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Erschöpfte Person nach Alkoholentzug, Kopf in den Händen – Symbolbild unhappy dry“

Endlich trocken – aber unglücklich

Unhappy dry, dry drunk, trockener Trinker, unglücklich trocken: Viele sind nach dem Alkoholentzug erschöpft, gereizt und depressiv – trotz Abstinenz. In diesem Beitrag zeigen wir, warum das biochemisch erklärbar ist und wie Nährstoffe helfen können, zufrieden abstinent zu leben..

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Von Dr. med. Bernd Guzek

Viele Menschen, die den Alkohol hinter sich gelassen haben, spüren nach der Entgiftung eine tiefe körperliche Erschöpfung und innere Unruhe. Sie sind endlich trocken – doch nicht glücklich. Statt Erleichterung und Stolz erleben sie Reizbarkeit, Antriebslosigkeit, Schlafstörungen und depressive Phasen. In Selbsthilfegruppen und Online-Foren tauchen seit vielen Jahren zwei Begriffe auf: „unhappy dry“ und „dry drunk“. Gemeint ist der Zustand, abstinent zu leben, aber biochemisch noch in alten Mustern festzuhängen.

Das erhöht das Rückfallrisiko. Wer sich ständig so fühlt, denkt unweigerlich: Vielleicht ginge es mit Alkohol wieder leichter – „nur dieses eine Mal“. Umso bemerkenswerter ist die Leistung derjenigen, die trotz dieser Widrigkeiten trocken bleiben.

Wir schauen hier einmal nach, was medizinisch dahinter steckt und was man dagegen tun kann.

Was bedeutet „unhappy dry“?

Der Ausdruck stammt aus den frühen Tagen der Anonymen Alkoholiker. Ihr Gründer Bill W. beschrieb in Briefen Phasen, in denen er „trocken, aber unruhig, gereizt und unzufrieden“ war. Heute würden wir sagen: Sein Gehirn hat sich noch nicht vollständig von den biochemischen Folgen des Alkohols erholt. Die Stabilität, die viele erst nach Jahren erreichen, spiegelt diesen langsamen Heilungsprozess wider.

Alkohol verändert dauerhaft die Kommunikation zwischen den wichtigsten Botenstoffen im Gehirn – und die braucht Zeit, um sich neu einzupendeln. Bei nicht wenigen dauert das sehr lange.

Warum das Glück oft auf sich warten lässt

Während der Entgiftung normalisieren sich viele Körperfunktionen rasch, doch im Gehirn bleibt ein Ungleichgewicht bestehen. Das sogenannte Belohnungssystem, das Dopamin, Serotonin, GABA und Glutamat steuert, reagiert auf die Abstinenz erst einmal mit einem heftigen Tief. Rezeptoren sind überreizt oder erschöpft, die Synthese der Botenstoffe stockt, Nährstoffspeicher sind leer.

Besonders kritisch sind B-Vitamine, Vitamin C, Magnesium, Zink und essentielle Aminosäuren. Ohne sie kann das Gehirn seine Nervenbotenstoffe nur unzureichend bilden. Das kann die Signalübertragung zwischen Neuronen stören, was zu Problemen wie Konzentrationsschwäche, Stimmungsstörungen oder sogar neurologischen Erkrankungen führen kann.

Kein Wunder also, dass viele Abstinente über innere Leere, Nervosität und depressive Verstimmung klagen – ihr Stoffwechsel arbeitet noch im Mangelmodus, aber ohne den Flicken, den Alkohol scheinbar geboten, dabei aber die Malaise immer weiter verschlimmert hat.

Ein kurzer Blick zurück: Bill W. und Niacin

Bill W., der Mitbegründer der Anonymen Alkoholiker, war einer der ersten, der dieses Phänomen an sich selbst erkannte. Jahre nach seiner Entgiftung begann er, unter Anleitung des kanadischen Arztes Abram Hoffer hochdosiertes Niacin – eine Form von Vitamin B3 – einzunehmen. Hoffer sah darin einen Schlüssel, um die chemische Dysbalance im Gehirn zu korrigieren.

