Reizthema „Kontrolliertes Trinken“ – wozu, frage ich mich?

Der Abschied vom Alkohol fällt schwer, klar. Sonst gäbe es ja nicht so viele Menschen, die jahre- oder sogar jahrzehntelang viel zu viel trinken, ohne aufhören zu können. Dabei kommen viele Betroffene meist sogar relativ gut über die erste Zeit ohne Wein und Bier. Dann aber beginnt das Hadern: „Darf ich wirklich nie mehr auch nur einen Schluck trinken?“

Von Gaby Guzek, Autorin “Alkohol adé”

Hoffnung macht ihnen das Konzept des so genannten kontrollierten Trinkens. Die Idee: Nicht ganz aufhören oder für immer abstinent leben, sondern mit festem Willen und Plan sich kleine Mengen Alkohol gestatten.

Ganz ehrlich? Allein beim Formulieren dieses Satzes sträuben sich mir schon die Nackenhaare. So viele Gegenargumente wollen gleichzeitig in die Tastatur. Ich gönne mir mal die Kurzfassung vorab: Das funktioniert nicht, das kann nicht funktionieren – und darüber hinaus ist es überflüssig. Ich persönlich halte das für den größten Unsinn überhaupt.

Fangen wir doch mal mit den nüchternen medizinischen Fakten an. Alkoholsucht, so weiß man heute, verändert das Gehirn. Genauer gesagt: Die Verdrahtung der einzelnen Nerven, also der Informationsautobahnen. Beim Alkoholiker ist die Verbindung „Alkohol – Glücksgefühl“ eine vierspurige Autobahn ohne Geschwindigkeitsbegrenzung. Das Ding ist: Je häufiger so eine Hirnautobahn benutzt wird, umso breiter wird sie. Mediziner nennen das „Neuroplastizität.“ Hier liegt die Crux, abstinent zu werden: Die Autobahn muss zu einem zu gewucherten Pfad verkümmern, andere Wege zum Glücksgefühl dagegen erst durch stetes Nutzen ausgebaut werden. Das Hirn lässt sich darauf durchaus trainieren – aber nur, wenn man die Alkohol-Hirnautobahn konsequent links liegen lässt. Wer „kontrolliert trinkt“ fährt aber immer wieder auch auf der Alkohol-Hirnautobahn spazieren. Anders ausgedrückt: Man fordert den Teufel zum Tänzchen auf.

Wie erfolglos das Ganze ist, zeigt sich im Forum von www.alkohol-ade.com. Es ist voll von Betroffenen, die teilweise jahrelang versucht haben, kontrolliert zu trinken. Dutzende, wenn nicht hunderte Abstürze später war dann klar: Es klappt nicht.

Nun bin ich die Letzte, die darüber den Stab brechen würde. Ich habe es ja auch probiert. Genauso erfolglos. Und ich verstehe ja auch, warum. Wenn man trinkt, jagt einem der Gedanke „nie wieder Alkohol“ Schauer durch die Glieder. Bei mir war es ernsthaft so, dass ich lange nicht aufgehört habe, weil ich dann ja nie wieder würde trinken dürfen. Ein bisschen wie Selbstmord aus Angst vor dem Tod. So eine verquere Logik versteht nicht jeder, ein Alkoholiker aber schon.

Immerhin kam dann die Einsicht: Nein, kontrolliert Trinken funktioniert nicht. Deshalb habe ich es dann halt ganz sein gelassen. Und dann kam ein Tag, den sich niemand vorstellen kann, dem der endgültige Abschied vom Alkohol noch bevor steht: Es war mir egal!

Der Schalter war umgelegt von „ich darf nicht mehr trinken“ zu „ich brauche nicht mehr trinken, ich will das Zeug gar nicht mehr.“ Meine Neuroplastitzität hat offenbar getan, was ich von ihr wollte. Heute betrachte ich Alkohol so, wie viele andere Lebensmittel auch, die ich nun mal nicht esse oder trinke. Wenn Sie in Thailand auf dem Markt frisch frittierte Insekten angeboten bekommen, lehnen Sie ja auch völlig schmerzlos ab, oder?

