Was ist Disulfiram? #
Disulfiram ist ein Hemmstoff der Aldehyddehydrogenase (ALDH).
Normalerweise baut der Körper Alkohol in zwei Schritten ab:
- Ethanol → (Alkoholdehydrogenase) → Acetaldehyd
- Acetaldehyd → (Aldehyddehydrogenase) → Essigsäure
Disulfiram blockiert Schritt 2. Dadurch steigt die Acetaldehyd-Konzentration im Blut stark an. Acetaldehyd ist toxisch und verursacht ausgeprägte vegetative Symptome.
Welche Wirkung hat Disulfiram? #
2. Mit Alkohol: Disulfiram-Alkohol-Reaktion (DAR) #
Bereits geringe Mengen Alkohol führen zu:
- Gesichtsrötung
- Pulsbeschleunigung
- Blutdruckabfall
- Kopfschmerz
- Übelkeit und Erbrechen
- Schweißausbruch
- Angstgefühl
- Druck auf der Brust
Bei höheren Alkoholmengen drohen:
- schwere Hypotonie
- Herzrhythmusstörungen
- Atemnot
- Kreislaufkollaps
Die Reaktion kann mehrere Stunden anhalten.
Disulfiram wirkt nicht gegen das Verlangen nach Alkohol. Es erzeugt eine Abschreckungsreaktion. Die Einnahme setzt Motivation und ärztliche Begleitung voraus.
Wozu setzt man Disulfiram beim Alkoholismus ein? #
Disulfiram dient der Rückfallprophylaxe bei motivierten Patienten. Es eignet sich besonders:
- wenn eine klare Abstinenzentscheidung vorliegt
- bei wiederholten impulsiven Rückfällen
- wenn soziale Kontrolle möglich ist
- im Rahmen strukturierter Programme
Weniger geeignet ist es:
- bei fehlender Krankheitseinsicht
- bei impulsivem, heimlichem Trinken
- bei schweren Herz- oder Lebererkrankungen
Wichtig: Die Wirkung hält mehrere Tage an. Auch 7–10 Tage nach Absetzen kann Alkohol noch Reaktionen auslösen.
Pharmakologische Besonderheiten #
- Disulfiram wirkt irreversibel auf ALDH
- Die Regeneration erfolgt erst durch Neusynthese des Enzyms
- Es beeinflusst zusätzlich Dopamin-β-Hydroxylase
- Dadurch kann es theoretisch neuropsychiatrische Effekte begünstigen
Nebenwirkungen ohne Alkohol #
Auch ohne Alkoholkonsum können auftreten:
- Müdigkeit
- Kopfschmerz
- Hautreaktionen
- metallischer Geschmack
- gastrointestinale Beschwerden
Selten, aber relevant:
- Hepatotoxizität
- Polyneuropathie
- psychotische Symptome
- depressive Verstimmungen
Regelmäßige Leberwertkontrollen sind empfohlen.
Kontraindikationen #
- Schwere Lebererkrankung
- Koronare Herzkrankheit
- Herzinsuffizienz
- Psychosen
- Schwangerschaft
Auch alkoholhaltige Medikamente, Tinkturen oder Mundspüllösungen können Reaktionen auslösen.
Einordnung im Vergleich zu anderen Medikamenten #
Im Unterschied zu:
- Naltrexon → reduziert Belohnungseffekt
- Acamprosat → moduliert glutamaterge Dysbalance
… erzwingt Disulfiram eine externe Kontrolle über einen biochemischen Mechanismus. Es adressiert nicht die neurobiologische Suchtursache, sondern die Verhaltenshemmung über Furcht vor Konsequenzen.
Fazit #
Disulfiram ist ein wirksames, aber anspruchsvolles Instrument der Rückfallprophylaxe.
Es eignet sich für motivierte Patienten in stabiler Begleitung. Ohne tragfähiges Behandlungskonzept oder bei mangelnder Einsicht kann es riskant sein.
Die Substanz greift gezielt in den Alkoholmetabolismus ein und macht Trinken physiologisch unangenehm. Sie behandelt jedoch nicht die zugrunde liegende Suchtbiologie.
Die Wirkung beginnt nach etwa 12 Stunden. Bereits kleine Alkoholmengen können dann Reaktionen auslösen.Wie schnell wirkt Disulfiram?
Die Enzymhemmung kann bis zu 7–10 Tage anhalten, da der Körper neue Aldehyddehydrogenase bilden muss.Wie lange wirkt Disulfiram nach Absetzen?
Bei Alkoholkonsum kann es zu schweren Kreislaufreaktionen kommen. Deshalb erfolgt die Anwendung nur unter ärztlicher Kontrolle.Ist Disulfiram gefährlich?
Nein. Es beeinflusst nicht direkt das Craving, sondern erzeugt eine Abschreckungsreaktion bei Alkoholkonsum.Reduziert Disulfiram das Verlangen nach Alkohol?
Dr. med. Bernd Guzek #
Arzt, Autor, Angehöriger & Mitbegründer von Alkohol adé
Beschäftigt sich seit vielen Jahren mit den biochemischen Grundlagen von Sucht und Hirnstoffwechselstörungen sowie deren Beeinflussung durch Nährstoffe.