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Tatsächlich verschwanden Bills depressive Episoden, seine Energie kehrte zurück, und er sprach von einem „zweiten Erwachen“. Der Ansatz war damals revolutionär und wird heute durch moderne Erkenntnisse bestätigt: Nährstoffmedizin kann den Genesungsprozess nach Alkoholabhängigkeit entscheidend unterstützen. Du findest einen ausführlichen Blogbeitrag zu Bill W. und seinen Nährstoffen hier.

Das biochemische Gleichgewicht wiederherstellen

Chronischer Alkoholkonsum verändert den gesamten Stoffwechsel. Vitamine, Spurenelemente und Aminosäuren werden nicht nur schlechter aufgenommen, sondern auch schneller verbraucht. Wer lange getrunken hat, braucht oft Monate oder Jahre, bis die Speicher wieder gefüllt sind und die Systeme wieder funktionieren.

Die folgenden Abschnitte zeigen, welche Substanzen besonders wichtig sind und warum sie den Zustand „unhappy dry“ beeinflussen.

Benfotiamin (Vitamin B1)

Symptome bei Mangel

Chronische Müdigkeit, Reizbarkeit, Konzentrationsprobleme, Muskelschwäche, Kribbeln oder Brennen in Händen und Füßen. In schweren Fällen treten Gangunsicherheit und Gedächtnisprobleme auf – frühe Anzeichen einer alkoholbedingten Nervenschädigung

Was ist das und was macht es im Körper?

Benfotiamin ist eine fettlösliche Form von Vitamin B1 (Thiamin), die leichter im Darm aufgenommen wird. Thiamin ist entscheidend für den Energiestoffwechsel, weil es den Abbau von Glukose in den Mitochondrien ermöglicht, den Kraftwerken der Körperzellen. Ohne Thiamin kann das Gehirn keine Energie aus Zucker gewinnen – die Nervenzellen verhungern regelrecht, obwohl Zucker im Blut vorhanden ist

Warum gerät der Alkoholiker ins Minus?

Alkohol hemmt die Aufnahme von Thiamin im Darm, zerstört es in der Leber und blockiert seine Aktivierung. So entsteht selbst bei scheinbar ausreichender Ernährung ein funktioneller B1-Mangel. Benfotiamin kann diese Lücke schneller schließen, weil es auch bei geschädigter Darmschleimhaut aufgenommen wird. Es reduziert oxidativen Stress, verbessert die Leitfähigkeit der Nerven und kann langfristige Schäden – etwa Polyneuropathien – abschwächen. Viele ehemals Abhängige berichten nach einigen Wochen über mehr Energie, klareres Denken und weniger Reizbarkeit.

Niacin (Vitamin B3)

Symptome bei Mangel

Müdigkeit, depressive Verstimmung, Schlafstörungen, Gereiztheit, Hautrötungen und in schweren Fällen Gedächtnislücken. Bei ausgeprägtem Defizit kann es zur Pellagra kommen – mit Dermatitis, Durchfällen und Demenz.

Was ist das und was macht es im Körper?

Niacin ist die Vorstufe von NAD und NADP, zwei Molekülen, die in jeder Körperzelle an Hunderten von Stoffwechselreaktionen beteiligt sind. Sie ermöglichen die Energieproduktion in den Mitochondrien und regulieren Reparaturprozesse der DNA. Niacin ist außerdem notwendig, damit Serotonin, Dopamin und GABA in ausreichender Menge gebildet werden können – die chemischen Grundlagen für Ruhe, Motivation und Zufriedenheit.

Warum gerät der Alkoholiker ins Minus?

