Was ist Carnitin? #
Carnitin ist eine körpereigene Substanz, die eine zentrale Rolle im Energiestoffwechsel spielt. Es transportiert langkettige Fettsäuren in die Mitochondrien, also in jene Zellbestandteile, in denen Energie gewonnen wird. Ohne Carnitin können Fettsäuren nicht effizient verbrannt werden. Besonders viel Carnitin findet sich in Organen mit hohem Energiebedarf wie Herz, Skelettmuskel und Leber.
Wie beeinflusst Alkohol den Energiestoffwechsel? #
Ein direkter „Schutzstoff gegen Alkohol“ ist Carnitin nicht. Dennoch besteht ein biologisch plausibler Zusammenhang zwischen Carnitin, Carnitinmangel und chronischem Alkoholkonsum. Alkohol verändert den Energiestoffwechsel in der Leber grundlegend. Beim Abbau von Ethanol steigt das Verhältnis von NADH zu NAD⁺, der lebenswichtigen Coenzyme des Energiestoffwechsels, deutlich an. Diese Verschiebung hemmt den normalen Fettsäureabbau. Statt oxidiert zu werden, lagern sich Fettsäuren vermehrt in der Leber ab. So entsteht eine Fettleber. Gleichzeitig belastet Alkohol die Mitochondrien durch oxidativen Stress und stört die β-Oxidation, also genau jenen Prozess, bei dem Carnitin eine Schlüsselrolle spielt.
Kann Alkohol einen Carnitinmangel verursachen? #
Bei ausgeprägtem, langjährigem Alkoholmissbrauch wurden zudem erniedrigte Carnitinspiegel beschrieben. Mögliche Ursachen sind Mangelernährung, Leberfunktionsstörungen oder eine beeinträchtigte körpereigene Synthese, die in Leber und Niere erfolgt. Ein Carnitinmangel kann die bereits durch Alkohol gestörte Energiegewinnung zusätzlich verschlechtern. Betroffene berichten dann häufig über ausgeprägte Müdigkeit, Muskelschwäche oder allgemeine Leistungsminderung.
Hat Carnitin therapeutische Bedeutung bei Alkoholabhängigkeit? #
Therapeutisch spielt Carnitin bei alkoholbedingten Erkrankungen bisher keine etablierte Hauptrolle, auch wenn es darauf viele Hinweise gibt, dass das sinnvoll sein könnte. Einzelne Studien untersuchten L-Carnitin oder Acetyl-L-Carnitin bei alkoholischer Fettleber, bei Polyneuropathie oder bei Erschöpfungssymptomen im Entzug. Teilweise zeigten sich Verbesserungen einzelner Parameter, etwa neuropathischer Beschwerden oder bestimmter Laborwerte. Eine standardisierte, leitliniengestützte Therapie mit Carnitin bei Alkoholabhängigkeit existiert jedoch bislang nicht.
Zusammengefasst besteht der Bezug zwischen Carnitin und Alkohol vor allem auf der Ebene des mitochondrialen Energiestoffwechsels. Alkohol stört die Fettsäureoxidation und belastet die Mitochondrien. Carnitin ist ein zentraler Bestandteil dieses Systems. Ein möglicher Mangel kann alkoholbedingte Stoffwechselstörungen verstärken. Als ergänzender Baustein im Gesamtbild der alkoholbedingten Organ- und Stoffwechselschäden ist Carnitin daher relevant, ersetzt jedoch keine kausale Therapie der Alkoholabhängigkeit.
Dr. med. Bernd Guzek #
Arzt, Autor, Angehöriger & Mitbegründer von Alkohol adé
Beschäftigt sich seit vielen Jahren mit den biochemischen Grundlagen von Sucht und Hirnstoffwechselstörungen sowie deren Beeinflussung durch Nährstoffe.