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Frust aushalten ohne Alkohol

Comicfigur läuft entspannt unter einer explodierenden Wolke


Ein Gerichtstermin läuft völlig daneben. Wut, Frust, innere Explosion – und trotzdem bleibt die Flasche zu. Warum starke Emotionen kein Rückfallgrund sein müssen und wie Abstand zu den eigenen Gedanken schützt, darum geht es in diesem Beitrag. Wer Frust aushalten will, ohne Alkohol als Ventil zu benutzen, braucht Abstand zu den eigenen Gedanken.

Von Gaby Guzek

Früher wäre die Flasche auf gewesen – heute nicht

Ich komme direkt vom Gericht. Der Termin lief komplett daneben. Wir hatten sachlich recht, trotzdem stellte die Richterin meine Existenz infrage. Eine dieser Situationen, in denen man mit geballter Faust in der Tasche dasitzt und innerlich kocht. Früher hätte ich gewusst, was jetzt folgt: heimfahren, weitergrübeln, sich hineinsteigern – und irgendwann wäre die Flasche offen gewesen.

Heute nicht.

Ich saß im Auto und musste schmunzeln. Nicht, weil die Situation harmlos war, sondern weil ich in meiner Abstinenz etwas gelernt habe, das mich schützt. „Du sollst nicht immer alles glauben, was du denkst.“ In dem Moment, in dem ich den Gerichtssaal verlasse, ist die Situation objektiv vorbei. Alles, was danach weiterläuft, spielt sich ausschließlich in meinem Kopf ab. Wenn ich zwei Stunden darüber nachdenke, verändert das nichts am Termin. Es verändert nur meinen Puls, meine Stimmung und meinen Tag.

Früher hätte ich den Gedanken geglaubt: Das ist unerträglich. Das ist ungerecht. Das halte ich nicht aus. Heute erkenne ich: Das sind Bewertungen, keine Tatsachen. Genau hier liegt der Unterschied zwischen Reiz und Reaktion. Alkohol greift an dieser Stelle scheinbar regulierend ein. Er dämpft die emotionale Übererregung, verstärkt hemmende GABA-Systeme und unterbricht das Grübeln. Das fühlt sich wie Entlastung an, verschiebt das Problem jedoch nur. Der Frust bleibt, die Situation bleibt – und am nächsten Morgen kommen Unruhe, Selbstzweifel und körperliche Belastung hinzu.

⚠️
Wichtiger Hinweis

Emotionen verschwinden nicht durch Alkohol. Alkohol verschiebt sie – und verstärkt häufig die Belastung am nächsten Tag. Entscheidend ist nicht das Gefühl, sondern die Reaktion darauf.

Der eigentliche Mechanismus ist nüchtern betrachtet einfach: Gedanke, Bewertung, emotionale Aufladung, Handlungsimpuls. Wer hier eingreift, braucht keine Flasche. Akuter Ärger aktiviert die Amygdala und schwächt kurzfristig die Kontrolle des präfrontalen Cortex. In dieser Phase entstehen automatische Impulse. Doch Gedanken sind mentale Ereignisse, keine Verpflichtungen. Wenn man sie als solche erkennt, entsteht Abstand. Und mit Abstand entsteht Entscheidungsspielraum.

Ich werde mich mit dem Thema wieder beschäftigen, wenn die eigentliche Verhandlung stattfindet. Nicht heute. Nicht im Kopfkino. Zwischenzeitlich sind meine Gedanken optional.

Frust gehört zum Leben. Ungerechtigkeit auch. Rückfälle entstehen selten durch das Ereignis selbst, sondern durch das, was wir innerlich daraus machen. Gedanken sind mächtig. Aber sie sind nicht verpflichtend. Genau dort beginnt Freiheit.

Video: So bleibe ich nüchtern, obwohl ich gerade stinksauer bin

Frust ohne Alkohol aushalten – so bleibe ich nüchtern, obwohl ich gerade explodiere

Transkript zu “Frust aushalten ohne Alkohol”

Boah, ich bin sowas von sauer, echt sowas von frustriert und trotzdem muss ich jetzt nichts trinken. Und genau das wollte ich euch mal heute anlassbezogen sofort mal erklären, wie das funktioniert. Frust, richtig Frust oder andere Gefühle aushalten, ohne automatisch zu denken, boah, da muss ich jetzt erstmal was draufkippen.

Kurz zu meiner Situation, damit ihr das auch versteht, warum ich echt sauer bin. Ich komme gerade vom Gericht, seht ihr ja, ich bin ja geschniegelt und gebügelt und der Termin ist sowas von daneben gegangen. Der Witz ist, ich vertrete einen Freund und wir haben total recht, da gibt es auch keine zwei Meinungen und trotzdem war die Richterin der Meinung, ja quasi sie muss meine Existenz anzweifeln.

Ist auch egal. Also so richtig so eine Situation müsst ihr euch vorstellen, wo du da sitzt mit der Faust in der Tasche geballt und so, dann bin ich da raus, hab hier mein Auto gesetzt und hab geschmunzelt, weil ich wirklich dankbar dafür bin, dass ich in meiner Abstinenz was gelernt habe. Und zwar, du sollst nicht immer alles glauben, was du denkst.