Bei regelmäßigem Alkoholkonsum wird Niacin stark verbraucht, weil der Körper das Enzym Alkoholdehydrogenase nur mit NAD betreiben kann. Der Alkoholabbau raubt also die NAD-Reserven, die eigentlich für Gehirn und Energiestoffwechsel gedacht sind. Wenn dieser Vorrat erschöpft ist, entstehen depressive Symptome und eine anhaltende Müdigkeit. Abram Hoffer zeigte, dass hochdosiertes Niacin die Stimmung stabilisieren kann – sein berühmtester Patient war Bill W. selbst. Moderne Studien bestätigen, dass eine gute Niacin-Versorgung die Bildung von Neurotransmittern normalisiert und oxidativen Stress im Gehirn mindert.

Magnesium

Symptome bei Mangel

Muskelzucken, Schlafstörungen, innere Unruhe, erhöhte Stressanfälligkeit, Herzrasen oder Krämpfe. Viele Betroffene klagen über ein „Vibrieren“ im Körper, nervöse Erschöpfung und nächtliches Aufwachen.

Was ist das und was macht es im Körper?

Magnesium steuert mehr als 300 Enzyme, stabilisiert Zellmembranen, senkt die Erregbarkeit der Nerven und ist Gegenspieler von Kalzium. Im Gehirn wirkt es wie ein natürlicher Beruhiger, weil es GABA-Rezeptoren unterstützt und überaktive NMDA-Rezeptoren blockiert – die Schaltstellen zwischen Anspannung und Entspannung.

Warum gerät der Alkoholiker ins Minus?

Alkohol steigert die Ausscheidung über die Nieren und erschwert gleichzeitig die Aufnahme im Darm. Schon nach wenigen Wochen starken Konsums sinkt der Spiegel deutlich. Der Mangel führt zu Reizbarkeit, Schlafstörungen und Angstgefühlen – typische Beschwerden in der frühen Abstinenzphase. Magnesium gilt daher als Basistherapie in der Entgiftung: Es stabilisiert das Nervensystem, senkt Stresshormone und fördert ruhigen Schlaf.

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SAMe, Folat und Vitamin B12

Symptome bei Mangel

Erschöpfung, depressive Verstimmung, Reizbarkeit, nachlassender Antrieb, Konzentrationsprobleme und erhöhte Homocysteinwerte.

Was ist das und was macht es im Körper?

Diese drei Stoffe bilden das Herzstück des Methylstoffwechsels. Sie steuern die Bildung von Neurotransmittern wie Serotonin, Dopamin und Noradrenalin. SAMe (S-Adenosyl-Methionin) wirkt außerdem als natürlicher Stimmungsaufheller und Leberregenerationsfaktor. Ohne ausreichend Folat und B12 kann SAMe jedoch nicht gebildet werden – die Folge sind Antriebsschwäche und emotionale Instabilität.

Warum gerät der Alkoholiker ins Minus?

Alkohol blockiert die Aufnahme von Folat und B12 im Dünndarm und fördert gleichzeitig ihren Abbau in der Leber. Der Methylstoffwechsel bricht ein, Homocystein steigt, und das Gehirn verliert seinen biochemischen Gleichklang. Klinische Studien zeigen, dass die Kombination aus SAMe, Folat und aktivem B12 depressive Symptome deutlich lindern kann – auch bei Menschen ohne klassische Depression, aber mit Alkoholfolge-Erschöpfung.

Zink

Symptome bei Mangel

Schlechte Wundheilung, brüchige Nägel, Haarausfall, Infektanfälligkeit und Geschmacksstörungen. Viele Betroffene fühlen sich antriebslos und berichten über eine blasse, matte Haut.

Was ist das und was macht es im Körper?

Zink ist ein essentielles Spurenelement, das an über 200 Enzymen beteiligt ist. Im Gehirn reguliert es die Aktivität des NMDA-Rezeptors, beeinflusst die GABA-Funktion und wirkt antioxidativ. Es ist außerdem nötig, um Testosteron und Insulin korrekt zu bilden – zwei Hormone, die beim Alkoholiker meist im Ungleichgewicht sind.

Warum gerät der Alkoholiker ins Minus?

