Acamprosat oder Naltrexon – vor dieser Frage stehen viele Menschen nach dem Alkoholentzug. Beide Medikamente sind gut untersucht und senken das Rückfallrisiko. Sie setzen aber an ganz unterschiedlichen Stellen im Gehirn an. Deshalb geht es weniger darum, welches Mittel „stärker“ ist, sondern darum, welches besser zu Deinem Ziel und Deinem Trinkmuster passt.
Zwei Medikamente, zwei Angriffspunkte im Gehirn #
Langer Alkoholkonsum verändert das Gehirn auf mehreren Ebenen. Zum einen gerät das Gleichgewicht zwischen anregenden und hemmenden Botenstoffen durcheinander. Zum anderen lernt das Belohnungssystem, dass Alkohol sich gut anfühlt. Acamprosat und Naltrexon greifen jeweils an einer dieser beiden Baustellen an.
Acamprosat: das überreizte Gehirn stabilisieren #
Nach dem Entzug ist das Gehirn oft noch lange übererregt. Das Gaspedal Glutamat drückt stärker, als die Bremse GABA gegenhalten kann. Acamprosat soll dieses Ungleichgewicht ausgleichen. Lange galt die Dämpfung des Glutamat-Systems als Erklärung. Neuere Forschung deutet darauf hin, dass auch der Calcium-Anteil des Medikaments eine wichtige Rolle spielt. Der genaue Mechanismus ist bis heute nicht geklärt. Acamprosat wirkt dauerhaft im Hintergrund, unabhängig davon, ob Du trinkst oder nicht.
Naltrexon: dem Alkohol die Belohnung nehmen #
Alkohol setzt im Gehirn körpereigene Endorphine frei. Diese docken an Opioidrezeptoren an und lösen über Dopamin das typische Wohlgefühl aus. Naltrexon blockiert diese Rezeptoren. Der Alkohol verliert dadurch einen Teil seiner belohnenden Wirkung. Das ist besonders dann wichtig, wenn aus einem ersten Schluck schnell mehr wird. Fachleute nennen diesen Effekt Priming. Naltrexon kann diese Kettenreaktion abschwächen.
Was Studien zum Vergleich von Acamprosat und Naltrexon zeigen #
Eine Metaanalyse aus dem Jahr 2013 wertete 64 Studien aus und fragte gezielt, wann welches Medikament am meisten hilft. Das Ergebnis passt zu den unterschiedlichen Angriffspunkten. Acamprosat war etwas wirksamer darin, die Abstinenz aufrechtzuerhalten. Naltrexon war etwas wirksamer darin, schweres Trinken und das Verlangen nach Alkohol zu verringern. Acamprosat wirkte besser, wenn der Entzug vor Behandlungsbeginn abgeschlossen war.
Eine große Übersichtsarbeit von 2023 mit 118 Studien bestätigte beide Mittel als erste Wahl bei einer Alkoholkonsumstörung. Um einen Menschen zusätzlich vor jedem erneuten Trinken zu bewahren, mussten rechnerisch elf Menschen Acamprosat oder 18 Menschen Naltrexon nehmen. Vor einem Rückfall ins schwere Trinken schützte dagegen nur Naltrexon messbar. Wichtig ist aber: In den wenigen Studien, die beide Mittel direkt miteinander verglichen, setzte sich keines klar durch.
Auch hier gibt es einen Gegenbefund. In der großen US-amerikanischen COMBINE-Studie von 2006 wirkte Naltrexon, Acamprosat dagegen nicht besser als ein Scheinmedikament. Die meisten Studien mit positivem Ergebnis für Acamprosat stammen aus Europa und schlossen vor allem Menschen ein, die ganz ohne Alkohol leben wollten.
Acamprosat oder Naltrexon: Für wen eignet sich welches Medikament? #
Aus der Studienlage ergibt sich eine grobe Orientierung, keine feste Regel. Wenn Du nach dem Entzug vollständig abstinent leben willst, spricht vieles für Acamprosat. Wenn Dein größtes Problem der Kontrollverlust ist, also dass aus einem Glas schnell viele werden, spricht vieles für Naltrexon. Auch wer stark auf Auslöser wie Orte, Gerüche oder bestimmte Situationen reagiert, kann von Naltrexon profitieren. Fachleute sprechen hier von Reizreaktivität.
