Ein Krampfanfall ist eine plötzlich auftretende, zeitlich begrenzte Funktionsstörung des Gehirns, die durch eine überschießende, synchrone elektrische Aktivität von Nervenzellen entsteht. Je nach betroffenen Hirnarealen äußert sich ein Anfall durch unwillkürliche Muskelzuckungen, Bewusstseinsstörungen, Sinnesveränderungen oder autonome Symptome wie Schwitzen und Herzrasen. Krampfanfälle sind Symptome, keine eigenständige Erkrankung.
Wie entstehen Krampfanfälle allgemein? #
Das Gehirn arbeitet auf Basis eines fein austarierten Gleichgewichts zwischen erregenden und hemmenden Nervensignalen. Krampfanfälle entstehen, wenn dieses Gleichgewicht kippt und die neuronale Erregbarkeit deutlich zunimmt. Typische Ursachen sind:
- – strukturelle Hirnschäden (z. B. nach Schlaganfall, Trauma, Tumor)
- – Stoffwechselstörungen (z. B. Hypoglykämie, Elektrolytverschiebungen)
- – entzündliche oder infektiöse Prozesse
- – genetische Dispositionen
- – toxische Einflüsse oder Entzugssituationen
Gemeinsam ist allen Auslösern, dass sie die Reizschwelle von Nervenzellen absenken oder hemmende Kontrollmechanismen schwächen.
Warum besteht im Alkoholentzug die Gefahr von Krampfanfällen? #
Alkohol wirkt im Gehirn dämpfend. Er verstärkt die Wirkung hemmender Botenstoffe und reduziert gleichzeitig erregende Signale. Bei regelmäßigem Alkoholkonsum passt sich das Gehirn an diesen Zustand an:
- – hemmende Systeme werden herunterreguliert
- – erregende Systeme werden hochreguliert
Wird Alkohol plötzlich abgesetzt, entfällt die dämpfende Wirkung schlagartig. Zurück bleibt ein übererregbares Nervensystem, das nicht sofort in der Lage ist, die Balance wiederherzustellen. Die Folge kann eine massive neuronale Überaktivität sein, die sich klinisch als Entzugskrampfanfall äußert.
Typisch ist das Auftreten 24 bis 72 Stunden nach dem letzten Alkoholkonsum, oft ohne Vorwarnung und unabhängig von der subjektiven Entzugsschwere.
Warum steigt das Risiko mit Trinkdauer und wiederholten Entzügen? #
Je länger und regelmäßiger Alkohol konsumiert wird, desto ausgeprägter sind die neurobiologischen Anpassungen im Gehirn. Jeder Entzug bedeutet eine erneute Phase extremer Übererregbarkeit. Wiederholte Entzüge führen dazu, dass das Nervensystem zunehmend empfindlicher reagiert:
- – die Krampfschwelle sinkt
- – Anfälle treten früher und bei geringerer Belastung auf
- – Entzüge verlaufen mit jeder Wiederholung schwerer
Dieses Phänomen wird als Kindling-Effekt bezeichnet. Er erklärt, warum selbst vergleichsweise kurze Trinkphasen bei vorbelasteten Personen zu schweren Entzugskomplikationen führen können.