Die Myopathie durch Alkohol, medizinisch alkoholische Myopathie, ist eine Erkrankung der Skelettmuskulatur, die durch die giftige Wirkung von Alkohol entsteht. Sie gehört zu den häufigsten Muskelerkrankungen überhaupt und betrifft je nach Untersuchung ein bis zwei Drittel der Menschen mit langjährigem Alkoholmissbrauch. Typisch ist eine schleichende, meist schmerzlose Schwäche der körpernahen Muskeln an Oberschenkeln, Hüfte und Schultern.
Was bedeutet Myopathie durch Alkohol? #
Das Wort Myopathie setzt sich aus den griechischen Begriffen „myos“ für Muskel und „pathos“ für Leiden zusammen. Gemeint ist eine Erkrankung, die im Muskel selbst sitzt und nicht in den Nerven, die ihn steuern. In der internationalen Klassifikation der Krankheiten (ICD-10) hat die Alkoholmyopathie einen eigenen Code, G72.1. Trotz ihrer Häufigkeit wird sie im Alltag selten erkannt, weil die Beschwerden lange unauffällig bleiben und eher dem Alter oder mangelnder Bewegung zugeschrieben werden.
Alkohol kann auch den Herzmuskel schädigen. Diese Form heißt alkoholische Kardiomyopathie und wird als eigenes Krankheitsbild betrachtet. Mehr dazu im Beitrag über die alkoholische Kardiomyopathie.
Chronische und akute alkoholische Myopathie #
Die Medizin unterscheidet zwei Formen, die beim selben Menschen auch nebeneinander oder abwechselnd auftreten können.
Die chronische Form #
Die chronische alkoholische Myopathie ist die weitaus häufigere. Sie entwickelt sich über Jahre, in der Regel erst nach rund zehn Jahren schweren Trinkens. Die Muskeln werden dünner, die Kraft lässt nach, Schmerzen gibt es meist keine. Betroffene können bis zu einem Fünftel ihrer gesamten Muskelmasse verlieren. Unter dem Mikroskop zeigt sich vor allem ein Schwund der schnellen Kraftfasern, der sogenannten Typ-II-Fasern. Diese Fasern liefern kurze, kräftige Schübe, etwa beim Aufstehen oder Treppensteigen.
Die akute Form #
Die akute alkoholische Myopathie tritt nach einem massiven Trinkexzess auf, innerhalb von Stunden bis Tagen. Die Muskeln schmerzen, schwellen an und werden schwach. In schweren Fällen gehen Muskelzellen massenhaft zugrunde. Mediziner nennen das Rhabdomyolyse. Der freigesetzte Muskelfarbstoff Myoglobin kann die Nieren verstopfen, und austretendes Kalium kann das Herz aus dem Takt bringen. Dunkler, colafarbener Urin nach einem Absturz ist deshalb ein Notfall. Leichtere akute Formen bilden sich bei Abstinenz meist innerhalb von zwei Wochen zurück. Eine Sonderform entsteht durch Kaliummangel, etwa nach häufigem Erbrechen.

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Folgende Beschwerden können auf eine Rhabdomyolyse hindeuten:
- Starke Muskelschmerzen
- Geschwollene oder druckempfindliche Muskeln
- Plötzliche Schwäche in Armen oder Beinen
- Dunkler, colafarbener Urin
- Auffallend wenig Urin
Nicht abwarten und nicht ausschlafen!
Diese Zeichen können auf eine Rhabdomyolyse hindeuten. Ruf den Notruf 112 oder lass Dich sofort in die Notaufnahme bringen.
Je früher die Nieren geschützt werden, desto besser.
Wie Alkohol die Muskulatur schädigt #
Muskeln werden ständig umgebaut. Jeden Tag baut der Körper alte Eiweiße ab und neue ein. Solange Abbau und Aufbau im Gleichgewicht sind, bleibt der Muskel gleich groß. Alkohol verschiebt dieses Gleichgewicht in Richtung Abbau.
Zum einen bremst Alkohol den Neubau. Der Wachstumsfaktor IGF-1 wirkt schwächer, während Myostatin, die körpereigene Bremse für Muskelwachstum, zunimmt. Auch die Schaltzentrale mTOR, die normalerweise auf Training und auf Eiweißbausteine wie Leucin mit Muskelaufbau reagiert, wird gedämpft. Acetaldehyd, das giftige Zwischenprodukt des Alkoholabbaus, stört die Eiweißherstellung in den Muskelzellen zusätzlich. Schon ein einzelner Trinkabend kann den Muskelaufbau nach dem Training messbar senken.
Zum anderen hält chronischer Alkoholkonsum den Muskel in einem Dauerzustand aus Entzündung und oxidativem Stress. Aggressive Sauerstoffverbindungen greifen dabei Zellbestandteile an, auch die Kraftwerke der Zelle, die Mitochondrien. Nach heutigem Wissen ist dieses Milieu einer der wichtigsten Treiber des Muskelschwunds.
