Oxidativer Stress bezeichnet einen Zustand, in dem im Körper mehr reaktive Sauerstoffverbindungen entstehen, als durch die körpereigenen Schutzsysteme unschädlich gemacht werden können. Gerät dieses Gleichgewicht aus der Balance, können Zellen, Zellmembranen, Proteine und sogar die DNA geschädigt werden. Oxidativer Stress gilt als ein grundlegender biologischer Mechanismus, der Alterungsprozesse und viele chronische Erkrankungen mit antreiggert oder verstärkt.
Was bedeutet „oxidativ“? #
„Oxidativ“ leitet sich von Oxidation ab. Dabei werden Elektronen übertragen, in biologischen Systemen häufig unter Beteiligung von Sauerstoff. Im Alltag des Körpers entstehen dabei sogenannte freie Radikale und verwandte, hochreaktive Moleküle. Besonders wichtig sind die reaktiven Sauerstoffspezies (ROS). Diese Teilchen sind chemisch instabil und reagieren daher leicht mit anderen Strukturen in der Zelle.
Entscheidend ist: Freie Radikale sind nicht grundsätzlich „schlecht“. In kontrollierter Menge sind sie Teil normaler Prozesse, etwa bei der Energiegewinnung in den Mitochondrien und bei der Immunabwehr. Problematisch wird es erst, wenn ihre Bildung längerfristig schneller läuft als ihre Neutralisation.
Wie entsteht oxidativer Stress? #
Oxidativer Stress entsteht, wenn die Produktion reaktiver Sauerstoffverbindungen die antioxidative Abwehr übersteigt. Das kann kurzfristig passieren, zum Beispiel bei Infekten oder sehr intensiver körperlicher Belastung. Kritischer ist jedoch ein chronischer Zustand, bei dem das System über Wochen, Monate oder Jahre überlastet bleibt. Häufige Treiber sind anhaltende Entzündungen, Stoffwechselstörungen, Umweltbelastungen, Rauchen, Schlafmangel und chronischer psychosozialer Stress.
Auch Alkohol ist ein relevanter Faktor, weil sein Abbau mit einer erhöhten Bildung reaktiver Sauerstoffverbindungen verbunden ist und zugleich antioxidative Reserven verbrauchen kann. Dadurch steigt die Wahrscheinlichkeit, dass das Gleichgewicht zugunsten der oxidativen Belastung kippt.
Was passiert im Körper bei oxidativem Stress? #
Freie Radikale reagieren bevorzugt mit Strukturen, die besonders empfindlich sind. Dazu zählen Fette in Zellmembranen, bestimmte Proteine sowie Erbmaterial (DNA). Werden Zellmembranen angegriffen, verlieren sie Stabilität und Durchlässigkeit verändert sich. Werden Proteine oxidiert, können Enzyme und Rezeptoren ihre Funktion einbüßen. Kommt es zu Schäden an der DNA, steigen Reparaturbedarf und Fehlerrisiko.
Ein wichtiger Verstärker ist die Mitochondrienfunktion. Mitochondrien sind sowohl Hauptquelle als auch Opfer reaktiver Sauerstoffverbindungen. Werden sie geschädigt, sinkt die Effizienz der Energieproduktion und es können wiederum noch mehr ROS entstehen. So kann sich ein ungünstiger Kreislauf etablieren.
Welche Folgen sind möglich? #
Oxidativer Stress ist selten eine alleinige Ursache, wirkt aber häufig als Verstärker und Beschleuniger anderer Prozesse. In der Forschung wird er mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen, neurodegenerativen Erkrankungen, chronischen Entzündungen, Lebererkrankungen und Stoffwechselstörungen in Verbindung gebracht. Viele dieser Zusammenhänge beruhen darauf, dass oxidative Schäden Entzündungsreaktionen anfeuern können und umgekehrt Entzündung wiederum oxidativen Stress verstärkt.
