Neun Tage Sober October – und trotzdem keine Ruhe? GABA und Glutamat, zwei zentrale Botenstoffe in Deinem Gehirn, ringen gerade um ein neues Gleichgewicht. Was sich dahinter verbirgt und warum diese Phase ein gutes Zeichen ist, erfährst Du hier.
Warum sich Nüchternheit nicht sofort wie Entspannung anfühlt
Vielleicht kennst Du es: Der Schlaf wird besser, der Kopf klarer, der Körper fühlt sich stabiler an – und trotzdem bleibt eine innere Unruhe. Gedanken springen schneller an als gewohnt. Reize wirken intensiver. Entspannung kommt nicht von selbst.
Das ist kein Widerspruch und erst recht kein Rückschritt. Es ist eine direkte Folge dessen, wie Alkohol das Nervensystem verändert hat – und wie Dein Gehirn jetzt lernt, sich wieder selbst zu steuern.
Zwei Gegenspieler: GABA und Glutamat im Gleichgewicht
Im Zentrum steht das Zusammenspiel zweier Botenstoffe: GABA und Glutamat. Beide gehören zu den wichtigsten Neurotransmittern im Gehirn – und sie wirken gegenläufig.
GABA bremst. Es dämpft Nervenzellen, reduziert die Reizweiterleitung und sorgt dafür, dass das Gehirn nicht permanent auf Hochtouren läuft. Glutamat hingegen beschleunigt. Es treibt Aufmerksamkeit, Stressreaktionen und Wachheit an. Beide werden gebraucht – entscheidend ist, dass sie im Verhältnis bleiben.
Stell Dir das vor wie ein Mischpult: GABA regelt die Lautstärke nach unten, Glutamat dreht sie auf. Solange die Regler aufeinander abgestimmt sind, funktioniert das System sauber. Die Musik klingt klar, nicht übersteuert.

Unser GABA-System und die Süchte
Alkohol, Heroin, Kokain, Cannabis — so unterschiedlich diese Substanzen wirken, greifen sie alle am selben System im Gehirn an: dem GABA-System. Warum genau dieses Gleichgewicht bei jeder Sucht leidet und was das für den Ausstieg bedeutet.
Wie Alkohol die Regler verstellt
Alkohol greift tief in dieses Gleichgewicht ein. Er verstärkt die Wirkung von GABA künstlich und hemmt gleichzeitig die NMDA-Rezeptoren, die auf den Botenstoff Glutamat reagieren. Das bedeutet zunächst Ruhe von außen – der vertraute Entspannungseffekt durch Alkohol, der den Glutamat-Gegenspieler GABA imitiert.
Langfristig aber reagiert das Nervensystem mit einer Gegenregulation. Es fährt die eigene GABA-Produktion herunter und erhöht die Aktivität der Rezeptoren, die auf Glutamat reagieren. Ziel: trotz der äußeren Dämpfung handlungsfähig zu bleiben. Das System wird lauter. Empfindlicher. Reaktiver.
Fällt nun der Alkohol weg, verschwindet die äußere Bremse – aber die Gegenregulation bleibt zunächst bestehen. Das ist der Grund, warum viele Menschen in den ersten Tagen ohne Alkohol innerlich übererregt sind. Die Dämpfung fehlt, die Verstärkung läuft noch.

Tag 9: Mitten in der Neukalibrierung
Tag 9 liegt genau in dieser Übergangsphase. Das Gehirn hat begonnen, hemmende und aktivierende Prozesse wieder selbst zu regulieren. GABA wird nicht mehr von außen gepusht, sondern muss von innen wieder wirksam werden. Gleichzeitig ist das glutamaterge System häufig noch überaktiviert.
Die Unruhe, die Du vielleicht spürst, ist das direkte Ergebnis dieser Neukalibrierung. Ein System, das lange fremdgesteuert war, übernimmt wieder die Eigenregie – und das braucht Zeit.
