Naltrexon ist ein Arzneistoff aus der Gruppe der Opioid-Antagonisten. Das bedeutet: Er blockiert bestimmte Rezeptoren im Gehirn, an denen normalerweise körpereigene Endorphine andocken. Genau diese Endorphine sind ein wesentlicher Grund dafür, dass Alkohol sich gut anfühlt. Wenn Naltrexon diese Andockstellen besetzt hält, kommt das Belohnungssignal nicht mehr durch. Der Alkohol wird getrunken, aber das gewohnte Wohlgefühl bleibt aus.
Naltrexon wird in der Suchtmedizin vor allem zur Unterstützung der Rückfallprävention bei Alkoholkonsumstörungeingesetzt. In Deutschland ist es unter dem Handelsnamen Adepend zugelassen, in den USA und anderen Ländern auch unter dem Namen ReVia (Tabletten) und Vivitrol (Depot-Injektion). Es ist eines der wenigen Medikamente, die speziell für die Behandlung der Alkoholabhängigkeit zugelassen sind, neben Acamprosat und Disulfiram.
Wie Naltrexon im Gehirn wirkt #
Um den Wirkmechanismus zu verstehen, hilft ein kurzer Blick auf das, was beim Trinken normalerweise passiert. Alkohol löst im Gehirn die Ausschüttung von Endorphinen aus. Diese körpereigenen Opioide docken an den sogenannten μ-Opioidrezeptoren an und erzeugen ein Gefühl von Wohlbefinden und Entspannung. Gleichzeitig wird über diesen Weg im Nucleus accumbens vermehrt Dopamin freigesetzt, der zentrale Botenstoff des Belohnungssystems. Diese Dopamin-Ausschüttung ist es, die das Gehirn dazu bringt, die Erfahrung als lohnend abzuspeichern und sie wiederholen zu wollen. So entsteht über die Zeit ein Suchtgedächtnis.
Naltrexon setzt genau an dieser Stelle an. Es besetzt die μ-Opioidrezeptoren, ohne sie zu aktivieren. Die Endorphine werden zwar weiterhin ausgeschüttet, finden aber keine freien Andockstellen mehr vor. In der Folge bleibt die gewohnte Belohnungskaskade aus: weniger Dopamin-Ausschüttung, weniger Wohlgefühl, weniger Antrieb zum Weitertrinken. Vereinfacht gesagt: Der Alkohol schmeckt noch, aber er „macht nichts mehr” im Kopf.
Dieser Mechanismus wirkt sich auf zwei Ebenen aus. Kurzfristig kann er dazu beitragen, dass das Craving (der Saufdruck) schwächer wird, weil die erwartete Belohnung ausbleibt. Langfristig kann das Gehirn durch die wiederholte Erfahrung, dass Alkohol keine Belohnung mehr bringt, die Verknüpfung zwischen Trinken und Wohlgefühl abschwächen. Fachleute nennen diesen Vorgang pharmakologische Extinktion, also ein medikamentengestütztes Verlernen der Belohnungserwartung.
Darreichungsformen und Dosierung #
Naltrexon wird in zwei Darreichungsformen eingesetzt:
Oral als Tablette: Die übliche Dosierung beträgt 50 mg einmal täglich. In Deutschland ist dafür das Präparat Adepend zugelassen. Die Einnahme erfolgt in der Regel während oder nach einer Mahlzeit, um Magenverträglichkeit zu verbessern. Bei manchen Patienten wird die Dosis in der ersten Woche auf 25 mg reduziert, um Nebenwirkungen abzumildern.
Als Depot-Injektion (intramuskulär): Unter dem Handelsnamen Vivitrol wird in den USA eine monatliche Depot-Injektion mit 380 mg Naltrexon angeboten. Der Wirkstoff wird dabei in den Gesäßmuskel injiziert und über vier Wochen gleichmäßig freigesetzt. Diese Form ist besonders geeignet für Betroffene, bei denen die tägliche Tabletteneinnahme nicht zuverlässig klappt. In Deutschland und Österreich ist Vivitrol derzeit nicht zugelassen.
Die Sinclair-Methode (TSM) #
Eine besondere Anwendungsform von Naltrexon ist die sogenannte Sinclair-Methode, benannt nach dem finnisch-amerikanischen Forscher John David Sinclair. Sein Ansatz unterscheidet sich grundlegend von der klassischen Verordnung: Statt Naltrexon täglich einzunehmen und gleichzeitig abstinent zu leben, wird das Medikament bei der Sinclair-Methode gezielt nur dann eingenommen, wenn getrunken wird, und zwar etwa eine Stunde vor dem ersten Glas.