Zink wird beim Alkoholabbau massiv verbraucht. Die Leber benötigt es, um schädliche Abbaustoffe des Alkohols zu entgiften. Zudem verschlechtert Alkohol die Aufnahme aus der Nahrung. Der chronische Mangel wirkt sich auf Stimmung, Immunsystem und Stoffwechsel aus. Besonders Männer berichten über Leistungsabfall, Reizbarkeit und sexuelle Funktionsstörungen – alles klassische Folgen eines Zinkdefizits, das sich durch gezielte Substitution meist schnell bessert.

Aminosäuren (Glutamin, Taurin, Tryptophan, Tyrosin)

Symptome bei Mangel

Antriebslosigkeit, Gereiztheit, Konzentrationsprobleme, schwankende Stimmung und Craving. Viele fühlen sich „ausgelaugt“, obwohl sie genug essen.

Was ist das und was macht es im Körper?

Aminosäuren sind die Bausteine aller Neurotransmitter. Glutamin liefert Energie für die Nervenzellen und ist Vorstufe von GABA, dem wichtigsten Beruhigungsbotenstoff. Taurin moduliert GABA-Rezeptoren und dämpft übermäßige Erregung. Tryptophan wird zu Serotonin, Tyrosin zu Dopamin umgebaut – beide steuern Motivation und Zufriedenheit.

Warum gerät der Alkoholiker ins Minus?

Alkohol stört die Eiweißverdauung und hemmt den Transport vieler Aminosäuren ins Gehirn. Nach Jahren des Konsums sind die Speicher leer, und die Synthese wichtiger Botenstoffe bricht ein. Eine gezielte Zufuhr – vor allem Glutamin, Taurin und Tryptophan – kann das Gleichgewicht zwischen Anspannung und Entspannung wiederherstellen. Viele berichten über mehr Gelassenheit und bessere Konzentration schon nach wenigen Wochen.

N-Acetylcystein (NAC)

Symptome bei Mangel

Erhöhte Reizbarkeit, Craving, Konzentrationsstörungen und chronische Müdigkeit.

Was ist das und was macht es im Körper?

NAC ist eine Aminosäure-Verbindung, die als Vorstufe von Glutathion dient – dem wichtigsten Antioxidans des Körpers. Es reguliert den Glutamat-Spiegel im Gehirn und schützt Nervenzellen vor oxidativem Stress. Besonders interessant ist seine Wirkung auf das Craving: NAC stabilisiert den Austausch von Glutamat und Cystin, der bei Suchterkrankungen gestört ist.

Warum gerät der Alkoholiker ins Minus?

Durch ständige Entgiftungsarbeit in Leber und Gehirn werden die Glutathion-Reserven erschöpft. Der Organismus verliert die Fähigkeit, freie Radikale abzufangen. NAC füllt diese Speicher wieder auf, verringert Entzündungsreaktionen und senkt nachweislich das Verlangen nach Alkohol und anderen Substanzen. Studien zeigen Verbesserungen bei Stimmung, Schlaf und Impulskontrolle. Zum NAC gibt es hier einen ausführlichen Blogbeitrag.

Omega-3-Fettsäuren

Symptome bei Mangel

Trockene Haut, Müdigkeit, Stimmungsschwankungen, Reizbarkeit und Konzentrationsprobleme.

Was ist das und was macht es im Körper?

Omega-3-Fettsäuren – vor allem EPA und DHA – sind Bestandteile der Zellmembranen und steuern Entzündungsprozesse. Im Gehirn erhöhen sie die Fluidität der Nervenzellmembranen und verbessern die Signalübertragung. Sie wirken antidepressiv und fördern die Bildung neuer Synapsen.

Warum gerät der Alkoholiker ins Minus?

Alkohol schädigt die Leber und damit die Fettsäuresynthese. Außerdem fördert er entzündliche Prozesse, die Omega-3-Reserven aufzehren. Studien zeigen, dass Omega-3-Supplemente bei trockenen Alkoholikern Reizbarkeit und Angst deutlich mindern können. Gleichzeitig verbessern sie Herzfunktion und Konzentration – beides häufige Schwachpunkte nach langjährigem Konsum.

