Definition #
Das Wort Sucht bezeichnet heute meist eine Abhängigkeit von einer Substanz oder einem Verhalten. Ursprünglich bedeutete es jedoch schlicht Krankheit oder schweres Leiden. Die heutige Bedeutung ist das Ergebnis eines langen sprachlichen Wandels.
Kommt „Sucht“ von „suchen“? #
Nein. Diese Erklärung ist falsch, auch wenn sie sich phonetisch anbietet und gelegentlich psychologisch oder spirituell ausgeschmückt wird. Sprachhistorisch besteht kein Zusammenhang zwischen „Sucht“ und „suchen“.
Sprachgeschichtlicher Ursprung #
Das Wort geht zurück auf althochdeutsch suht aus dem 8. Jahrhundert, teilweise auch als suft überliefert. Im Mittelhochdeutschen erscheint es als suht. Die ursprüngliche Bedeutung war Krankheit, schweres Leiden oder Siechtum. Im Mittelalter bezeichnete man damit oft konkrete Erkrankungen wie Pest, Fieber, Aussatz oder auch Tobsucht.
„Sucht“ gehört zur gleichen Wortfamilie wie das Adjektiv siech. Althochdeutsch lautete die Form sioh, mittelhochdeutsch siech. Die Bedeutung war krank, hinfällig, schwer leidend. Verwandt ist auch das Verb siechen (althochdeutsch siohhēn oder siuchan), das „krank sein“ oder „langsam dahinsiechen“ bedeutete. Der Kern des Wortes war also eindeutig körperliches Leiden.
Verwandte Wörter in anderen Sprachen #
Die Wortfamilie ist germanisch. Entsprechungen finden sich im Englischen mit sick und im Niederländischen mit ziek. Beide bedeuten schlicht „krank“. Auch hier zeigt sich: Der Ursprung liegt im Krankheitsbegriff, nicht im „Suchen“.
Der Bedeutungswandel #
Über viele Jahrhunderte blieb „Sucht“ ein allgemeiner Krankheitsbegriff. Man sprach von Fallsucht für Epilepsie oder von Schwindsucht für Tuberkulose. Erst allmählich, besonders ab dem 17. Jahrhundert, begann sich die Bedeutung zu verschieben.
Man verwendete das Wort zunehmend für Zustände, die man als krankhafte Gier oder unbeherrschbares Verlangen verstand. Daraus entwickelte sich die heutige Bedeutung: Sucht als Abhängigkeit. Entscheidend ist, dass der Krankheitsaspekt nie vollständig verschwand. Man sah diese Zustände weiterhin als Leiden an, nicht nur als moralisches Fehlverhalten.
Heutige Bedeutung #
Im modernen medizinischen Sprachgebrauch spricht man häufiger von Abhängigkeitserkrankung oder Substanzgebrauchsstörung. Der Begriff „Sucht“ ist historisch stark emotional gefärbt und wird in Fachtexten teilweise vermieden. Im allgemeinen Sprachgebrauch ist er jedoch fest verankert.
Heute beschreibt Sucht typischerweise einen Zustand mit Kontrollverlust, starkem Verlangen, fortgesetztem Konsum trotz schädlicher Folgen sowie körperlicher oder psychischer Abhängigkeit. Sprachgeschichtlich schließt sich damit ein Kreis: Auch in seiner modernen Bedeutung bleibt Sucht ein Begriff für Krankheit.
Warum die Wortgeschichte relevant ist #
Die Herkunft des Wortes macht deutlich, dass „Sucht“ ursprünglich kein moralisches Urteil war. Es bezeichnete ein Leiden. Diese Perspektive hilft, Abhängigkeit als Erkrankung zu verstehen und nicht als Charakterschwäche.
- 8. Jahrhundert: Althochdeutsch „suht“ = Krankheit, schweres Leiden.
- Mittelalter: Bezeichnung für konkrete Krankheiten wie Pest, Fieber oder „Fallsucht“ (Epilepsie).
- Wortfamilie: Verwandt mit „siech“, „siechen“, englisch „sick“, niederländisch „ziek“.
- Kein Zusammenhang mit dem Verb „suchen“.
- Neuzeit: Bedeutungswandel zu krankhaftem, unkontrollierbarem Verlangen – der Krankheitsaspekt bleibt erhalten.
Dr. med. Bernd Guzek #
Arzt, Autor, Angehöriger & Mitbegründer von Alkohol adé
Beschäftigt sich seit vielen Jahren mit den biochemischen Grundlagen von Sucht und Hirnstoffwechselstörungen sowie deren Beeinflussung durch Nährstoffe.