Die Idee dahinter: Wenn Alkohol unter Naltrexon-Wirkung getrunken wird, bleibt die erwartete Belohnung aus. Das Gehirn speichert diese Erfahrung ab. Über Wochen und Monate soll so die erlernte Verknüpfung zwischen Trinken und Belohnung schrittweise gelöscht werden. Sinclair nannte diesen Vorgang pharmakologische Extinktion und stützte sich dabei auf Prinzipien der klassischen Konditionierung. An Tagen, an denen nicht getrunken wird, wird das Medikament bewusst nicht genommen, damit natürliche Belohnungsreaktionen auf andere Aktivitäten erhalten bleiben.
Die Sinclair-Methode ist wissenschaftlich nicht unumstritten. Es gibt Studien, die vielversprechende Ergebnisse zeigen, insbesondere bei der Reduktion der Trinkmenge. Gleichzeitig wird die Methode von vielen Suchtmedizinern kritisch gesehen, weil sie ein kontrolliertes Weitertrinken voraussetzt und damit das Ziel der vollständigen Abstinenz nicht in den Vordergrund stellt. In Deutschland ist die Sinclair-Methode keine anerkannte Standardtherapie, wird aber von einzelnen Ärzten und Betroffenen praktiziert.
Naltrexon und Naloxon – was ist der Unterschied? #
Die Namen klingen ähnlich, und beide Substanzen sind Opioid-Antagonisten. Trotzdem unterscheiden sie sich in wichtigen Punkten. Naltrexon wird oral eingenommen oder als Depot gespritzt und wirkt über Stunden bis Tage. Es wird in der Suchtbehandlung zur Rückfallprävention bei Alkohol- und Opioidabhängigkeit eingesetzt.
Naloxon dagegen wird vor allem als Notfallmedikament bei Opioid-Überdosierungen verwendet. Es wird meist intravenös oder als Nasenspray verabreicht und wirkt innerhalb von Minuten, seine Wirkdauer ist aber deutlich kürzer als die von Naltrexon. Im Alltag der Alkoholtherapie spielt Naloxon keine Rolle. Es kommt allerdings als Kombinationspartner in manchen Opioid-Medikamenten vor (zum Beispiel in Suboxone zusammen mit Buprenorphin), um Missbrauch zu erschweren.
Nebenwirkungen #
Naltrexon wird insgesamt als gut verträglich eingestuft. Die häufigsten Nebenwirkungen betreffen den Magen-Darm-Trakt: Übelkeit (besonders in den ersten Tagen), Bauchschmerzen, Appetitlosigkeit und gelegentlich Durchfall. Daneben berichten manche Betroffene über Kopfschmerzen, Müdigkeit, Schlafstörungen oder innere Unruhe.
Da Naltrexon über die Leber abgebaut wird, kann es in höheren Dosierungen leberschädigend wirken. Vor Beginn einer Naltrexon-Behandlung wird daher in der Regel eine Überprüfung der Leberwerte empfohlen, und die Leberfunktion sollte während der Einnahme regelmäßig kontrolliert werden.
Ein wichtiger Punkt, der selten zur Sprache kommt: Weil Naltrexon die Opioidrezeptoren blockiert, kann es auch die natürliche Endorphinwirkung im Alltag dämpfen. Manche Betroffene beschreiben, dass positive Erlebnisse wie Sport, soziale Kontakte oder Essen unter Naltrexon etwas abgeflachter empfunden werden. Dieses Phänomen ist individuell sehr unterschiedlich ausgeprägt und steht in einem gewissen Spannungsverhältnis zu der ebenfalls möglichen Erholung des Belohnungssystems durch Abstinenz und Neuroplastizität.
Wann Naltrexon nicht eingenommen werden darf #
Naltrexon darf nicht eingenommen werden, wenn gleichzeitig Opioide eingenommen werden, egal ob als Schmerzmittel, als Substitutionsbehandlung (z. B. Methadon) oder als illegale Substanz. Naltrexon würde die Opioidwirkung schlagartig aufheben und einen akuten Entzug auslösen, der lebensbedrohlich sein kann.
Weitere Gegenanzeigen sind schwere Leberschäden (etwa bei fortgeschrittener Leberzirrhose), akute Hepatitis und eine bekannte Überempfindlichkeit gegen den Wirkstoff. Auch während der Schwangerschaft und Stillzeit wird von der Einnahme abgeraten, da die Datenlage zur Sicherheit unzureichend ist.