Wie schützt sich der Körper? #
Der Körper verfügt über mehrere Schutzschichten. Zentral sind antioxidative Enzymsysteme wie Superoxiddismutase, Katalase und Glutathion-abhängige Enzyme. Diese Systeme benötigen unter anderem Spurenelemente wie Selen, Zink, Kupfer und Mangan als Cofaktoren. Zusätzlich liefern Lebensmittel Antioxidantien und Vorstufen, etwa Vitamin C, Vitamin E, Carotinoide und verschiedene Polyphenole.
Wichtig ist dabei das Prinzip der Balance: Nicht das vollständige „Ausschalten“ von ROS ist das Ziel, sondern eine ausreichende Abwehr gegen überschießende und chronische Belastung. Antioxidativer Schutz bedeutet daher meist: Entzündungslast senken, Regeneration verbessern und die Nährstoffversorgung stabil halten.
Oxidativer Stress entsteht, wenn freie Radikale langfristig schneller gebildet werden, als der Körper sie neutralisieren kann. Dann werden Zellmembranen, Proteine und DNA angreifbar und Entzündungsprozesse können sich verstärken.
Oxidativer Stress und Alkohol #
Beim Alkoholabbau entstehen neben toxischen Zwischenprodukten auch vermehrt reaktive Sauerstoffverbindungen. Gleichzeitig können antioxidative Reserven sinken und Mikronährstoffe, die für Schutzsysteme wichtig sind, werden eher knapp. Dadurch ist oxidativer Stress ein plausibler Mechanismus, über den Alkohol Leber, Nervensystem und Stoffwechsel zusätzlich belastet. Für viele Betroffene ist das ein weiterer Grund, warum bereits Wochen ohne Alkohol spürbar entlastend wirken können.
Kurzfazit #
Oxidativer Stress ist ein biologischer Zustand, kein einzelnes Krankheitsbild. Er beschreibt eine Überlastung des antioxidativen Schutzsystems durch reaktive Sauerstoffverbindungen. In akuter Form gehört das zum Leben, in chronischer Form kann er Zellschäden und Entzündungsprozesse fördern und damit zahlreiche Erkrankungen begünstigen oder verstärken.
FAQ #
Ist oxidativer Stress immer schädlich?
Nein. Reaktive Sauerstoffverbindungen entstehen auch bei normalen Stoffwechselprozessen und sind Teil von Signalwegen und Immunabwehr. Schädlich wird es vor allem dann, wenn die Belastung chronisch ist und die antioxidativen Systeme überfordert sind.
Es gibt keine typischen, eindeutigen Symptome, weil oxidativer Stress eher ein Hintergrundmechanismus ist. Häufig steht er im Zusammenhang mit Entzündungen, Erschöpfung, Stoffwechselproblemen oder Organbelastungen, ohne dass er allein dafür verantwortlich sein muss.Woran merkt man oxidativen Stress?
Indirekt ja. In der Medizin und Forschung werden verschiedene Marker genutzt, zum Beispiel Oxidationsprodukte von Fetten oder DNA sowie Parameter des antioxidativen Systems. Welche Marker sinnvoll sind, hängt stark von Fragestellung und Labor ab.Kann man oxidativen Stress messen?
Nicht automatisch. Sinnvoll ist meist zuerst, die Quellen der Belastung zu reduzieren und die Grundlagen zu stabilisieren. Hochdosierte Antioxidantien können in bestimmten Situationen hilfreich sein, sind aber nicht grundsätzlich besser und sollten gezielt eingesetzt werden.Hilft es, einfach viele Antioxidantien zu supplementieren?
Der Alkoholabbau kann die Bildung reaktiver Sauerstoffverbindungen erhöhen und antioxidative Reserven belasten. Dadurch steigt die Wahrscheinlichkeit, dass das Gleichgewicht kippt, besonders bei regelmäßigem Konsum.Warum spielt Alkohol beim oxidativen Stress eine Rolle?
Dr. med. Bernd Guzek #
Arzt, Autor, Angehöriger & Mitbegründer von Alkohol adé
Beschäftigt sich seit vielen Jahren mit den biochemischen Grundlagen von Sucht und Hirnstoffwechselstörungen sowie deren Beeinflussung durch Nährstoffe.