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Ein metallener Papierkorb im Stil der 1940er-Jahre ist mit zerknüllten Fragebögen gefüllt. Auf mehreren Bögen sind gut sichtbar das weibliche Symbol (♀) und ein roter „REJECTED“-Stempel zu erkennen. Im Hintergrund stehen ein alter Holzschreibtisch und Karteischubladen in warmem, gedämpftem Licht. Die Szene vermittelt den Eindruck, dass bestimmte Datensätze oder Personengruppen systematisch aussortiert wurden.

Jellineks Frauenproblem: fünf Jahrzehnte blinder Fleck in der Suchtforschung

Jellinek sortierte Frauen aus seiner Studie aus – ihre Daten waren ihm zu „erratisch”. Was er verwarf, war ein eigenständiger Befund: das Telescoping-Phänomen, mit dem heute der andere Verlauf des Alkoholismus bei Frauen beschrieben wird.

Gaby Guzek
Gaby Guzek M.A. Medizinjournalistin · Bestsellerautorin · Sobriety-Coach

Im Jahr 1946 veröffentlichte der Physiologe Elvin Morton Jellinek seine berühmte Studie über die Stadien des Alkoholismus. Von 158 zurückgesandten Fragebögen sortierte er 45 als unleserlich aus und verwarf 15 weitere – die der Frauen. Übrig blieben 98 Fragebögen von männlichen AA-Mitgliedern. Daraus wurde das Modell, das die Suchttherapie für ein halbes Jahrhundert prägte.

Das allein ist schon bemerkenswert. Aber die Begründung für den Ausschluss der Frauen ist der eigentliche Kracher.

Jellinek: “Frauen unordentlich für die Theorie”

Jellinek warf die Fragebögen der Frauen nicht weg, weil sie unleserlich waren oder weil 15 Datensätze für eine statistische Auswertung nicht reichten. Das hätte man ihm methodisch vielleicht noch durchgehen lassen können. Nein – er sortierte sie aus, weil die Antworten der Frauen nicht in sein Modell passten. Ihre Verläufe seien „erratischer” als die der Männer, befand er. 1952 wiederholte er das ausdrücklich und machte es zum Prinzip.

Übersetzt heißt das: Die Frauen hatten die Frechheit, anders abhängig zu sein, als Jellineks Theorie es vorsah. Ihre Antworten ließen sich nicht in sein hübsches, offenbar bereits vorgefasstes Stadienmodell pressen. Statt sich zu fragen, ob vielleicht seine Theorie das Problem war, löschte er die Daten. Nicht irgendwelche Daten – er löschte die Hälfte der Menschheit aus seiner Forschung.

Kein Nachfolger korrigierte das. Über Jahrzehnte unternahm niemand den Versuch, Jellineks Modell auf Frauen zu erweitern. Bis Ende der 80er. Die Piazza-Studie von 1989 hält dann dazu trocken fest: Weder Jellinek noch irgendjemand nach ihm habe es für nötig befunden, sein Modell an der weiblichen Hälfte der Bevölkerung zu überprüfen.

Was Jellinek „erratisch” nannte, hat heute einen Namen: Telescoping

43 Jahre nach Jellineks Ausschluss schauten Piazza und Kollegen endlich hin. Und fanden etwas, das Jellinek hätte finden können, wenn er die Fragebögen der Frauen nicht in den Papierkorb geworfen hätte: Die Verläufe der Frauen waren nicht chaotisch. Sie waren schneller. Frauen trinken anders. Sie werden anders alkoholabhängig als Männer.

Das Phänomen heißt seitdem Telescoping – ein Begriff, der beschreibt, wie bei Frauen die Abhängigkeitsentwicklung zusammengeschoben wird wie ein Teleskop. Frauen fangen im Durchschnitt später an, regelmäßig zu trinken als Männer – laut der Piazza-Studie mit etwa 27 Jahren gegenüber 23 bei Männern. Aber dann geht es schneller. Zwischen dem ersten regelmäßigen Trinken und den ersten ernsthaften Problemen vergehen bei Frauen im Schnitt weniger als ein Jahr. Bei Männern sind es über zwei Jahre. Vom Kontrollverlust bis zur schwersten Trinkphase: fünfeinhalb Jahre bei Frauen, fast acht bei Männern.