Stellenwert in der Behandlung von Alkoholabhängigkeit #
Naltrexon ist in den aktuellen S3-Leitlinien der deutschen Suchtmedizin als eine Behandlungsoption zur Rückfallprävention aufgeführt. Die Studienlage zeigt, dass Naltrexon vor allem die Häufigkeit von Rückfällen zum schweren Trinken (heavy drinking days) reduzieren kann. Die Wirkung auf die vollständige Abstinenzrate ist in Studien weniger eindeutig.
Wichtig ist: Naltrexon wirkt nicht isoliert. Es ist kein Medikament, das Alkoholabhängigkeit allein heilt. Die besten Ergebnisse zeigen sich in Studien, wenn Naltrexon mit psychotherapeutischer Begleitung kombiniert wird, etwa mit kognitiver Verhaltenstherapie, motivierender Gesprächsführung oder einem strukturierten Rückfallpräventionsprogramm.
Im Vergleich zu Acamprosat, das vor allem das glutamaterge System stabilisiert und damit die innere Unruhe nach dem Aufhören dämpft, setzt Naltrexon am Belohnungssystem an. Beide Medikamente verfolgen also unterschiedliche Ansätze und können bei unterschiedlichen Betroffenen unterschiedlich gut wirken. Disulfiram wiederum arbeitet mit einem ganz anderen Prinzip: Es blockiert den Alkoholabbau und erzeugt bei Konsum massive körperliche Beschwerden als Abschreckung. Neuere Forschung untersucht zudem den möglichen Nutzen von Semaglutid und Baclofen bei Alkoholabhängigkeit.
Häufig gestellte Fragen zu Naltrexon (FAQ) #
Was macht Naltrexon genau?
Naltrexon blockiert die Opioidrezeptoren im Gehirn. Dadurch können die beim Trinken ausgeschütteten Endorphine ihre belohnende Wirkung nicht mehr entfalten. Das gewohnte Wohlgefühl durch Alkohol bleibt aus, was den Saufdruck verringern und langfristig die erlernte Verknüpfung zwischen Trinken und Belohnung abschwächen kann.
Macht Naltrexon nüchtern oder verhindert es einen Rausch?
Naltrexon verhindert nicht die berauschende Wirkung von Alkohol. Man kann unter Naltrexon betrunken werden und auch die motorischen und kognitiven Einschränkungen spüren. Was ausbleibt, ist vor allem das Belohnungsgefühl, also das Wohlbefinden und die Entspannung, die Alkohol normalerweise über das Endorphinsystem auslöst.
Was ist die Sinclair-Methode?
Die Sinclair-Methode sieht vor, Naltrexon gezielt etwa eine Stunde vor dem Trinken einzunehmen, statt es täglich zu schlucken. Die Idee: Wenn Alkohol wiederholt ohne Belohnungseffekt getrunken wird, verlernt das Gehirn die Verknüpfung zwischen Trinken und Belohnung. Die Methode ist wissenschaftlich nicht unumstritten und gehört in Deutschland nicht zur Standardbehandlung.
Was ist der Unterschied zwischen Naltrexon und Naloxon?
Beide blockieren Opioidrezeptoren, unterscheiden sich aber in Anwendung und Wirkdauer. Naltrexon wird als Tablette oder Monatsspritze zur Rückfallprävention bei Alkohol- und Opioidabhängigkeit eingesetzt. Naloxon dagegen ist ein Notfallmedikament bei Opioid-Überdosierungen und wirkt nur kurz. In der Alkoholtherapie spielt Naloxon keine Rolle.
Darf man Naltrexon bei Leberproblemen nehmen?
Naltrexon wird über die Leber abgebaut und kann in höheren Dosen leberschädigend wirken. Bei schweren Lebererkrankungen wie einer fortgeschrittenen Leberzirrhose oder akuter Hepatitis darf es nicht eingenommen werden. Vor Therapiebeginn und regelmäßig während der Einnahme sollten die Leberwerte ärztlich kontrolliert werden.
Quellen und weiterführende Informationen #
Kranzler, H.R., Soyka, M. (2018): Diagnosis and Pharmacotherapy of Alcohol Use Disorder: A Review. JAMA, 320(8), 815–824.
Anton, R.F. et al. (2006): Combined Pharmacotherapies and Behavioral Interventions for Alcohol Dependence: The COMBINE Study. JAMA, 295(17), 2003–2017.
Sinclair, J.D. (2001): Evidence about the use of naltrexone and for different ways of using it in the treatment of alcoholism. Alcohol and Alcoholism, 36(1), 2–10.
S3-Leitlinie „Screening, Diagnose und Behandlung alkoholbezogener Störungen” (AWMF), aktuelle Fassung.
Fachinformation Adepend (Naltrexon), aktueller Stand.