Hinzu kommen Mängel, die bei starkem Trinken häufig sind. Ohne Vitamin B1 können Zellen Zucker kaum in Energie umwandeln, und Muskeln gehören zu den großen Energieverbrauchern. Ein Mangel an Vitamin D schwächt für sich genommen die körpernahen Muskeln. Niedrige Werte bei Kalium, Magnesium und Phosphat machen die Muskelzellen anfälliger. Außerdem senkt Alkohol den Spiegel von Testosteron, einem der wichtigsten Muskelhormone.
Einflussfaktoren: Menge, Dauer und Geschlecht #
Entscheidend ist die Gesamtmenge Alkohol, die ein Mensch im Laufe seines Lebens getrunken hat. Je höher sie ist, desto schwächer werden die Muskeln. Eine schlechte Ernährung verstärkt den Effekt, weil dem Muskel dann auch das Baumaterial fehlt.
Frauen sind empfindlicher. In einer Studie aus Barcelona hatten alkoholkranke Frauen nur rund 60 Prozent der Lebenstrinkmenge der Männer erreicht. Muskelerkrankungen fanden sich bei ihnen trotzdem genauso häufig. Das passt zu einem allgemeinen Muster, das in der Suchtmedizin als Telescoping-Phänomen bekannt ist: Bei Frauen treten Folgeschäden nach kürzerer Zeit und geringeren Mengen auf.
Symptome und Diagnose der alkoholischen Myopathie #
Typische Anzeichen sind Mühe beim Treppensteigen, beim Aufstehen aus einem tiefen Sessel oder beim Heben der Arme über den Kopf. Das Gefühl in Armen und Beinen bleibt dabei normal. Viele Betroffene merken jahrelang nichts. Britische Ärzte fanden bei 60 Prozent von 151 Klinikpatienten mit langjährigem schwerem Alkoholkonsum krankhaft verändertes Muskelgewebe, und ob jemand über Beschwerden klagte, sagte über den Befund kaum etwas aus.
Am Anfang der Diagnose steht ein ehrliches Gespräch über die Trinkmenge. Danach prüft der Arzt die Kraft der rumpfnahen Muskeln. Im Blut wird die Kreatinkinase (CK) bestimmt, ein Enzym, das bei Muskelzerfall austritt. Bei der akuten Form ist sie oft stark erhöht, bei der chronischen Form häufig normal. Dazu kommen Elektrolyte, Leberwerte und Vitaminspiegel. Eine Messung der Muskelaktivität (EMG) und der Nervenleitung hilft, Muskel- und Nervenschäden auseinanderzuhalten. Eine Gewebeprobe ist nur selten nötig.
Ähnliche Beschwerden können auch andere Ursachen haben, etwa Schilddrüsenstörungen oder Medikamente wie Kortison und bestimmte Cholesterinsenker. Auch ein dauerhaft erhöhter Cortisolspiegel, wie er bei starkem Trinken vorkommt, schwächt die körpernahen Muskeln. Diese Möglichkeiten sollte ein Arzt ausschließen.
Abgrenzung zur Polyneuropathie #
Alkohol schädigt häufig Muskeln und Nerven gleichzeitig. Die Polyneuropathie durch Alkohol beginnt ganz außen, an Zehen und Füßen, mit Kribbeln, Brennen oder Taubheit. Die Myopathie beginnt in der Körpermitte, an Oberschenkeln und Schultern, ohne Gefühlsstörungen. Als Merksatz gilt: Die Nerven melden sich von außen, die Muskeln von innen. Lange war umstritten, ob die Muskelschwäche von Trinkern nicht allein auf Nervenschäden zurückgeht. Heute gilt die alkoholische Myopathie als eigenständige Erkrankung.

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Nerven melden sich von außen:
Kribbeln, Brennen oder Taubheit an Zehen und Füßen sprechen für die Nerven, also für eine Polyneuropathie.
Muskeln melden sich von innen:
Kraftlosigkeit an Oberschenkeln und Schultern bei normalem Gefühl spricht für die Muskeln, also für eine Myopathie.
Merksatz: Die Nerven melden sich von außen, die Muskeln von innen.
Beides kann gleichzeitig vorkommen. Klären kann es nur eine ärztliche Untersuchung.
Bedeutung für Alkoholabhängige #
Die Myopathie durch Alkohol ist mehr als ein kosmetisches Problem. Schwache Oberschenkel erhöhen das Risiko für Stürze, und Stürze sind bei Menschen mit Alkoholproblem ohnehin häufig. Mit der Muskelmasse schwindet außerdem ein wichtiges Stoffwechselorgan, das Blutzucker aufnimmt und Energie verbraucht.
