Viele Menschen beschreiben ihr erstes Glas Alkohol als ein Gefühl von Wärme, Entspannung und Wohlbefinden. Das ist kein Zufall und keine Einbildung. Alkohol greift direkt in ein körpereigenes System ein, das eigentlich dafür gebaut wurde, uns nach echten Leistungen oder in sozialen Momenten zu belohnen: das Endorphin-System.
Was sind Endorphine überhaupt? #
Endorphine sind körpereigene Botenstoffe, die das Gehirn selbst herstellt. Der Name ist eine Kurzform von „endogene Morphine” – also Morphin-ähnliche Stoffe, die von innen kommen. Sie gehören zur großen Familie der körpereigenen Opioide, zu der auch Enkephaline und Dynorphine zählen.
Endorphine docken an sogenannten Opioidrezeptoren an – speziellen Andockstellen auf Nervenzellen im Gehirn. Wenn diese Rezeptoren aktiviert werden, entsteht ein Gefühl von Wohlbefinden, Entspannung und manchmal sogar Euphorie. Gleichzeitig dämpfen Endorphine Schmerzen und reduzieren Stress.
Der Körper setzt Endorphine frei, wenn wir lachen, Sport treiben, uns verlieben oder Musik hören. Das bekannte „Runner’s High” nach einem langen Lauf ist ein klassisches Beispiel – ein echter Endorphin-Schub ohne jede Substanz.
Wie Alkohol das Endorphin-System aktiviert #
Alkohol wirkt auf den Nucleus accumbens und andere Teile des Belohnungszentrums im Gehirn. Schon kurz nach dem ersten Schluck regt er bestimmte Nervenzellen dazu an, Endorphine freizusetzen. Diese binden dann an die mu-Opioidrezeptoren – genau dieselben Andockstellen, die auch körpereigene Endorphine nutzen.
Das Ergebnis: Wärme, Entspannung, ein Gefühl von Leichtigkeit. Soziale Hemmungen fallen weg, Stress scheint kleiner zu werden. Das Gehirn speichert diesen Moment als positiv ab – und das Suchtgedächtnis beginnt, seinen Job zu machen.
Das Tückische daran ist, dass dieser Mechanismus bei manchen Menschen besonders stark ausgeprägt ist. Studien zeigen, dass Menschen mit einer genetischen Neigung zur Alkoholabhängigkeit auf Alkohol mit einer stärkeren Endorphin-Ausschüttung reagieren als andere. Ihr Gehirn empfängt schlicht ein lauteres Belohnungssignal.
Was bei regelmäßigem Trinken passiert #
Wenn Alkohol regelmäßig die Endorphin-Ausschüttung ankurbelt, lernt das Gehirn, sich darauf zu verlassen. Zwei Dinge passieren gleichzeitig, und beide sind problematisch.
Erstens passen sich die Opioidrezeptoren an. Sie werden weniger empfindlich, weil sie ständig aktiviert werden. Das Gehirn braucht immer mehr Alkohol, um dieselbe Wirkung zu erzielen – das ist Toleranzentwicklung.
Zweitens drosselt der Körper seine eigene Endorphin-Produktion. Warum soll er noch selbst welche herstellen, wenn der Alkohol das angeblich zuverlässig übernimmt? Die Folge: Im nüchternen Zustand fehlt dem Gehirn genau das, was es braucht, um sich normal zu fühlen. Freude, Entspannung, ein Grundgefühl von Wohlbefinden – all das wird gedämpft.
Diesen Zustand nennt man Anhedonie: die Unfähigkeit, Freude zu empfinden. Viele abstinente Alkoholiker kennen das aus eigener Erfahrung – diese bleierne Grauheit der ersten Wochen und Monate, in denen nichts wirklich Freude macht.
Die Delle nach dem Entzug – und warum sie sich bessert #
Die gute Nachricht: Das Endorphin-System erholt sich. Das Gehirn ist neuroplastisch – es kann sich anpassen, umbauen und regenerieren. Mit zunehmender Abstinenz beginnen die Opioidrezeptoren wieder, sensibler zu werden, und der Körper nimmt die eigene Endorphin-Produktion langsam wieder auf.
Dieser Prozess dauert – je nach Dauer und Schwere des Trinkens – Wochen bis Monate. Das PAWS-Syndrom (Post-Acute Withdrawal Syndrome), also die länger anhaltenden Entzugssymptome, hat hier eine seiner biochemischen Wurzeln.
