Suchtverlagerung bezeichnet das Phänomen, dass eine bestehende Abhängigkeit nach Wegfall der ursprünglichen Substanz oder Verhaltensweise durch eine andere ersetzt wird. Die zugrunde liegende Dynamik bleibt bestehen, nur das „Objekt“ der Sucht wechselt.
Typisches Beispiel: Nach dem Stopp von Alkohol entwickelt jemand ein exzessives Spielverhalten, eine Medikamentenabhängigkeit oder eine zwanghafte Essstörung. Die innere Struktur der Abhängigkeit bleibt erhalten – sie sucht sich lediglich ein neues Ventil.
Wichtig ist die Abgrenzung: Nicht jede kompensatorische Gewohnheit ist bereits eine Suchtverlagerung.
Definition aus suchtmedizinischer Sicht #
Von einer Suchtverlagerung spricht man, wenn folgende Kriterien erfüllt sind:
- Kontrollverlust über das neue Verhalten
- Zwanghafte Wiederholung trotz negativer Folgen
- Toleranzentwicklung oder Dosissteigerung
- Psychische Fixierung auf das neue Objekt
- Fortbestehende Vermeidung unangenehmer Gefühle durch das Ersatzverhalten
Das zentrale Merkmal ist also nicht das konkrete Verhalten, sondern die unveränderte Abhängigkeitsstruktur.
Was Suchtverlagerung nicht ist #
Gerade in der frühen Abstinenzphase kommt es häufig zu Veränderungen im Essverhalten, im Medienkonsum oder in Alltagsroutinen. Das allein erfüllt noch keine Suchtkriterien.
Ein klassisches Beispiel aus der Alkoholentwöhnung:
„Seit ich nichts mehr trinke, esse ich plötzlich viel Schokolade.“
Ist das bereits Suchtverlagerung? In den meisten Fällen: nein.
Warum Heißhunger nach Alkoholstopp häufig normal ist #
Alkohol liefert erhebliche Mengen an schnell verfügbaren Kohlenhydraten. Ein Liter Bier enthält rund 40–50 g Kohlenhydrate. Süße Mixgetränke noch deutlich mehr.
Beim abrupten Wegfall kommt es zu:
- relativer Glukoseunterversorgung
- Schwankungen im Insulin- und Cortisolhaushalt
- Veränderungen im Dopamin- und Serotoninstoffwechsel
- gesteigertem Bedürfnis nach schnell verfügbarer Energie
Das Gehirn sucht rasch verfügbare Substrate. Zucker erfüllt diese Funktion. In der frühen Abstinenz ist das oft ein metabolischer Anpassungsprozess, keine psychische Ersatzsucht.
Bei vielen Betroffenen normalisiert sich das Essverhalten innerhalb von Wochen bis Monaten.
Wann wird es problematisch? #
Von einer Suchtverlagerung in Richtung Essen spricht man eher, wenn:
- Essanfälle heimlich stattfinden
- massive Gewichtszunahme mit Leidensdruck eintritt
- Schuld- und Schamgefühle dominieren
- das Essen dieselbe betäubende Funktion übernimmt wie zuvor der Alkohol
- soziale, gesundheitliche oder berufliche Konsequenzen ignoriert werden
Dann liegt nicht mehr nur eine Kohlenhydratkompensation vor, sondern eine strukturelle Verschiebung der Abhängigkeit.
Typische Formen der Suchtverlagerung #
- Alkohol → Glücksspiel
- Alkohol → Benzodiazepine
- Alkohol → exzessiver Sport
- Alkohol → Arbeitssucht
- Alkohol → zwanghafte Online-Aktivitäten
- Alkohol → Essstörungen
Entscheidend ist die Funktion: Dient das neue Verhalten primär der Emotionsregulation, Spannungsreduktion oder Selbstwertstabilisierung, bleibt die Grunddynamik erhalten.
Psychodynamischer Kern #
Abhängigkeit ist weniger ein Stoffproblem als ein Regulationsproblem.
Wer Alkohol zur Angst- oder Stressreduktion einsetzt, hat ein Defizit in der inneren Spannungsregulation. Wenn dieses nicht bearbeitet wird, sucht das System Ersatz.
Man ersetzt also nicht nur eine Substanz, sondern ein ganzes neurobiologisches Muster.
Fazit #
Nicht jedes Stück Schokolade nach dem Trinkstopp ist eine Suchtverlagerung.
In der frühen Abstinenz reagieren Stoffwechsel und Belohnungssystem oft mit kompensatorischem Verhalten. Das ist zunächst physiologisch erklärbar.
Von Suchtverlagerung spricht man erst dann, wenn die abhängige Struktur unverändert bestehen bleibt und sich lediglich ein neues Objekt sucht.
Ist Schokolade nach Alkoholstopp automatisch eine Suchtverlagerung?
Nein. In den ersten Wochen nach Abstinenz reagiert der Körper häufig mit verstärktem Bedürfnis nach Kohlenhydraten. Das ist meist ein metabolischer Ausgleich und keine strukturelle Ersatzsucht.
Typisch sind Kontrollverlust, Zwanghaftigkeit, fortgesetztes Verhalten trotz negativer Folgen und eine emotionale Fixierung auf das neue Objekt.Woran erkenne ich echte Suchtverlagerung?
Sie kommt vor, besonders wenn die zugrunde liegenden Stress- oder Emotionsregulationsmuster nicht bearbeitet werden. Sie ist jedoch kein zwingendes Schicksal jeder Abstinenz.Ist Suchtverlagerung häufig?
Ja. Durch bewusste Arbeit an Stressregulation, Selbstwert, sozialen Beziehungen und gesunden Routinen sinkt das Risiko deutlich.Kann man Suchtverlagerung verhindern?
Dr. med. Bernd Guzek #
Arzt, Autor, Angehöriger & Mitbegründer von Alkohol adé
Beschäftigt sich seit vielen Jahren mit den biochemischen Grundlagen von Sucht und Hirnstoffwechselstörungen sowie deren Beeinflussung durch Nährstoffe.