Häufig wird behauptet, Acamprosat lindere zusätzlich Angst, innere Unruhe oder die Beschwerden von PAWS. Das klingt vom Wirkprinzip her plausibel, ist in Studien aber nicht belastbar belegt.
| Acamprosat | Naltrexon | |
|---|---|---|
| Wirkprinzip | Stabilisiert das Gehirn nach dem Entzug (Mechanismus nicht abschließend geklärt) | Blockiert Opioidrezeptoren und dämpft die Belohnung durch Alkohol |
| Am besten belegt für | Abstinenz aufrechterhalten | Schweres Trinken und Verlangen verringern |
| Behandlungsbeginn | Nach abgeschlossenem Entzug | Nach dem Entzug, wirkt besser nach einer Abstinenzphase |
| Einnahme | Mehrmals täglich | Einmal täglich |
| Abbau im Körper | Unverändert über die Nieren | Über die Leber |
| Wichtige Gegenanzeigen | Nierenschwäche, Stillzeit, schwerste Leberschädigung | Akute Leberentzündung, schwere Leberschäden, Einnahme von Opioiden |
| Häufigste Nebenwirkungen | Durchfall | Übelkeit, Kopfschmerzen, Schwindel, Müdigkeit |
| Opioid-Schmerzmittel | Keine Wechselwirkung | Werden in ihrer Wirkung blockiert |
Behandlungsbeginn und Einnahme im Vergleich #
Beide Medikamente kommen nach dem Entzug zum Einsatz und helfen nicht gegen akute Entzugserscheinungen. Acamprosat wird möglichst bald nach dem Entzug begonnen und mehrmals täglich eingenommen. Die übliche Behandlungsdauer liegt bei etwa einem Jahr. Naltrexon wird in der Regel einmal täglich eingenommen. Vor dem Start muss sichergestellt sein, dass Du einige Tage lang keine Opioide genommen hast. Dazu zählen auch manche Schmerz- und Hustenmittel. Sonst kann Naltrexon schlagartig Entzugssymptome auslösen.
Bei beiden Mitteln gilt: Ein Ausrutscher ist kein Grund, die Behandlung abzubrechen. Gerade danach droht der Abstinenz-Verstoß-Effekt, und hier kann Naltrexon seine Stärke ausspielen. Manche Fachleute setzen Naltrexon auch gezielt vor absehbaren Trinksituationen ein. Diese Anwendung ist in Deutschland allerdings nicht von der Zulassung gedeckt. Für das Ziel, die Trinkmenge zu verringern statt ganz aufzuhören, ist hierzulande der verwandte Wirkstoff Nalmefen zugelassen.
Verträglichkeit, Nebenwirkungen und Gegenanzeigen #
Beide Medikamente gelten als gut verträglich und machen nicht abhängig. Der wichtigste Unterschied liegt im Abbau. Acamprosat wird nicht über die Leber verstoffwechselt. Bei einer Fettleber oder vielen anderen Leberschäden kann es deshalb eine Option sein, bei schwerster Leberschädigung ist es aber nicht zugelassen. Weil es über die Nieren ausgeschieden wird, darf es bei eingeschränkter Nierenfunktion nicht eingenommen werden. Die häufigste Nebenwirkung ist Durchfall.
Naltrexon wird in der Leber abgebaut. Bei einer akuten Leberentzündung oder schweren Leberschäden wie einer fortgeschrittenen Leberzirrhose ist es nicht geeignet. Ärzte kontrollieren deshalb die Leberwerte. Häufige Nebenwirkungen sind Übelkeit, Kopfschmerzen, Schwindel, Müdigkeit und Schlafprobleme, die oft in den ersten Wochen nachlassen. Ein praktischer Punkt wird gern übersehen: Naltrexon blockiert auch opioidhaltige Schmerzmittel. Vor Operationen oder bei Unfällen müssen behandelnde Ärzte deshalb Bescheid wissen. Ein Notfallausweis kann sinnvoll sein.
