dieser Bericht beschreibt, ist ein Beispiel für die gezielte Überschreibung konditionierter Verknüpfungen. Das Gehirn hat über Jahre die Situation „See, Angel, Ruhe” mit Alkoholtrinken verknüpft – ein klassisch konditionierter Reiz. Entscheidend ist, dass der Verfasser die Situation nicht gemieden, sondern aktiv umgestaltet hat: Durch die Umstellung auf eine bewegungsintensive Angelmethode veränderten sich Reize, Bewegungsmuster und Belohnungen grundlegend. So entstehen im Gehirn konkurrierende Verknüpfungen, die die alte Alkohol-Assoziation mit der Zeit überlagern. Die Neuroplastizität des Gehirns ermöglicht genau das: Alte Muster werden nicht gelöscht, aber durch neue, stärkere Verbindungen überdeckt – ein Vorgang, den das Suchtgedächtnis langfristig abschwächt.
Häufig gestellte Fragen zu Hobbys und Alkoholsucht (FAQ)
Kann man Hobbys, die man mit Alkohol verbunden hat, in der Abstinenz weiterführen?
Ja, allerdings ist es oft sinnvoll, die Rahmenbedingungen aktiv zu verändern. Wer dieselbe Situation in exakt derselben Form wiederherstellt, riskiert, dass konditionierte Reize das Verlangen auslösen. Eine bewusste Umgestaltung – etwa durch neue Abläufe, andere Orte oder eine aktivere Variante – kann alte Verknüpfungen im Gehirn schrittweise überschreiben.
Was bedeutet Überschreibung im Zusammenhang mit dem Suchtgedächtnis?
Das Suchtgedächtnis speichert Situationen, in denen Alkohol als Belohnung erlebt wurde. Bei der Überschreibung werden diese Situationen wiederholt mit neuen, alkoholfreien Erfahrungen verknüpft. Die alte Verbindung wird dabei nicht gelöscht, aber durch stärkere neue Verknüpfungen überlagert.
Warum hilft körperliche Aktivität gegen das Verlangen nach Alkohol?
Bewegung aktiviert das Belohnungssystem über körpereigene Botenstoffe wie Endorphine und Dopamin. Gleichzeitig lenkt die körperliche Beanspruchung die Aufmerksamkeit vom Verlangen ab und schafft neue positive Erfahrungen, die das Gehirn als Alternative zum Alkohol abspeichern kann.
Redaktionelle Texte werden geprüft von Dr. med. Bernd Guzek
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Mehr über das Alkoholiker-Forum: “Ehrlicher Austausch auf dem Weg aus der Sucht”