Vitamin C

Symptome bei Mangel

Müdigkeit, Infektanfälligkeit, Zahnfleischbluten, schlechte Wundheilung und depressive Verstimmung. In schweren Fällen kommt es zu Skorbut – ein Phänomen, das auch heute bei Alkoholikern wieder beschrieben wird.

Was ist das und was macht es im Körper?

Vitamin C ist ein starkes Antioxidans. Es schützt Nervenzellen vor freien Radikalen, regeneriert Vitamin E und unterstützt die Bildung von Noradrenalin und Dopamin. Darüber hinaus ist es entscheidend für die Kollagenbildung und die Gefäßgesundheit.

Warum gerät der Alkoholiker ins Minus?

Alkohol erhöht den oxidativen Stress massiv, während Vitamin C verbraucht wird, um die entstehenden freien Radikale zu neutralisieren. Gleichzeitig ist die Aufnahme im Darm gestört. Ein chronischer Mangel schwächt das Immunsystem, fördert Entzündungen und verzögert die Regeneration. Klinische Beobachtungen zeigen, dass die Gabe von Vitamin C während der Entgiftung Müdigkeit und depressive Stimmung deutlich bessern kann.

Im Alkohol adé-Forum finden sich immer wieder Berichte von Mitgliedern, die im Entzug hochdosiert Vitamin C substituierten und auf einmal langwierige Zahnfleischentzündungen loswurden.

Vitamin D3

Symptome bei Mangel

Müdigkeit, Antriebslosigkeit, Muskelschwäche, depressive Verstimmung und Infektneigung.

Was ist das und was macht es im Körper?

Vitamin D3 ist kein klassisches Vitamin, sondern ein Hormon, das nahezu jede Körperzelle beeinflusst. Es steuert die Expression von über tausend Genen, unter anderem solche, die für Dopamin- und Serotoninbildung verantwortlich sind. Ein guter D-Spiegel ist Voraussetzung für Energie, Konzentration und stabile Stimmung.

Warum gerät der Alkoholiker ins Minus?

Alkoholiker halten sich oft zu wenig im Freien auf, und die geschädigte Leber wandelt Vitamin D3 schlechter in seine aktive Form um. So entsteht ein stiller, aber folgenreicher Mangel, der Müdigkeit und depressive Symptome verstärkt. Studien zeigen, dass eine regelmäßige Supplementation die Stimmung verbessert und das Rückfallrisiko senken kann.

Einfach Vitamine reinkippen – und alles wird gut?

Ganz so einfach ist es nicht. Wer wirklich wissen will, wo Mängel liegen, müsste im Prinzip messen: Blutspiegel, Vollblutmineralien, eventuell auch funktionelle Parameter wie Homocystein oder Methylmalonsäure. Doch das ist leichter gesagt als getan. Nur wenige Ärzte kennen sich mit Mikronährstoffen so gut aus, dass sie die Werte auch interpretieren können. Die meisten Labore bieten zwar entsprechende Analysen an, aber kaum jemand weiß, was die Ergebnisse für das Gehirn eines ehemaligen Alkoholikers bedeuten.

Hinzu kommt, dass Betroffene dann nicht selten mit “ernähren Sie sich einfach ausgewogen und gesund” abgespeist wird. Das hilft aber in einer suchtinduzierten Mangelsituation nicht weiter, auch wenn es für Gesunde ein guter Tipp ist.

Das heißt nicht, dass man untätig bleiben muss. Die Nährstoffspeicher eines Langzeittrinkers sind in aller Regel leer, und die meisten Defizite lassen sich gefahrlos ausgleichen. Wer unsicher ist, kann mit einem achtwöchigen Selbstversuch beginnen. Wichtig ist, aufmerksam zu beobachten, wie sich Stimmung, Energie und Schlaf verändern, und gegebenenfalls nach dieser Phase gezielt weiterzumachen.