Was die Erholung beschleunigt: körperliche Bewegung, weil Sport der stärkste natürliche Endorphin-Auslöser ist. Lachen und soziale Kontakte tun dasselbe. Auch ausreichend Schlaf ist entscheidend, denn im Schlaf läuft ein Großteil der neuronalen Reparatur ab – mehr dazu im Beitrag über Schlafstörungen.
Naltrexon: wenn ein Medikament den Mechanismus unterbricht #
Das Medikament Naltrexon wirkt genau an dieser Stelle. Es blockiert die Opioidrezeptoren und verhindert, dass Alkohol die Endorphin-Wirkung auslösen kann. Wer Naltrexon nimmt und trotzdem trinkt, spürt kaum noch das angenehme Wohlgefühl – die Belohnung bleibt aus. Damit nimmt Alkohol seinen wichtigsten Reiz. Naltrexon gehört zu den wirksamsten zugelassenen Medikamenten zur Rückfallprophylaxe bei Alkoholabhängigkeit. Es ist kein Allheilmittel, aber ein Baustein, der für manche Betroffene sehr hilfreich sein kann.
Was Nährstoffe damit zu tun haben #
Das Endorphin-System hängt von einer Reihe von Nährstoffen ab, die Alkohol systematisch erschöpft. Tryptophan ist eine Vorstufe für Serotonin, das eng mit dem Endorphin-System zusammenarbeitet. Vitamin B6 wird für die Synthese mehrerer Botenstoffe gebraucht. Zink und Vitamin D regulieren die Empfindlichkeit der Rezeptoren im limbischen System. Magnesium stabilisiert die Nervenzellen und dämpft die Überreizung, die nach dem Entzug oft anhält.
Wer nüchtern wird und dabei auf eine gute Nährstoffversorgung achtet, gibt seinem Gehirn bessere Werkzeuge für den Wiederaufbau.
Alkohol regt das Gehirn dazu an, Endorphine freizusetzen – körpereigene Botenstoffe, die Wohlbefinden, Entspannung und manchmal Euphorie erzeugen. Genau deshalb fühlt sich Alkohol gerade am Anfang so angenehm an. Das Gehirn bewertet diesen Moment als Belohnung und speichert ihn ab.
Weil der Körper spart, wo er kann. Wenn Alkohol regelmäßig für Endorphin-Ausschüttung sorgt, drosselt das Gehirn seine eigene Produktion. Gleichzeitig werden die Opioidrezeptoren unempfindlicher. Das Ergebnis: Im nüchternen Zustand fehlt das Grundgefühl von Wohlbefinden – Freude fühlt sich gedämpft oder gar nicht mehr vorhanden an.
Anhedonie bedeutet, keine Freude mehr empfinden zu können. In der frühen Abstinenz ist das ein sehr häufiges Symptom und hat unter anderem damit zu tun, dass das Endorphin-System durch den langen Alkoholkonsum geschwächt ist. Mit zunehmender Abstinenz erholt es sich – das braucht aber Zeit und die richtige Unterstützung.
Regelmäßige Bewegung ist der stärkste natürliche Endorphin-Auslöser. Auch Lachen, soziale Kontakte, Musik und ausreichend Schlaf fördern die Erholung. Dazu trägt eine gute Versorgung mit Nährstoffen bei, die das Gehirn für den Aufbau von Botenstoffen braucht – zum Beispiel Tryptophan, Vitamin B6, Magnesium und Zink.
Naltrexon blockiert die Opioidrezeptoren im Gehirn. Wer das Medikament nimmt und trotzdem trinkt, spürt kaum noch das angenehme Wohlgefühl, das Alkohol normalerweise auslöst – weil die Belohnungswirkung unterbleibt. Das kann den Anreiz zu trinken deutlich reduzieren. Naltrexon ist eines der wirksamsten zugelassenen Medikamente zur Rückfallvorbeugung.Was haben Endorphine mit Alkohol zu tun?
Warum produziert das Gehirn beim regelmäßigen Trinken weniger eigene Endorphine?
Was ist Anhedonie, und hat sie mit Endorphinen zu tun?
Was hilft dem Endorphin-System dabei, sich zu erholen?
Wie wirkt Naltrexon bei Alkoholabhängigkeit?
Dr. med. Bernd Guzek #
Arzt, Autor, Angehöriger & Mitbegründer von Alkohol adé
Beschäftigt sich seit vielen Jahren mit den biochemischen Grundlagen von Sucht und Hirnstoffwechselstörungen sowie deren Beeinflussung durch Nährstoffe.