ADHS und Sucht treten so häufig gemeinsam auf, dass Fachleute von einer der stärksten Verbindungen in der gesamten Psychiatrie sprechen. Rund ein Viertel aller Menschen mit einer Alkoholkonsumstörung hat ein nicht erkanntes ADHS im Hintergrund. Umgekehrt entwickeln bis zu drei Viertel der Erwachsenen mit unbehandeltem ADHS irgendwann im Leben eine Substanzgebrauchsstörung. Dieser Artikel erklärt, warum die beiden Erkrankungen so eng zusammenhängen und was das für Betroffene bedeutet.
Was ist ADHS? #
ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung) ist eine neurobiologische Entwicklungsstörung. Sie entsteht nicht durch Erziehungsfehler oder mangelnde Disziplin, sondern durch messbare Unterschiede in der Hirnstruktur und im Stoffwechsel der Neurotransmitter. Im Kern fehlt es dem ADHS-Gehirn an Dopamin und Noradrenalin – genau dort, wo Aufmerksamkeit, Impulskontrolle und Handlungsplanung gesteuert werden: im präfrontalen Kortex.
ADHS betrifft nicht nur Kinder. Mindestens die Hälfte aller Betroffenen nimmt die Störung mit ins Erwachsenenalter. Viele erhalten ihre Diagnose erst mit 30, 40 oder noch später, weil vor allem die unaufmerksame Form (früher ADS genannt) bei Mädchen und Frauen jahrzehntelang übersehen wurde.
Warum ADHS und Alkohol so oft zusammentreffen #
Der Zusammenhang zwischen ADHS und Alkohol hat biochemische Ursachen. Im ADHS-Gehirn ist der Dopaminspiegel chronisch zu niedrig. Die Rücktransporter in den Synapsen arbeiten zu schnell, die Dopaminproduktion ist oft gedrosselt, und die Freisetzung läuft unzuverlässig. Das Belohnungssystem im Nucleus accumbens bekommt deshalb permanent zu wenig Signal. Die Folge: Motivation kommt und geht, Alltagsaufgaben wirken wie eine Mauer, und am Ende des Tages fühlt sich das Gehirn völlig ausgelaugt.
Alkohol schüttet Dopamin in großen Mengen aus. Für einen ADHSler fühlt sich das erste Glas deshalb nicht nach Party an, sondern nach Erleichterung. Plötzlich ordnen sich die Gedanken. Der innere Lärm wird leiser. Das Gehirn bekommt endlich den Treibstoff, der ihm den ganzen Tag gefehlt hat.
Dazu kommt ein zweiter Mechanismus: Alkohol verstärkt die Wirkung von GABA, dem wichtigsten beruhigenden Botenstoff im Gehirn. Beim ADHS greift diese körpereigene Bremse zu schwach. Das Gehirn kann abends nicht herunterfahren, das Kopfkino läuft auf Hochtouren. Alkohol liefert dann die Entspannung, die aus eigener Kraft nicht gelingt. So entsteht eine Selbstmedikation, die biochemisch nachvollziehbar ist, aber langfristig in die Abhängigkeit führt.
ADHS und andere Süchte #
Alkohol ist zwar die häufigste Suchtsubstanz bei Erwachsenen mit ADHS, aber bei weitem nicht die einzige. Auch Nikotin, Cannabis, Kokain und Amphetamine kommen überproportional häufig vor. Der gemeinsame Nenner ist immer derselbe: Alle diese Substanzen greifen in das dopaminabhängige System ein und gleichen den chronischen Mangel kurzfristig aus. Nikotin etwa aktiviert Dopaminrezeptoren im mesolimbischen System innerhalb von Sekunden. Kokain blockiert den Dopamintransporter und hält den Botenstoff im synaptischen Spalt. Cannabis wirkt zusätzlich über das Endocannabinoid-System und dämpft Reizüberflutung.
Das Risiko einer Suchtverlagerung ist bei ADHSlern deshalb besonders hoch. Wer den Alkohol weglässt, aber den Dopaminmangel nicht behandelt, greift nicht selten unbewusst zur nächsten verfügbaren Substanz oder zu Verhaltenssüchten wie exzessivem Glücksspiel oder Onlinekonsum – was sich auch bei vielen ADHS-Betroffenen findet.
Warum die gängige Suchttherapie oft scheitert #
Die klassische Suchttherapie setzt auf Selbstbeobachtung, Achtsamkeit, Tagebuchführung und langes Zuhören in Gruppensitzungen. Genau das sind Fähigkeiten, die beim ADHS strukturell beeinträchtigt sind. Impulskontrolle, fokussiertes Zuhören, Routinen einhalten, längerfristig planen – alles, was eine Standardtherapie voraussetzt, ist für das ADHS-Gehirn Schwerstarbeit.
