25 Jahre lang war Alkohol ein fester Bestandteil meines Lebens – und über viele Jahre hinweg in exzessivem Ausmaß.
Ich war ein Kampftrinker.
Und trotzdem stand ich die ganzen Jahre mitten im Arbeitsleben. Ich ging arbeiten, erfüllte meine Pflichten und funktionierte.
Zumindest glaubte ich, dass ich funktioniere.
Genau das machte es wahrscheinlich so leicht, mir meinen Konsum lange schönzureden. Solange ich morgens aufstand, zur Arbeit ging und meinen Alltag irgendwie bewältigte, konnte ich mir sagen: So schlimm kann es noch nicht sein.
Doch funktionieren und leben sind zwei völlig verschiedene Dinge.
Es gab Zeiten, da war ich drei Tage am Stück im Suff unterwegs – von Lokal zu Lokal. Besonders während der Corona-Zeit und der damit verbundenen Isolation wurde es immer extremer.
Zum Schluss war im Schnitt eine Kiste Bier am Tag normal, meistens von etwa 17 Uhr bis Mitternacht. Am Wochenende kamen nicht selten noch Fernet oder andere Spirituosen dazu.
Aber irgendwann war die Menge gar nicht mehr das Schlimmste.
Das Schlimmste war der Verlust meines eigenen Ichs.
Im Alkohol erwachte eine andere, eine böse Seite in mir. Eine Seite, die mich immer wieder ködern konnte. Die mir etwas ins Hirn setzte und mich glauben ließ, dass ich sie brauche.
Ich nannte sie lange mein „Alter Ego“.
Heute weiß ich: Es war mehr.
Es war mein Flaschengeist.
Dieser Flaschengeist konnte mir immer wieder einreden, dass er ein Teil von mir sei. Dass ich ihn brauche. Dass ohne ihn etwas fehlt.
Und dann kam dieser eine Moment.
Ich kann ihn bis heute nicht vollständig erklären, aber ich habe ihn gespürt.
In meinem Kopf legte sich ein Schalter um.
Nach ungefähr 25 Jahren hieß es plötzlich nicht mehr: morgen, weniger, irgendwann oder vielleicht.
Es hieß nur noch:
Schluss.
Von diesem Tag an ließ ich meinen Flaschengeist verdursten. Jeden einzelnen Tag ein Stück mehr.
Ich glaube nicht, dass er jemals vollkommen verschwinden wird. Nach 25 Jahren ist er ein Teil meiner Geschichte.
Aber ich habe in mir einen Raum gefunden, in dem ich ihn einschließen konnte.
Er ist noch da. Aber er hat keine Macht mehr über mich.
Und erst damit begann für mich der eigentlich entscheidende Weg.
Denn plötzlich war ich nüchtern.
Keine Flasche mehr, hinter der ich mich verstecken konnte. Kein Rausch, der Probleme für ein paar Stunden verschwinden ließ. Kein Alter Ego mehr, dem ich die Verantwortung zuschieben konnte.
Da war nur noch ich.
Und ich musste anfangen, mich mit mir selbst zu beschäftigen.
Ich habe mich nüchtern meinen Problemen gestellt. Ich habe mich meinen Dämonen gestellt und angefangen, mein Mindset komplett neu zu programmieren.
Stück für Stück habe ich mich selbst wiedergefunden.
Heute bin ich nicht mehr in diesen Hamsterrädern gefangen, die mich jahrelang vom wirklichen Leben zurückgehalten haben.
Ich funktioniere nicht mehr nur.
Ich lebe.
Ich genieße ein aktives Leben und nehme es bewusst wahr.
Auf meinem Weg mit dem Alkohol habe ich wohl alles erreicht, was man besser niemals erreichen sollte.
Irgendwann hatte ich das Gefühl, sogar den Weg zur Büchse der Pandora gefunden zu haben.
Also habe ich sie geöffnet.
Und was darin war, war erstaunlich nüchtern.
Fast wie ein Jack in the Box, der plötzlich herausspringt und mich auslacht.
Denn ich musste erkennen, dass ich vor vielem, vor dem ich jahrelang davongelaufen war, gar nicht hätte davonlaufen müssen.
Der Alkohol hat meine Dämonen nicht vertrieben.
Er hat sie gefüttert.
Er hat Probleme nicht gelöst. Er hat sie nur betäubt und auf morgen verschoben.
Und dieses Morgen kam immer wieder.
Erst als ich nüchtern war, konnte ich mich umdrehen, meinen Dämonen ins Gesicht schauen und mich mit ihnen auseinandersetzen.
Und irgendwo auf diesem Weg habe ich schließlich etwas gefunden, wonach ich vielleicht 25 Jahre lang gesucht hatte:
die Tür zurück ins Leben – und zu meiner eigenen Mitte.
Am 26. Oktober werden es zwei Jahre ohne den Dämon Alkohol.
Warum melde ich mich hier an?
Weil ich meinen Weg damals ohne Unterstützung von außen gefunden habe und diesen Moment erlebt habe, in dem sich dieser Schalter in meinem Kopf umlegte.
Das soll ausdrücklich keine Empfehlung sein, einen körperlichen Entzug alleine und abrupt durchzuführen. Gerade nach langjährigem und starkem Alkoholkonsum kann das gefährlich sein.
Mir geht es um etwas anderes.
Ich möchte versuchen zu erklären, was in meinem Kopf passiert ist.
Welche Gedanken mich zu diesem Punkt gebracht haben. Wie ich aufgehört habe, mit mir selbst zu verhandeln. Wie ich meinem Flaschengeist Stück für Stück die Macht genommen habe. Und wie ich danach lernen musste, mir selbst nüchtern zu begegnen.
Ich weiß nicht, ob mein Weg auf einen anderen Menschen übertragbar ist.
Ich kann niemandem versprechen, dass sich dieser Schalter genauso umlegen wird wie bei mir.
Aber nach 25 Jahren Alkohol weiß ich eines:
Es gibt einen Weg hinaus.
Vielleicht kann ich niemandem meinen Weg geben.
Aber wenn meine Erfahrungen und meine Geschichte auch nur einem Menschen dabei helfen, seinen eigenen Weg zu finden, dann war es das wert.