Eine Ausnahme bildet Vitamin D: Hier kann eine unkontrollierte Hochdosierung schaden, weil sie den Kalziumspiegel gefährlich ansteigen lässt. Heißt aber nicht, dass man untätig bleiben müsste, Details in unserem Buch „Alkohol adé“. Bei allen anderen Mikronährstoffen ist das Risiko gering – und der mögliche Nutzen hoch. Der Körper zeigt meist deutlich, wenn er bekommt, was ihm gefehlt hat: die Erschöpfung lässt nach, der Schlaf wird ruhiger, und die Stimmung stabilisiert sich.

Glücklich trocken – wenn das Gehirn wieder ins Gleichgewicht kommt

„Unhappy dry“ ist kein Schicksal. Der Zustand signalisiert, dass der Körper zwar entgiftet, das Gehirn aber noch auf Erholung wartet. Mit Geduld, Bewegung, ausreichend Schlaf und gezielter Nährstoffunterstützung kann dieser Prozess beschleunigt werden.

Das Glücksgefühl, das viele erst spät erleben, ist biochemisch erklärbar – und erreichbar. Bill W. nannte es einst sein „zweites Erwachen“. Heute wissen wir: Dahinter steckt kein Wunder, sondern die Wiederherstellung des Gleichgewichts, das Alkohol jahrelang zerstört hatte.

Ausgewählte Studien

Grundlagen zur Neurobiologie der Abstinenz

Koob & Volkow (2016) – Neurobiology of addiction: a neurocircuitry analysis

Dieses Übersichts-Paper beschreibt Sucht als Umbau zentraler Hirnkreise: Das Belohnungssystem (Dopamin) wird herunterreguliert, Stress- und Anti-Belohnungssysteme werden hochgefahren. Dadurch sinkt die Empfindlichkeit für natürliche Freude, während negativer Affekt und Anspannung steigen.

In der Abstinenz bleibt diese Dysbalance lange bestehen. Das erklärt, warum Menschen sich „trocken und doch unruhig“ fühlen und warum Rückfallreize überproportional ziehen.

Therapeutisch wichtig: nicht nur Verhalten ändern, sondern die neurobiologische Erholung unterstützen — Schlaf, Entzündung, Nährstoffe, Stressreduktion und Exekutivfunktionen.

Link: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/27475769/

Heilig et al. (2019) – Translating the neuroscience of alcoholism into clinical treatments

Die Autorengruppe verbindet Tier- und Humanbefunde mit praktischen Therapieansätzen. Kernidee: Protrahierte Abstinenz ist ein biologischer Re-Kalibrierungsprozess, kein „reines Willensthema“.

Sie diskutieren Zielstrukturen (z. B. Glutamat, GABA, Stressachsen) und leiten ab, warum einzelne Pharmaka/Nährstoffe bei bestimmten Symptomclustern sinnvoll sind.

Für die Praxis: multimodales Vorgehen. Psychoedukation plus biologische Stütze erhöht die Chance, „zufrieden trocken“ zu werden.

Link: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/31282973/

Sullivan & Pfefferbaum (2009) – Neuroimaging of the Wernicke–Korsakoff syndrome

Das Paper zeigt eindrücklich, wie Vitamin-B1-Mangel (Thiamin) bei Alkoholkranken strukturelle Hirnveränderungen hinterlässt. Auch subklinische Defizite beeinträchtigen Gedächtnis, Gleichgewicht und Affekt.

Relevanz über das Syndrom hinaus: Es unterstreicht, dass Nährstoffmängel keine Randnotiz sind, sondern funktionell messbare Folgen im Gehirn haben.

Konsequenz: Frühzeitige B1-Substitution und Nerven-/Energieschutz sind Eckpfeiler in der Erholungsphase.

Link: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/19151162/

Luczak et al. (2022) – Vitamin deficiencies in alcohol use disorder: causes, consequences, and treatment

Aktueller Überblick zu Mängeln in AUD: B-Vitamine (B1, B6, B9, B12), Niacin, Vitamin C und D sind besonders oft betroffen. Ursachen sind Aufnahme-, Stoffwechsel- und Mehrverbrauchs-Probleme.