In den ersten Wochen der Abstinenz wird eine bestehende Muskelschwäche oft übersehen. Viele halten die Kraftlosigkeit für eine Folge des Entzugs oder für allgemeine Müdigkeit nach dem Alkoholentzug. Wer auch nach Wochen noch schwer vom Stuhl hochkommt, sollte das ärztlich abklären lassen und dabei offen über den früheren Alkoholkonsum sprechen.
Erholung nach dem Aufhören #
Die chronische alkoholische Myopathie ist teilweise umkehrbar. In einer Fünfjahresstudie aus Barcelona stieg die Muskelkraft von 30 abstinent gewordenen Patienten im Schnitt von 18,6 auf 23,2 Kilogramm. Bei 20 Patienten, die weitertranken, sank sie von 21,7 auf 18,2 Kilogramm. Fast die Hälfte der Abstinenten erreichte allerdings auch nach fünf Jahren keine normalen Werte mehr. Je früher jemand aufhört, desto mehr Muskel ist noch vorhanden, auf dem sich aufbauen lässt.
Für den Wiederaufbau braucht der Muskel Material und Reize. Eine ausreichende Versorgung mit Eiweiß und Kalorien ist in den ersten Monaten besonders wichtig. Gezielte Kraftübungen für Beine und Schultern geben dem Muskel den Auftrag zu wachsen. Wenn auch das Herz betroffen sein könnte, sollte vorher ein Arzt zustimmen. Nährstoffmängel lassen sich per Blutuntersuchung erkennen und ärztlich ausgleichen. Welche Nährstoffe typischerweise fehlen, erklärt der Überblick zum Vitaminmangel bei Alkoholikern. Akute Veränderungen bilden sich in Tagen bis Wochen zurück, der Wiederaufbau nach der chronischen Form dauert Monate, manchmal Jahre.
Ausführlich mit Alltagsbeispielen und Warnzeichen beschreibt der Blogbeitrag über Muskelschwäche durch Alkohol das Thema. Tausche Dich mit anderen Betroffenen in unserem Alkoholiker-Forum aus.
Quellen #
- Simon L, Jolley SE, Molina PE (2017): „Alcoholic Myopathy: Pathophysiologic Mechanisms and Clinical Implications.“ Alcohol Research: Current Reviews, 38(2).
- Urbano-Márquez A et al. (1995): „The greater risk of alcoholic cardiomyopathy and myopathy in women compared with men.“ JAMA, 274(2).
- Estruch R et al. (1998): „Natural history of alcoholic myopathy: a 5-year study.“ Alcoholism: Clinical and Experimental Research, 22(9).
- Parr EB et al. (2014): „Alcohol ingestion impairs maximal post-exercise rates of myofibrillar protein synthesis following a single bout of concurrent training.“ PLoS One, 9(2).
- Martin F, Ward K, Slavin G, Levi J, Peters TJ (1985): „Alcoholic skeletal myopathy, a clinical and pathological study.“ Quarterly Journal of Medicine.
- Nemirovskaya TL et al. (2015): „Development of clinical and morphological signs of chronic alcoholic myopathy in men with prolonged alcohol intoxication.“ Human Physiology, 41(6).
Häufige Fragen zur Myopathie durch Alkohol #
Die alkoholische Myopathie ist eine Erkrankung der Skelettmuskulatur, die durch langjährigen oder massiven Alkoholkonsum entsteht. Die chronische Form entwickelt sich über Jahre und führt zu schmerzlosem Muskelschwund an Oberschenkeln und Schultern. Die akute Form tritt nach einem schweren Trinkexzess auf und kann bis zum lebensgefährlichen Muskelzerfall reichen.Was ist eine alkoholische Myopathie?
Betroffen sind vor allem die körpernahen Muskeln an Oberschenkeln, Hüfte und Schultern. Innerhalb dieser Muskeln schwinden besonders die schnellen Kraftfasern. Deshalb fallen zuerst Treppensteigen, Aufstehen und Arbeiten über Kopf schwer.Welche Muskeln sind bei einer Myopathie durch Alkohol betroffen?
Die Kreatinkinase tritt vor allem dann ins Blut über, wenn Muskelzellen plötzlich zerfallen. Das ist bei der akuten Form der Fall. Bei der chronischen Form schrumpfen die Fasern langsam, ohne dass viele Zellen auf einmal zugrunde gehen. Ein normaler CK-Wert schließt eine chronische alkoholische Myopathie deshalb nicht aus.Warum ist der CK-Wert bei alkoholischer Myopathie oft normal?
Akute Muskelschäden bilden sich bei Abstinenz meist innerhalb von Tagen bis Wochen zurück. Der Wiederaufbau nach der chronischen Form dauert Monate bis Jahre. In einer Fünfjahresstudie besserte sich die Kraft bei den meisten Abstinenten deutlich, fast die Hälfte erreichte aber keine ganz normalen Werte mehr.Wie lange dauert es, bis sich die Muskeln nach dem Aufhören erholen?