Lassen sich Acamprosat und Naltrexon kombinieren? #
Auf dem Papier ist die Idee naheliegend: Ein Medikament beruhigt das Gehirn, das andere nimmt dem Alkohol die Belohnung. Die Studien dazu widersprechen sich allerdings. Eine Hamburger Studie mit 160 Patienten fand 2003 die niedrigste Rückfallrate unter der Kombination. Sie war deutlich besser als Placebo und als Acamprosat allein, aber nicht als Naltrexon allein. In der deutlich größeren COMBINE-Studie brachte die Kombination dagegen keinen Zusatznutzen. Eine Kombination ist möglich und gilt als sicher. Sie ist aber kein Standard und wird im Einzelfall ärztlich entschieden.
Was der Vergleich für Deinen Weg aus der Sucht bedeutet #
Acamprosat und Naltrexon sind keine Konkurrenten, sondern Werkzeuge für unterschiedliche Aufgaben. Keines der beiden nimmt Dir die Arbeit an Deiner Abstinenz ab. Beide können aber die Chancen spürbar verbessern, vor allem zusammen mit Beratung, Therapie oder einer Selbsthilfegruppe. Welches Mittel für Dich passt, hängt von Deinem Ziel, Deinem Trinkmuster, Deiner Leber- und Nierenfunktion und Deinen anderen Medikamenten ab. Das klärst Du am besten mit einer Ärztin oder einem Arzt mit Erfahrung in der Suchtmedizin. Neben Acamprosat und Naltrexon gibt es weitere Optionen wie Disulfiram oder Baclofen.
Medikamente sind nur ein Baustein der Rückfallprävention. Viele Mitglieder haben Erfahrungen mit Acamprosat oder Naltrexon gemacht. Tausche Dich mit ihnen in unserem Alkoholiker-Forum aus.
Quellen #
- Maisel NC et al. (2013): „Meta-analysis of naltrexone and acamprosate for treating alcohol use disorders: when are these medications most helpful?” Addiction, 108(2).
- McPheeters M et al. (2023): „Pharmacotherapy for Alcohol Use Disorder: A Systematic Review and Meta-Analysis.” JAMA, 330(17).
- Anton RF et al. (2006): „Combined pharmacotherapies and behavioral interventions for alcohol dependence: the COMBINE study: a randomized controlled trial.” JAMA, 295(17).
- Kiefer F et al. (2003): „Comparing and combining naltrexone and acamprosate in relapse prevention of alcoholism: a double-blind, placebo-controlled study.” Archives of General Psychiatry, 60(1).
- Spanagel R et al. (2014): „Acamprosate produces its anti-relapse effects via calcium.” Neuropsychopharmacology, 39(4).
Häufig gestellte Fragen zu Acamprosat und Naltrexon #
Acamprosat soll das nach dem Entzug übererregte Gehirn stabilisieren und wirkt unabhängig davon, ob getrunken wird. Naltrexon blockiert Opioidrezeptoren und nimmt dem Alkohol einen Teil seiner belohnenden Wirkung. Beide senken das Rückfallrisiko, aber auf unterschiedlichen Wegen.Was ist der Unterschied zwischen Acamprosat und Naltrexon?
Für das Ziel, nach dem Entzug ganz ohne Alkohol zu leben, schneidet Acamprosat in Metaanalysen etwas besser ab. Direkte Vergleichsstudien zeigen allerdings keine klare Überlegenheit eines der beiden Mittel. Die Entscheidung sollte ärztlich und individuell getroffen werden.Welches Medikament ist besser für die vollständige Abstinenz?
Ja, darin liegt seine Stärke. Naltrexon verringert in Studien vor allem schweres Trinken und das Verlangen nach Alkohol. Es kann verhindern, dass aus einem Ausrutscher ein vollständiger Rückfall wird.Hilft Naltrexon gegen Kontrollverlust beim Trinken?
Ja, die Kombination gilt als sicher. Ob sie besser wirkt als ein Mittel allein, ist aber unklar, weil sich die Studien widersprechen. Sie ist deshalb kein Standard und wird im Einzelfall ärztlich entschieden.Kann man Acamprosat und Naltrexon gleichzeitig nehmen?
Naltrexon blockiert die Wirkung opioidhaltiger Schmerzmittel. Vor Operationen, beim Zahnarzt oder nach Unfällen sollten behandelnde Ärzte deshalb wissen, dass Du Naltrexon nimmst. Wer Opioide einnimmt, darf Naltrexon nicht beginnen.Was muss ich bei Naltrexon und Schmerzmitteln beachten?