Warum diese Phase rückfallgefährdet sein kann
Genau hier liegt ein Risiko, das nichts mit Willensschwäche zu tun hat. Die Unruhe fühlt sich belastend an. Wer sie nicht einordnen kann, sucht nach schneller Entlastung – und greift auf das zurück, was früher verlässlich gedämpft hat.
Deshalb ist Stabilisierung jetzt wichtiger als Fortschritt. Viele unserer Klienten überbrücken diese Phase durch die Einnahme der frei verkäuflichen, natürlichen Aminosäure GABA und berichten, dass sie damit den Drang zu trinken spürbar reduzieren konnten. Diese kritische Phase kann auch schon deutlich vor Tag 9 beginnen.
Unterstützung statt Überdeckung: Wie die Balance zurückkommt
Unterstützung in dieser Phase bedeutet nicht, das Nervensystem erneut stillzulegen. Sie bedeutet, die Übererregung abzufangen, bis die Balance wieder tragfähig ist. Kein Abschalten – sondern eine Reduktion der Daueranspannung, damit das System lernen kann, sich selbst zu regulieren.
Viele berichten, dass sich in den kommenden Tagen eine ruhigere Grundspannung einstellt. Nicht als Euphorie. Sondern als weniger Getriebensein. Gedanken werden langsamer. Reaktionen weniger reflexhaft. Genau das zeigt an, dass GABA und Glutamat wieder ins Verhältnis finden.
Wenn Du heute also merkst, dass Du nüchtern bist, aber innerlich noch nicht ruhig – dann ist das der Punkt, an dem Dein Nervensystem wieder Verantwortung übernimmt. Noch holprig. Noch nicht stabil. Aber auf dem richtigen Weg.
Alle Beiträge im Sober October 2026
- Sober October Tag 9: GABA und Glutamat – Dein Nervensystem findet die Balance
- Sober October Tag 8: Der Kopf wird klarer – Dein Gehirn entlastet sich
- Sober october Tag 7: Neuroplastizität – Dein Gehirn lernt ohne Alkohol neu
- Sober October Tag 6: Echte Freude statt Dopaminrausch durch Alkohol
- Sober October Tag 5: Besser schlafen ohne Alkohol – REM-Phasen erholen sich
- Sober October Tag 4: Nährstoff-Reserven leer? Dein Körper tankt jetzt auf
- Sober October Tag 3: Stimmung ohne Alkohol – Dein Serotonin greift wieder
- Sober October Tag 2: Entgiftung läuft – Dein Körper räumt auf
- Sober October Tag 1: Ein Neustart ohne Kater
Unsere Empfehlung: Mach’ diesen Test, bevor Du beim Sober October mitmachst
Entzugsrisiko-Selbstcheck: 10 Fragen
Dieser Selbstcheck dient ausschließlich der Einschätzung des medizinischen Risikos für einen Alkoholentzug. Er ersetzt keine ärztliche Abklärung. Unabhängig vom Ergebnis gilt: Bitte wende Dich für Deine persönliche Einschätzung an Arzt oder Suchtberatung.
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Die Einordnung erfolgt in Anlehnung an das PAWSS-System, das an der Universität Stanford in den USA entwickelt wurde.
Mehr dazu findest Du in unserem Lexikon .
Bitte beachte unbedingt: Wenn Du ohne Alkohol starke Beschwerden haben solltest wie Zittern, Angst, Schwitzen, Übelkeit/Erbrechen oder plötzliche Schlafstörungen, dann beantworte den Fragebogen im eigenen Interesse ehrlich. Das könnten Symptome eines Alkoholentzugs sein, der unbedingt sofortige ärztliche Aufsicht bräuchte.
Falls der Arzt Dir raten sollte, vorerst wieder mäßig zu trinken, dann wäre das in dieser Phase ein absoluter Standardrat und nichts Verrücktes. Dies dient ausschließlich der Stabilisierung bis zu einer medizinisch begleiteten Entgiftung. Man kann so Entzugssymptome erst einmal unterdrücken und die Zeit bis zu einem professionellen Eingreifen überbrücken.
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