Als “Filmriss” bezeichnet man im Volksmund das vollständige oder lückenhafte Fehlen von Erinnerungen an einen Zeitraum, in dem man durch Alkohol stark berauscht war — obwohl man in dieser Zeit wach, handlungsfähig und nach außen hin “dabei” war. Der Betroffene hat die Ereignisse also erlebt, aber nicht dauerhaft ins Gedächtnis überführt.
Der entscheidende Unterschied: Es handelt sich nicht um Bewusstlosigkeit, sondern um einen Defekt der Gedächtniskonsolidierung.

Was passiert neurobiologisch? #
Der zentrale Ort des Geschehens ist der Hippocampus — die Hirnstruktur, die für die Überführung von Erlebnissen ins Langzeitgedächtnis zuständig ist (sogenannte Konsolidierung). Alkohol (Ethanol) greift auf zwei Wegen gleichzeitig ein:
Erstens verstärkt er die Wirkung von GABA, dem wichtigsten hemmenden Botenstoff im Gehirn. Das dämpft die neuronale Aktivität global — daher die typische Verlangsamung, Entspannung, Enthemmung.
Zweitens blockiert er NMDA-Rezeptoren, eine bestimmte Klasse von Glutamat-Rezeptoren. Diese sind entscheidend für die Langzeitpotenzierung (LTP) — den Mechanismus, durch den Synapsen sich beim Lernen und Erinnern dauerhaft verstärken. Ohne LTP kein Gedächtniseintrag.
Der Kortex läuft dabei weiter: Wahrnehmung, Sprache, Motorik, sogar Entscheidungen funktionieren noch halbwegs — nur die “Aufnahme” ins Gedächtnis wird abgewürgt. Das Erlebnis existiert kurz im Arbeitsgedächtnis, wird aber nicht in Langzeitinformation umgeschrieben.
Zwei Formen #
Bei einem fragmentarischen Filmriss (en: “fragmentary blackout” oder “grayout”) sind die Erinnerungen lückenhaft — es gibt Inseln von Erinnerung, dazwischen Lücken. Oft wird einem erst beim Nachfragen klar, dass etwas fehlt.
Beim En-bloc-Filmriss ist der Ausfall komplett: keine einzige Erinnerung an den betreffenden Zeitraum, kein Hinweis, keine Fragmente. Dies tritt bei sehr hohen Blutalkoholkonzentrationen auf.
Warum ist das gefährlich? #
Der Filmriss ist nicht bloß ein kurioses Phänomen — er zeigt an, dass das Gehirn in einem Zustand war, in dem zwar Handlungen möglich waren, aber keine Selbstregulation durch Erinnerung mehr stattfand. Betroffene können in dieser Phase Entscheidungen treffen, über die sie hinterher keinerlei Rechenschaft ablegen können — nicht weil sie lügen, sondern weil die Erinnerung schlicht nie gebildet wurde.
Dr. med. Bernd Guzek #
Arzt, Autor, Angehöriger & Mitbegründer von Alkohol adé
Beschäftigt sich seit vielen Jahren mit den biochemischen Grundlagen von Sucht und Hirnstoffwechselstörungen sowie deren Beeinflussung durch Nährstoffe.