Die Folgen reichen von Müdigkeit und Reizbarkeit bis hin zu kognitiven Defiziten und Immundysfunktion — genau jene Beschwerden, die „unhappy dry“ prägen.

Die Autor:innen empfehlen strukturierte Substitution und betonen, dass Messung ideal, aber nicht immer voraussetzbar ist.

Link: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/36117668/

Nährstoffe und therapeutische Ansätze

Bâ (2020) – Thiamin/Benfotiamin im Nervensystem (Metabolic & functional roles…)

Benfotiamin (B1-Derivat) ist besser bioverfügbar, passiert Gewebe leichter und schützt Nervenstoffwechsel und Mitochondrien.

Bei alkoholbedingtem oxidativem Stress stabilisiert es Leitfähigkeit und Energiehaushalt; klinisch korreliert das mit weniger Müdigkeit, Reizbarkeit und Neuropathie-Symptomen.

Für die Praxis: Benfotiamin ist ein logischer „Frühstarter“ in der Abstinenz, gerade wenn Darm/Leber angeschlagen sind.

Link: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/31823168/

Horrobin (1979) – Niacin, NAD und das „alcoholic brain“ (orthomolecular)

Historischer, aber zentraler Baustein: Niacin als NAD-Baustein stabilisiert Energie- und Neurotransmitterhaushalt. Das erklärt, warum Hoffer/Bill W. mit hochdosiertem B3 klinisch Verbesserungen sahen.

Moderne Arbeiten stützen die Grundidee: Der Alkoholabbau verbraucht NAD, was Stimmung und Antrieb drückt.

Für Laien übersetzt: Ohne NAD läuft die Hirnchemie zäh — Niacin füllt diesen Tank.

Link: https://ci.nii.ac.jp/naid/10010403159/ (Alternativsuche nach „Horrobin 1979 orthomolecular niacin“)

Alpert et al. (2004) – SAMe als Zusatz bei therapieresistenter Depression

SAMe ist Methylgruppenspender und unterstützt die Bildung von Serotonin/Dopamin. In Studien zeigte es bei Depression Wirkung, auch wenn Antidepressiva zuvor nicht griffen.

Bei Alkoholfolge-Erschöpfung ist das plausibel: Methylierung ist durch Folat/B12-Defizite oft gedrosselt.

Praxis: SAMe wirkt besonders rund, wenn Folat (L-Methylfolat) und aktives B12 mitgedacht werden.

Link: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/15514406/

Miller (2008) – Folat, Methylierung und Neurotransmitter

Erklärt die biochemische Brücke zwischen Folat/B12, Homocystein und Botenstoffen. Wenn Methylierung hängt, leiden Stimmung, Antrieb und Stressverarbeitung.

Alkohol stört Aufnahme und Verwertung, daher ist dieses System in der frühen Abstinenz häufig im Minus.

Konsequenz: Entweder messen (Homocystein, MMA) oder sinnvoll substituieren und Wirkung prüfen.

Link: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/19152478/

Moussawi & Kalivas (2010) – NAC, Glutamat-Homöostase und Sucht

NAC normalisiert den gestörten Cystin-Glutamat-Austausch im Nucleus accumbens. Ergebnis: weniger Craving, stabilere Affektlage.

Die Autoren führen Tier- und Humanbefunde zusammen und zeigen, warum NAC als Adjunkt über verschiedenste Süchte hinweg funktioniert.

Für Betroffene spürbar: weniger innerer Druck, bessere Impulskontrolle.

Link: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/20392280/

Oberlin et al. (2019) – Glutamat-Signalwege in AUD (Rolle des NAC-sensitiven Systems)

Die Arbeit zoomt auf Glutamat als „Navigator“ des Verlangens und erklärt, wie NAC diese Signale abpuffert.