Mann schaut nachdenklich. Anzeige für Coaching von Alkohol adé

Der Spruch ist von Heinz Erhardt und mega genial. Was meint das? Konkret auch auf die Situation bezogen, wir machen uns unsere Realität im Prinzip ja selber. Also mit der Sekunde, dass ich den Gerichtssaal verlassen habe, jeder Moment, den ich da jetzt noch weiter drauf rumgeschmort und emotional drauf rumgetobt hätte, hätte nichts verändert außer meine eigene Realität, meinen Frust, meinen weiteren Tag verändert und ja, und irgendwann wäre dann halt eben die Flasche Wein offen gewesen.

Das ist der Trick, den ich euch verraten will. Wenn ihr Emotionen habt, so wie ich, fast vorm Explodieren, lehnt euch zurück und macht euch klar, das, was mich jetzt hier gerade so anfrisst, das findet jetzt in meinem Kopf statt. Wenn die Situation vorbei ist, ist sie vorbei.

Ich kann mich, wird bei mir auch der Fall sein, zu gegebener Zeit damit wieder beschäftigen, nämlich dann, wenn die Gerichtsverhandlung dann offiziell stattfindet, das heute war ein Vortermin. Bis dahin ist alles, was ich an Gedanken darauf verwende, verschwende, nur in meinem Kopf und ich mache mich selber verrückt und ich habe die Wahl, mich selbst verrückt zu machen oder mir klarzumachen, dass in der Zwischenzeit in China 20 Reissäcke umgefallen sind und die einzige, die davon Schaden hat, dass ich eben die ganze Zeit drauf rumkauere, wie blöd das jetzt gerade gelaufen ist, bin ich. Das könnt ihr auch, das muss man üben, keine Frage, aber das ist so ein Patentrezept dagegen, dass man eben dann nicht aus Frust, aus emotionaler Belastetheit, kann ja auch Traurigkeit sein oder was auch immer, nicht zur Flasche greifen muss.

Du sollst nicht immer alles glauben, was du denkst. Wir machen unsere Gedanken, unsere Gedanken bestimmen unseren Tag und wenn wir das nicht zulassen, sondern einfach sagen, das sind Gedanken und ich mache mich jetzt nicht verrückt, dann muss ich auch nicht trinken. Ich hoffe, ich konnte euch ein bisschen helfen, auch wenn ich selber da gerade relativ emotional aus einer Situation raus bin.

Ich muss heute nicht trinken, ich werde jetzt erstmal fröhlich spazieren gehen und dann wieder an meinen Schreibtisch zurückkehren und mich mit den schönen Dingen dieser Welt beschäftigen. Wenn ihr meint, jemand anderes sollte das jetzt mal gesehen haben, schickt es gerne weiter oder postet es in den sozialen Medien. Bis dann!

Häufig gestellte Fragen zu “Frust ohne Alkohol bewältigen” (FAQ)

Warum lösen starke Emotionen so häufig Suchtdruck aus?

Starke Emotionen aktivieren das limbische System, insbesondere die Amygdala. Gleichzeitig sinkt die Kontrollleistung des präfrontalen Cortex. In dieser Phase entstehen schnelle Handlungsimpulse. Alkohol wirkt scheinbar regulierend, weil er hemmende GABA-Systeme verstärkt. Das Gefühl von Erleichterung entsteht jedoch nur durch Dämpfung – nicht durch Lösung des eigentlichen Problems.

Hilft Alkohol wirklich gegen Frust oder Wut?

Alkohol reduziert kurzfristig die emotionale Übererregung und unterbricht Grübelschleifen. Die belastende Situation bleibt jedoch bestehen. Am Folgetag verstärken körperliche Stressreaktionen und Schlafstörungen häufig das ursprüngliche Problem.

Was bedeutet: Gedanken sind keine Tatsachen?

Gedanken sind mentale Bewertungen einer Situation. Sie beschreiben nicht automatisch die Realität. Wer lernt, Gedanken als innere Ereignisse zu erkennen und nicht als zwingende Wahrheit zu behandeln, gewinnt Abstand und Entscheidungsspielraum.

Wie kann man Frust aushalten, ohne zur Flasche zu greifen?

Der erste Schritt besteht darin, Emotion und Bewertung zu unterscheiden. „Ich bin wütend“ beschreibt einen Zustand. „Das ist unerträglich“ ist eine Interpretation. Wenn diese Differenz bewusst wird, entsteht Raum zwischen Gefühl und Handlung. Dieser Abstand reduziert Rückfallrisiken deutlich.

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Bild: Gaby Guzek vor leeren Weingläsern,

Gaby Guzek

Ehemalige Betroffene, Bestsellerautorin, Coach & Mitbegründerin von Alkohol adé

Hat es sich zum Ziel gesetzt, die Neurobiologie der Sucht bekannter zu machen und damit Betroffenen Schuld- und Schamgefühle zu nehmen.

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