Ich verwende diesen Begriff für mich persönlich nicht. Ich trinke seit über zwei Jahren keinen Alkohol mehr. Für mich bedeutet das, dass ich geheilt bin und mich nicht mehr als krank betrachte.
Gerade beim Thema Alkohol empfinde ich es als problematisch, dass Menschen durch bestimmte Bezeichnungen weiterhin dauerhaft mit einer Erkrankung in Verbindung gebracht werden, obwohl diese für sie längst überwunden ist. Zu einem ehemals kokainabhängigen Menschen würden wir schließlich auch nicht „trockener Kokainiker“ sagen.
Soweit ich gelesen habe, wird auch der Begriff „trockener Alkoholiker“ zunehmend als überholt angesehen und durch andere Bezeichnungen ersetzt. Wenn mich jemand fragt, sage ich deshalb: Ich hatte eine Alkoholgebrauchsstörung. Da ich keinen Alkohol mehr trinke und diese Problematik für mich überwunden habe, habe ich diese Störung heute nicht mehr. …
Ein anonymer Erfahrungsbericht aus dem Alkoholiker-Forum von Alkohol adé. Zum geschützten Austausch für Betroffene
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Fachliche Einordnung durch Dr. med. Bernd Guzek
Kann man eine Alkoholabhängigkeit wirklich überwinden – oder bleibt man lebenslang trockener Alkoholiker?
Der Begriff „trockener Alkoholiker” stammt aus einer Zeit, in der Alkoholabhängigkeit als lebenslange, unheilbare Krankheit galt. Die moderne Suchtmedizin differenziert deutlich stärker. Das DSM-5 verwendet den Begriff „Alcohol Use Disorder” (Alkoholkonsumstörung) und kennt das Konzept der anhaltenden Remission – also einer dauerhaften Stabilisierung ohne aktive Symptome. Große epidemiologische Studien wie die NESARC-Studie zeigen, dass ein erheblicher Teil der ehemals Betroffenen langfristig stabil bleibt, häufig auch ohne formale Therapie. Gleichzeitig bleibt das Suchtgedächtnis neurobiologisch bestehen: Erlernte Verknüpfungen zwischen Alkohol und Belohnung löschen sich nicht vollständig. Das bedeutet nicht, dass jemand krank ist – aber es erklärt, warum Achtsamkeit gegenüber alten Mustern auch nach Jahren sinnvoll bleibt. Der Wunsch, sich nicht mehr über eine ehemalige Diagnose zu definieren, ist nachvollziehbar und entspricht dem Selbstverständnis vieler Menschen in stabiler Abstinenz. Im Umgang mit dem Thema Dry-Drunk-Syndrom wird deutlich, dass die Qualität der Abstinenz wichtiger ist als das Etikett.
Häufig gestellte Fragen zu Alkoholismus und dem Begriff trockener Alkoholiker (FAQ
Ist man nach Jahren ohne Alkohol noch Alkoholiker?
Die Antwort hängt vom zugrunde gelegten Modell ab. Das klassische Krankheitsmodell geht von einer lebenslangen Erkrankung aus. Die moderne Diagnostik nach DSM-5 kennt dagegen das Konzept der anhaltenden Remission – einer dauerhaften Stabilisierung ohne aktive Symptome. Viele Fachleute sprechen heute von einer überwundenen Alkoholgebrauchsstörung.
Was bedeutet Alkoholgebrauchsstörung im Vergleich zu Alkoholismus?
Alkoholgebrauchsstörung ist der diagnostische Fachbegriff im DSM-5 und beschreibt ein Spektrum von leicht bis schwer. Der ältere Begriff „Alkoholismus” unterscheidet nicht nach Schweregrad und impliziert oft eine lebenslange Erkrankung. Die modernere Bezeichnung erlaubt eine differenziertere Betrachtung und schließt auch Remission ausdrücklich ein.
Warum gilt der Begriff trockener Alkoholiker als überholt?
Der Ausdruck definiert Menschen dauerhaft über eine ehemalige Erkrankung und suggeriert, dass Abstinenz lediglich ein unterdrückter Krankheitszustand sei. Die aktuelle Suchtmedizin erkennt an, dass viele Betroffene eine stabile Remission erreichen und sich nicht mehr als krank betrachten müssen. Die Bezeichnung wird daher zunehmend durch neutralere Formulierungen ersetzt.
Redaktionelle Texte werden geprüft von Dr. med. Bernd Guzek
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