Biologie statt Chaos: Warum Frauen Alkohol anders verstoffwechseln

Das ist weder weibliches Chaos noch Unordnung. Das ist ein eigenständiger biologischer Befund. Frauen metabolisieren Alkohol anders. Sie haben einen geringeren Anteil an Körperwasser, weniger Alkoholdehydrogenase im Magen, und ihr Gehirn reagiert empfindlicher auf die neurotoxischen Wirkungen von Alkohol. All das führt dazu, dass der Weg in die Abhängigkeit bei Frauen steiler abfällt – und dass die gesundheitlichen Folgen trotz späteren Trinkstarts früher eintreten und härter zuschlagen.

Was Jellinek also als „erratisch” beiseite wischte, war eine dringend behandlungsbedürftige Realität. Eine individuelle Therapie-Erfordernis für die Hälfte der Menschheit. Aber weil es nicht in sein Schema passte, existierte es für die Forschung schlicht nicht. Viele Jahrzehnte lang.

Aber klar: Die Emanzipation ist schuld

Während die Forschung Frauen ignorierte, hatte die Gesellschaft eine eigene Erklärung parat – und die war mindestens so abenteuerlich wie Jellineks Methodik.

Ab den 1950er-Jahren registrierten Psychiater, Pädagogen und Psychologen in Deutschland einen steigenden Alkoholkonsum bei Frauen. Die Diagnose: Emanzipation. Frauen tranken nicht, weil Alkohol süchtig macht. Nicht, weil sie möglicherweise unter denselben oder vergleichbaren Belastungen litten wie Männer. Sondern weil sie sich anmaßten, gleichberechtigt sein zu wollen. Die Historikerin Viola Balz hat diesen Diskurs in einer Studie aufgearbeitet, deren ironischer Titel alles sagt: „Die beste Alkoholprävention ist die Antiemanzipation.”

Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen. Die offizielle Position war im Kern: Wenn Frauen aufhören würden, Rechte einzufordern, würden sie auch aufhören zu trinken. Nicht die Substanz war das Problem. Nicht die unterschiedliche Biologie der Geschlechter. Nicht die fehlende Forschung. Nicht die fehlenden Behandlungsangebote. Sondern die Tatsache, dass Frauen sich erdreisteten, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen.

Das war kein Randphänomen. Der psychiatrische, pädagogische und psychologische Diskurs trug das über Jahrzehnte mit. Weiblicher Alkoholkonsum wurde als „unweiblich” markiert, als Abweichung von einer gesellschaftlichen Norm, die der trinkenden Frau eine doppelte Schuld zuwies: schuldig, weil abhängig – und schuldig, weil Frau.


Erschöpfte junge Frau liegt tagsüber auf dem Sofa, Buchcover „Tryptophan und 5-HTP" von Dr. med. Bernd Guzek, Headline: „Erschöpfung, die nicht weggeht?", Auffanger: „Oft fehlt nur ein natürlicher Stoff"

Was das bis heute kostet

Die Folgen dieser doppelten Blindheit – wissenschaftlich und gesellschaftlich – sind messbar. Heute, im Jahr 2026, erfüllen allein in den USA über fünf Millionen erwachsene Frauen die Kriterien einer Alkoholkonsumstörung. Der Geschlechterabstand beim Alkoholkonsum hat sich in den letzten Jahrzehnten dramatisch verringert – bei Jugendlichen liegt er praktisch bei null. Aber die Behandlungsstrukturen hinken hinterher.

Nur knapp acht Prozent der betroffenen Frauen erhalten irgendeine Behandlung. Bei den Behandlungsangeboten, die existieren, zeigt die Forschung: Frauen haben die besten Ergebnisse in Programmen, die speziell auf ihre Bedürfnisse zugeschnitten sind – mit Berücksichtigung von Trauma-Erfahrungen, Kinderbetreuung, Scham und den biologischen Besonderheiten, die Jellinek für weibliche Unordnung hielt.

Solche Programme sind bis heute die Ausnahme. Die meisten Therapiekonzepte wurden für Männer entwickelt – weil die Forschung, die ihnen zugrunde liegt, an Männern durchgeführt wurde. Weil Jellinek die Fragebögen der Frauen in den Papierkorb warf und danach niemand mehr wissen wollte, was drin stand.