Hätte ich nicht komplett aufgehört, sondern wäre noch weiter um das Goldene Kalb Alkohol rumgetanzt und hätte es mit „einem kontrollierten Glas“ gehuldigt, wäre ich nie so weit gekommen. Mein Hirn würde mir heute noch erzählen, das Leben wäre nur mit Alkohol wirklich schön.

Zu genau diesem ewigen Spiel mit dem Feuer aber fordert die Betroffenen dieses unsägliche Konzept des „Kontrollierten Trinkens“ geradezu heraus. Dabei ist doch schon allein der Begriff ein Widerspruch in sich. Wenn ich kein Problem mit dem Alkohol habe, dann brauche ich meinen Konsum auch nicht zu kontrollieren. Muss ich meinen Konsum kontrollieren, dann habe ich ein Problem – beim Trinken kein Limit zu finden, ist eines der Hauptkriterien für Alkoholismus. Käme man eigentlich auf die Idee, einem Heroinsüchtigen zu erlauben, sich kleinere Mengen zu spritzen – oder aber seltener? Hirnrissig, oder?

Ich verstehe wirklich nicht, wie man Betroffene in ein solches Bockshorn jagen kann. Einer der prominentesten Verfechter des „Kontrollierten Trinkens“ in Deutschland ist der Nürnberger Psychologieprofessor Joachim Körkel. Ich habe mal ein wenig zu ihm recherchiert und mir sind folgende Dinge aufgefallen, die ich jetzt hier wertfrei feststelle

  • 2013 wurde in der EU das Präparat Selincro (Nalmefen) von der Firma Lundbeck zugelassen, die deutsche Zulassung erfolgte ein Jahr später. Nalmefen soll den Drang, Alkohol zu trinken reduzieren.
  • Googelt man den Namen Körkel und den Firmennamen Lundbeck, spuckt das Netz Dutzende von Fundstellen aus. Körkel hält auf Einladung von Lundbeck honorierte Vorträge, auch unter seinen wissenschaftlichen Arbeiten ist seine Verbindung zum Pharmaunternehmen Lundbeck sehr häufig vermerkt.

Ich selbst war früher mal Geschäftsführerin einer PR-Agentur, die sich auf Pharma spezialisiert hatte. Deshalb weiß ich: Solche Symbiosen sind meist nicht zufällig.

Sollte es aber noch eines letzten Beweises bedürfen, wie trostlos die Idee des „Kontrollierten Trinkens“ enden kann, muss man sich nur das Schicksal der Erfinderin der Idee ansehen: Audrey Kishline. Sie war Gründerin des „Moderation Management“, einer amerikanischen Selbsthilfeorganisation, die sich das kontrollierte Trinken auf die Fahnen geschrieben hat. Kishline war selbst Alkoholikerin, haderte aber damit, sich so zu bezeichnen. Es „degradiere sie“, meinte sie.

Sie konnte und wollte den Alkohol nicht ganz sein lassen und erschuf 1994 diese Bewegung. Im Jahr 2000 wurde sie sturzbetrunken zur Geisterfahrererin, knallte auf der Autobahn mit einem entgegenkommenden Fahrzeug zusammen, tötete ein zwölfjähriges Mädchen und ihren Vater. Dafür wanderte sie ins Gefängnis. In einem Fernsehinterview sechs Jahre später gab sie offen zu, die Idee kontrolliert trinken zu können, sei wohl tatsächlich eher der Wunsch einer Alkoholsüchtigen gewesen.

2014 beging sie Selbstmord.





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4 thoughts on “Reizthema „Kontrolliertes Trinken“ – wozu, frage ich mich?

  1. Ich habe mir dieses tolle Buch heruntergeladen und das Alkoholproblem von einer ganz neuen Seite kennengelernt.
    Nun arbeite ich mit Vitaminen und Mineralstoffen und trinke keinen Alkohol, zwar erst seit 2 Tagen, aber zumindest ein Anfang. Nun werde ich weiter machen und ich mich auf ein gesundes Leben freuen.
    Rumpelstielzchen

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