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Alkoholentzug – was passiert da biochemisch?

Was passiert biochemisch beim Alkoholentzug? #

Alkohol wirkt im Gehirn dämpfend, vor allem über das GABA-System. GABA – die Gamma-Aminobuttersäure – ist der wichtigste hemmende Botenstoff des Nervensystems. Alkohol verstärkt seine Wirkung und hemmt gleichzeitig den Gegenspieler Glutamat, der normalerweise für Erregung sorgt. Das Gehirn reagiert auf diesen Dauerzustand mit einer Gegenregulation: Es bildet weniger GABA-Rezeptoren und vermehrt Glutamat- beziehungsweise NMDA-Rezeptoren. Dadurch entsteht ein neues Gleichgewicht – ein „betrunkenes Normal“. Der Organismus funktioniert nur noch stabil, wenn Alkohol vorhanden ist.

Ein Alkoholentzug bedeutet, dass der Körper nach längerer oder übermäßiger Trinkphase plötzlich keinen Alkohol mehr bekommt. Da sich das Gehirn über Wochen oder Jahre an den ständigen Einfluss von Ethanol gewöhnt hat, gerät beim Absetzen das chemische Gleichgewicht durcheinander. Vor allem das Nervensystem reagiert heftig: Der hemmende Botenstoff GABA wirkt zu schwach, der erregende Gegenspieler Glutamat zu stark. Die Folge ist eine Übererregung der Nervenzellen – spürbar durch Zittern, Schwitzen, Angstzustände, Schlaflosigkeit und innere Unruhe.

Das Gehirn, das sich an den Dauerreiz gewöhnt hat, reagiert über – wie ein Motor, der plötzlich ohne Kühlung läuft. Dieses Ungleichgewicht erklärt viele Entzugssymptome: erhöhter Puls, Angst, Muskelzittern, Schweißausbrüche, Gereiztheit und Schlaflosigkeit.

Störungen der Botenstoffe #

Die ersten drei Tage des Entzugs gelten als die kritischste Phase. In dieser Zeit ist die biochemische Dysbalance am größten. Hier treten auch die schwersten Symptome auf, bis hin zu Prädelir und Delirium tremens. Erst danach beginnt sich das System langsam zu stabilisieren. Nach einer bis zwei Wochen kehrt allmählich Ruhe ein, doch die Anpassung der Rezeptoren dauert deutlich länger. Viele berichten noch Wochen oder Monate von Nervosität, Schlafstörungen und einer gewissen seelischen Instabilität – Zeichen der andauernden Reorganisation im Gehirn.

Mit fortgesetzter Abstinenz regeneriert sich das Nervensystem Schritt für Schritt. GABA-Rezeptoren vermehren sich wieder, überzählige NMDA-Rezeptoren werden abgebaut. Auch die Dopamin– und Serotoninhaushalte finden allmählich zurück ins Gleichgewicht. Unterstützend wirken ausreichend Schlaf, eine ausgewogene Ernährung und bestimmte Nährstoffe, die die dämpfenden Systeme stärken – etwa Magnesium, Taurin oder GABA selbst. In der Akutphase helfen Medikamente wie Clomethiazol (Distraneurin) oder Benzodiazepine, die GABA-Wirkung vorübergehend zu ersetzen und die Übererregung zu mildern.

Gefahren des Entzugs #

Ein unüberwachter Entzug ist keineswegs harmlos. Besonders in den ersten zwei Tagen nach dem letzten Schluck können schwere Komplikationen auftreten. Dazu gehören:

– Krampfanfälle, ähnlich epileptischen Anfällen, meist innerhalb der ersten 48 Stunden.
– Hypertone Krisen, also gefährlich hoher Blutdruck und Herzrhythmusstörungen.
– Entzugsdelir, die schwerste Form mit Halluzinationen, Desorientierung, Fieber und Kreislaufversagen.
– Verletzungen, etwa durch Stürze oder Verwirrtheit in deliranten Phasen.

Ein Entzug ohne ärztliche Überwachung kann lebensgefährlich sein. Wer längere Zeit täglich Alkohol konsumiert hat, sollte ihn niemals abrupt absetzen, sondern sich ärztlich begleiten lassen – stationär oder ambulant, je nach Schweregrad.

Unterschied zwischen Entzug und Entzugsdelir #

Beim einfachen Entzug ist der Betroffene wach, ansprechbar und weiß, wo er ist. Er fühlt sich schlecht, zittert, schwitzt und kann nicht schlafen, bleibt aber geistig klar. Ein Entzugsdelir ist etwas völlig anderes: Der Mensch verliert die Orientierung, sieht Dinge, die nicht da sind, und reagiert verwirrt oder aggressiv. Puls, Blutdruck und Körpertemperatur steigen, der Kreislauf kann versagen. Das Delirium tremens ist ein akuter medizinischer Notfall und muss sofort in einer Klinik behandelt werden.

⚠️
Wichtiger Hinweis

Ein Alkoholentzug sollte niemals ohne ärztliche Begleitung erfolgen. Besonders Menschen mit langjährigem Konsum oder Vorerkrankungen riskieren lebensgefährliche Komplikationen.

Wie merkt der Betroffene den Entzug? #

Die ersten Symptome setzen oft schon nach sechs bis zwölf Stunden ohne Alkohol ein: Nervosität, Schwitzen, Kopfschmerzen, Übelkeit und feines Zittern der Hände. Nach einem Tag verschlechtern sich Schlaf, Konzentration und Stimmung. Nach zwei Tagen können Angstzustände, Halluzinationen und Kreislaufprobleme hinzukommen. Ohne Behandlung drohen Krampfanfälle oder Delir.

Besonders gefährlich ist der sogenannte Kindling-Effekt: Wer mehrere Entzüge hinter sich hat, reagiert jedes Mal empfindlicher. Schon geringe Alkoholmengen oder kurze Abstinenzphasen können dann heftige Reaktionen auslösen.

Fazit #

Ein Alkoholentzug ist kein reiner Willensakt, sondern ein massiver Eingriff in das Gleichgewicht des Nervensystems. Körper und Gehirn müssen sich mühsam umstellen – ein Prozess, der medizinische Begleitung braucht, um sicher und erfolgreich zu verlaufen.

FAQ – häufig gestellte Fragen #


Was passiert bei einem Alkoholentzug im Körper?

Das zentrale Nervensystem ist übererregt, weil die dämpfende Wirkung von Alkohol (GABA) plötzlich fehlt. Dadurch steigen Puls, Blutdruck und Nervenspannung stark an.

Welche Komplikationen können auftreten?

Gefährlich sind Krampfanfälle, Herz-Kreislauf-Entgleisungen und das Delirium tremens mit Halluzinationen und Bewusstseinsstörung.

Wie erkennt man den Unterschied zwischen Entzug und Delir?

Beim Entzug ist der Betroffene orientiert, beim Delir nicht. Orientierungslosigkeit, Halluzinationen oder Aggressivität deuten immer auf ein Delir hin.

Wann sollte man in die Klinik?

Immer, wenn bereits ein längerer Alkoholkonsum besteht, Kreislaufbeschwerden, Krämpfe oder Verwirrtheit auftreten. Ein stationärer Entzug ist dann lebenswichtig.



Arzt, Autor, Angehöriger & Mitbegründer von Alkohol adé

Dr. med. Bernd Guzek #

Arzt, Autor, Angehöriger & Mitbegründer von Alkohol adé

Beschäftigt sich seit vielen Jahren mit den biochemischen Grundlagen von Sucht und Hirnstoffwechselstörungen sowie deren Beeinflussung durch Nährstoffe.


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