Ein direktes Wort an die Frauen: Warum das für Dich wichtig ist

Wenn Du als Frau das Gefühl hast, dass Dein Weg mit dem Alkohol anders aussieht als das, was Du in Ratgebern liest oder in Selbsthilfegruppen hörst – dann hast Du recht. Er sieht tatsächlich anders aus. Nicht erratisch, nicht unordentlich, nicht falsch. Anders. Diese Unterschiede sind wissenschaftlich belegt, seit jemand endlich hingeschaut hat, auch wenn es noch nicht überall angekommen ist.

Das Suchtgedächtnis funktioniert bei Dir genauso gnadenlos wie bei Männern. Das Craving auch. Aber die Wege hinein und die Wege hinaus sind nicht identisch – und ein Behandlungsmodell, das auf 98 Fragebögen von Männern aus den 1940er-Jahren basiert, wird Dir nicht gerecht. Es wurde nie für Dich gemacht. Es hat Dich von Anfang an ausgeschlossen.

Das ist kein Grund, weniger Hoffnung zu haben. Im Gegenteil: Die NESARC-Studie – die erste große Untersuchung, die Frauen gleichberechtigt einschloss – zeigt, dass die Mehrheit der Betroffenen den Weg aus der Abhängigkeit findet. Aber sie zeigt auch, dass der Weg leichter wird, wenn man aufhört, ihn nach einer Karte zu laufen, die nur für die andere Hälfte der Menschheit gezeichnet wurde.

Dies ist Teil 2 einer dreiteiligen Serie über Jellinek. Teil 1. “Jellinek-Modell: Eine Jahrhundert-Theorie mit abenteuerlicher Datengrundlage zerfälltfindest Du mit diesem Link. Ein weiterer Text zum Thema “Wer war Jellinek?” erscheint kommende Woche.

Video: Jellinek und die Frauen

Jellineks Suchtmodell – nur für Männer gemacht

Video-Transkript: Warum Jellineks Ausschluss der Frauen bis heute nachwirkt

Jahrzehntelang sind Frauen mit Alkoholproblemen falsch behandelt worden. Warum? Weil ein Forscher beschlossen hatte, sie in seine Studien überhaupt nicht mit aufzunehmen. Ganz schöner Klopper, und noch schlimmer ist es, dass das nämlich Jellinek war.

Der große Jellinek, die Ikone der Alkoholismusforschung, hat 1946, meine ich, war das, eine Studie gemacht, die unterstützt wurde von den Anonymen Alkoholikern, hat Fragebögen verschickt und ja, es kamen Fragebögen zurück und die, die von Frauen waren, hat er gleich in den Mülleimer geschmissen. Tatsächlich in den Mülleimer. Das hat er auch so erklärt.

Begründet hat er das Ganze damit, dass die Antworten zu erratisch seien. Erratisch heißt, das hat ihm nicht ins Schema gepasst. Offensichtlich hatte der schon eine ganz klare Vorstellung davon, was er herausfinden wollte, und die Frauen, die passten da nicht rein.

Also hat er sie in den Mülleimer geworfen. Toll. Könnte man natürlich sagen, das ist ja schon lange her und macht ja nichts.

Doch, macht ganz viel, macht super viel, weil Frauen daraufhin, wie gesagt, jahrzehntelang falsch behandelt wurden. Viel, viel, viel, viel später kam man dann also drauf, dass Frauen zum Beispiel den sogenannten Teleskopeffekt haben. Was bedeutet das? Teleskop, so wie ein Teleskop eben zusammengeschoben, alles wesentlich komprimiert und verkürzt.

Das heißt, Frauen fangen erstens später an zu trinken als Männer. Zweitens werden sie schneller abhängig, körperlich und psychisch. Und auch die körperlichen Folgen, die sie haben, treten vor allem schneller ein. Das Ganze hat natürlich eine Riesenauswirkung auf die Therapie und natürlich auch auf die Prävention. Das muss man sich einfach nochmal reinziehen.

Der Jellinek beschließt einfach, die halbe Menschheit außen vor zu lassen, und die halbe Menschheit wird daraufhin falsch behandelt. Wenn das heute ein Forscher täte, einfach die Frauen außen vor zu lassen, man würde ihn in der Luft zerreißen, und das auch zu Recht. Da muss man ja nicht mal Feministin dafür sein, um das so richtig, richtig doof zu finden.

Ich hoffe, Ihr fandet das genauso spannend wie ich. Ich habe mich tierisch drüber aufgeregt und wollte Euch das deshalb mal mitteilen. Wir sehen uns bald wieder.

Häufig gestellte Fragen zu Jellinek und dem Alkoholismus von Frauen (FAQ)

Warum hat Jellinek Frauen aus seiner Alkoholismus-Studie ausgeschlossen?