Das passt klinisch zum Gefühl „nervös-getrieben, aber leer“ in der Frühabstinenz und bietet einen biologischen Hebel.

Zusammengefasst: NAC ist kein Wundermittel, aber ein gezielter Schraubenzieher am richtigen System.

Link: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/30914946/

Buydens-Branchey et al. (2008) – Omega-3 in der Erholung: Angst & Ärger↓

In dieser klinischen Studie verbesserten EPA/DHA Angst und Gereiztheit bei abstinenten Alkoholkranken.

Mechanistisch plausibel: Omega-3 dämpft Entzündung, verbessert Membranfluidität und Neurotransmission.

Für den Alltag: Ergänzt Schlaf/Bewegung und kann „Kanten“ aus Stimmung und Stress nehmen.

Link: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/18206226/

Cederbaum (2012) – Alkoholmetabolismus und oxidativer Stress

Grundlagenarbeit zur Leberchemie: Der Abbau von Alkohol generiert reaktive Sauerstoffspezies, die Antioxidantien wie Vitamin C verbrauchen.

Wenn die Puffer leer sind, leiden Gefäße und Nervengewebe. Das erklärt Müdigkeit, Infektneigung und langsamere Regeneration.

Klinischer Schluss: Antioxidativer Nachschub (u. a. Vitamin C) ist kein „Nice to have“, sondern Reparaturhilfe.

Link: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/23101976/

Lindner et al. (2020) – Skorbut bei AUD: Fallserie & Review

Auch heute noch: Schwerer Vitamin-C-Mangel bis hin zu Skorbut bei Alkoholkranken ist real. Symptome sind Müdigkeit, Zahnfleischbluten, schlechte Wundheilung, Infekte.

Die Arbeit sammelt Fälle und verdeutlicht, wie leicht dieser Mangel übersehen wird, wenn man nur „allgemein gesund essen“ empfiehlt.

Botschaft: Vitamin C gehört früh auf die Liste, ideal mess- oder testweise substituiert.

Link: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/31867647/

Zhang et al. (2021) – Vitamin-D-Mangel und Erholung von AUD

Querschnittsdaten zeigen: D-Mangel ist häufig und mit schlechterer Stimmung, Müdigkeit und möglicherweise höherem Rückfallrisiko verknüpft.

Biologisch stimmig, weil D die Expression vieler neuroaktiver Gene steuert.

Praktisch: Vermeide Hochdosis auf Verdacht; moderate Gabe oder Messung und dann gezielt einstellen.

Link: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/33841453/

FAQ


Was bedeutet „unhappy dry“ (dry drunk)?

Gemeint ist: trocken leben, aber körperlich und neurochemisch weiter aus dem Gleichgewicht sein – mit Erschöpfung, innerer Unruhe, Reizbarkeit, Schlafstörungen und depressiven Phasen.

Warum kann das Jahre dauern, bis es besser wird?

Alkohol verschiebt langfristig GABA/Glutamat, Dopamin und Serotonin. Rezeptoren und Nährstoffspeicher brauchen Zeit, um sich zu normalisieren – oft viele Monate, manchmal Jahre.

Welche Nährstoffe helfen besonders häufig?

Benfotiamin (B1), Niacin (B3), Magnesium, SAMe mit Folat und B12, Zink, Aminosäuren (Glutamin, Taurin, Tryptophan), NAC sowie Omega-3, Vitamin C und Vitamin D3.

Messen oder ausprobieren?

Ideal wäre Messen. In der Praxis ist ein achtwöchiger, moderater Selbstversuch oft der Einstieg. Ausnahme: Vitamin D nicht hochdosiert ohne Kontrolle.

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Arzt, Autor, Angehöriger & Mitbegründer von Alkohol adé

Dr. med. Bernd Guzek

Arzt, Autor, Angehöriger & Mitbegründer von Alkohol adé

Beschäftigt sich seit vielen Jahren mit den biochemischen Grundlagen von Sucht und Hirnstoffwechselstörungen sowie deren Beeinflussung durch Nährstoffe.


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