Das Ergebnis: hohe Abbruchraten und das Gefühl bei Betroffenen, „wieder einmal versagt” zu haben. Studien zeigen jedoch, dass ADHSler mit angepasster Behandlung und ADHS-Medikation viermal länger in der Therapie bleiben. Die Medikamente behandeln nicht die Sucht selbst, sondern schaffen die Voraussetzung, dass eine Rückfallprävention überhaupt greifen kann.
ADHS erkennen: Der erste Schritt #
Die wichtigste Erkenntnis lautet: Wer trotz wiederholter Versuche vom Alkohol nicht loskommt und nicht versteht warum, sollte ein unerkanntes ADHS in Betracht ziehen. Auf Alkohol adé gibt es einen ADHS-Selbsttest, der erste Hinweise geben kann. Er ersetzt keine ärztliche Diagnose, kann aber der Anstoß sein, der alles verändert.
Einen ausführlichen Artikel mit der kompletten Neurobiologie und konkreten Strategien findest Du in unserem Blogbeitrag „Warum jeder vierte Alkoholiker ein unerkanntes ADHS hat”. Unser Buch „Suchtrisiko ADHS – Wenn das Gehirn nicht anders kann” geht noch tiefer ins Thema.
Tausche Dich mit anderen Betroffenen in unserem Alkoholiker-Forum aus.
Häufig gestellte Fragen zu ADHS und Sucht #
Wie hängen ADHS und Alkoholsucht zusammen?
ADHS geht mit einem chronischen Dopaminmangel im Gehirn einher. Alkohol schüttet kurzfristig große Mengen Dopamin aus und gleicht diesen Mangel vorübergehend aus. Viele ADHSler nutzen Alkohol deshalb unbewusst als Selbstmedikation, oft lange bevor sie wissen, dass sie ein ADHS haben.
Welche Süchte treten bei ADHS besonders häufig auf?
Neben Alkohol sind vor allem Nikotin, Cannabis, Kokain und Amphetamine überproportional häufig. Der gemeinsame Nenner: Alle diese Substanzen gleichen den Dopaminmangel im Gehirn kurzfristig aus. Auch Verhaltenssüchte wie Glücksspiel oder exzessiver Medienkonsum kommen gehäuft vor.
Warum scheitert die übliche Suchttherapie bei ADHSlern?
Die klassische Suchttherapie setzt auf Selbstbeobachtung, Tagebuchführung und langes Zuhören in Gruppen. Das sind genau die Fähigkeiten, die beim ADHS-Gehirn strukturell beeinträchtigt sind. Betroffene brechen deshalb deutlich häufiger ab, wenn das ADHS nicht gleichzeitig behandelt wird.
Helfen ADHS-Medikamente gegen Alkoholsucht?
ADHS-Medikamente behandeln nicht die Sucht selbst, schaffen aber die Voraussetzung, dass eine Suchttherapie überhaupt greifen kann. Studien zeigen, dass Betroffene mit ADHS-Medikation viermal länger in der Behandlung bleiben als ohne.
Wie kann ich herausfinden, ob ich ADHS habe?
Ein erster Hinweis kann der kostenlose ADHS-Selbsttest auf alkohol-ade.com geben. Er ersetzt keine ärztliche Diagnose, kann aber der Anstoß sein, das Thema mit einem Facharzt für Psychiatrie zu besprechen. Eine gesicherte Diagnose erfolgt dann über standardisierte Tests und eine ausführliche Anamnese.
Kann ADHS erst im Erwachsenenalter auftreten?
ADHS beginnt immer in der Kindheit, wird aber oft erst im Erwachsenenalter erkannt. Vor allem die unaufmerksame Form ohne Hyperaktivität wird bei Frauen jahrzehntelang übersehen. Eine Diagnose ist in jedem Alter möglich und sinnvoll.
Quellen #
- van Emmerik-van Oortmerssen K et al. (2012): „A review of the comorbidity of attention-deficit/hyperactivity disorder and substance use disorder.” American Journal of Medical Genetics Part B, 159B(3).
- Wilens TE et al. (2011): „Does ADHD predict substance-use disorders? A 10-year follow-up study of young adults with ADHD.” Journal of the American Academy of Child & Adolescent Psychiatry, 50(6).
- Carpentier PJ, Levin FR (2017): „Pharmacological treatment of ADHD in addicted patients: what does the literature tell us?” Harvard Review of Psychiatry, 25(2).
- Groenman AP, Janssen TW, Oosterlaan J (2017): „Childhood psychiatric disorders as risk factor for subsequent substance abuse: a meta-analysis. Neuroscience & Biobehavioral Reviews, 83, 561–573.</li>