Jellinek befand 1946, die Verläufe der Frauen seien „erratischer” als die der Männer – sie passten nicht in sein Phasenmodell. Statt sein Modell zu hinterfragen, verwarf er die Daten. 1952 wiederholte er den Ausschluss ausdrücklich. Weder er noch seine Nachfolger unternahmen über Jahrzehnte den Versuch, das Modell auf Frauen zu erweitern.

Was ist Telescoping bei Alkoholabhängigkeit?

Telescoping beschreibt das Phänomen, dass Frauen die Stationen der Abhängigkeitsentwicklung schneller durchlaufen als Männer. Sie beginnen später mit dem regelmäßigen Trinken, aber der Weg vom ersten Konsum zum Kontrollverlust und zur Behandlungsbedürftigkeit ist deutlich kürzer. Der Begriff wurde 1989 von Piazza und Kollegen eingeführt – 43 Jahre nachdem Jellinek genau dieses Muster als „erratisch” verworfen hatte.

Warum verläuft Alkoholabhängigkeit bei Frauen anders als bei Männern?

Frauen metabolisieren Alkohol anders als Männer: Sie haben einen geringeren Anteil an Körperwasser, weniger Alkoholdehydrogenase im Magen und ihr Gehirn reagiert empfindlicher auf die neurotoxischen Wirkungen. Der Weg in die Abhängigkeit ist dadurch steiler, und die gesundheitlichen Folgen treten früher ein und fallen schwerer aus.

Stimmt es, dass Frauenemanzipation als Ursache für steigenden Alkoholkonsum bei Frauen gesehen wurde?

Ja. Ab den 1950er-Jahren erklärten Psychiater, Pädagogen und Psychologen in der Bundesrepublik steigenden Frauenalkoholismus mit der Emanzipation. Die Historikerin Viola Balz hat diesen Diskurs aufgearbeitet. Weiblicher Alkoholkonsum wurde als „unweiblich” markiert, als Abweichung von einer gesellschaftlichen Norm – nicht als medizinisches Problem mit eigenständiger Biologie.

Gibt es heute geschlechtsspezifische Behandlungsangebote für Frauen mit Alkoholproblemen?

Zu wenige. Die meisten Therapiekonzepte basieren auf Forschung, die an Männern durchgeführt wurde. Studien zeigen, dass Frauen die besten Behandlungsergebnisse in Programmen erzielen, die speziell auf ihre Bedürfnisse zugeschnitten sind – etwa mit Berücksichtigung von Trauma-Erfahrungen, Scham und den biologischen Besonderheiten der weiblichen Abhängigkeitsentwicklung.

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Literatur und Quellen

Jellinek, E. M. (1946): „Phases in the Drinking History of Alcoholics: Analysis of a Survey Conducted by the Official Organ of Alcoholics Anonymous.” Quarterly Journal of Studies on Alcohol, 7, 1–88.

Piazza, N. J., Vrbka, J. L. & Yeager, R. D. (1989): „Telescoping of Alcoholism in Women Alcoholics.” International Journal of the Addictions, 24(1), 19–28.

Randall, C. L. et al. (1999): „Telescoping of landmark events associated with drinking: a gender comparison.” Journal of Studies on Alcohol, 60(2), 252–260.

Marks, K. R. & Clark, C. D. (2018): „The Telescoping Phenomenon: Origins in Gender Bias and Implications for Contemporary Scientific Inquiry.” Substance Use & Misuse, 53(6), 901–909.

Balz, V. (2024): „Die beste Alkoholprävention ist die Antiemanzipation. Die Debatte um geschlechtsspezifischen Alkoholkonsum und die zunehmende Abhängigkeit der Frau, 1950–1990.” NTM – Zeitschrift für Geschichte der Wissenschaften, Technik und Medizin.

Greenfield, S. F. et al. (2007/2020): „Treatment Interventions for Women With Alcohol Use Disorder.” Alcohol Research: Current Reviews, 40(2), 08.

Venner, K. L. et al. (2006): „Natural History of Alcohol Dependence and Remission Events for a Native American Sample.” Alcoholism: Clinical and Experimental Research, 30(8), 1352–1360.

Redaktionelle Texte werden überprüft von Dr. med. Bernd Guzek. Die Inhalte auf dieser Website ersetzen keine ärztliche Beratung.

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